Novartis

Herr Narasimhan, übernehmen Sie! Neuer Novartis-Chef setzt auf Kulturwandel

Nach dem Ende der achtjährigen Ära von Joseph Jimenez will der neue Novartis-CEO einen Kulturwandel im Pharmakonzern durchsetzen: Wie der Mediziner Vas Narasimhan Novartis als neuer Konzernchef wieder auf Wachstum trimmen will.

Laurina Waltersperger
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Stabübergabe: Der scheidende CEO Joe Jimenez (links) übergibt die Novartis-Konzernleitung an seinen Nachfolger Vas Narasimhan GEORGIOS KEFALAS/Keystone

Stabübergabe: Der scheidende CEO Joe Jimenez (links) übergibt die Novartis-Konzernleitung an seinen Nachfolger Vas Narasimhan GEORGIOS KEFALAS/Keystone

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Es ist ein Handschlag, den ein ausgedehntes Blitzgewitter der Fotografen begleitet. Der scheidende Novartis-CEO Joe Jimenez legt die Zukunft des Pharmakonzerns in die Hände seines Nachfolgers Vas Narasimhan.

Es ist der Start einer neuen Ära. Nach mehreren «Übergangs»-Jahren ende diese Phase mit dem Abschluss des Geschäftsjahres 2017, sagt Narasimhan am Mittwoch zu den Medien. Er will mit dem Konzern in eine neue Wachstumsphase aufbrechen. Endlich auch wieder bei der Profitabilität. «Wir sind gut unterwegs, dieses Versprechen einzulösen.»

Die Ausgangslage dafür präsentiert sich solid. Endlich. Die Augenheilsparte, das frühere Sorgenkind des Konzerns, erholt sich weiter beim Umsatz und erstmals auch zögerlich bei der Profitabilität (siehe Tabelle). Die «raue Zeit» schlechter Margen sei mit dem Abschluss 2017 vorbei, sagt Jimenez. Diese Entwicklung müsse sich nun über mehrere Quartale fortsetzen. Man werde am bisherigen Fahrplan festhalten und im ersten Halbjahr 2019 entscheiden, ob Novartis Alcon aus dem Konzern löse und an die Börse bringe, so sein Nachfolger Narasimhan.

Generika-Geschäft darbt weiter

Bei der Generika-Tochter Sandoz ist der neue Chef künftig mehr gefordert. Die Sparte hat 2017 mit 10,1 Milliarden Dollar leicht weniger verdient als im Vorjahr. Besonders stark hat das Geschäft mit herkömmlichen Generika in den USA gelitten. Dort erodierten die Preise. Ein Problem, das sich weiter zuspitzen wird. Zuletzt hat Novartis im Oktober ihre Produktionsanlage in US-Bundesstaat Colorado geschlossen. Das Geschäft mit niedrig-margigen, einfachen Generika steht zur Disposition. «Wir müssen diesen Bereich strategisch überdenken und aggressiver umgestalten», sagt Narasimhan. Einen festen Zeitplan für einen Entscheid gebe es aber nicht.

Novartis warnt vor Initiativenflut

Die politischen Vorstösse sind zahlreich, mit denen sich Novartis in der Schweiz aktuell konfrontiert sieht. Auch für die Zukunft ist keine Besserung in Sicht. Stichworte: Masseneinwanderungsinitiative, Konzernverantwortungsinitiative, Begrenzungsinitiative. Diese Vorstösse nimmt man bei Novartis ernst. Der Konzern habe in der Schweiz ein sehr gutes Umfeld, doch: «Das Umfeld verschlechtert sich zunehmend», sagt André Wyss, Chef von Novartis Schweiz. Die «Initiativenflut» schwäche den Schweizer Wirtschaftsstandort. Noch sei die Schweiz in Sachen Innovation die Nummer eins.

Als aktuellstes Beispiel nennt Wyss am Mittwoch vor den Medien die Konzernverantwortungsinitiative. Diese schiesse laut Wyss über das Ziel hinaus. Vor allem mittelgrosse Schweizer Unternehmen hätten damit zu kämpfen. «Wir haben die Mittel, um mit solchen Initiativen umzugehen», so Wyss. Doch er sagt klar: «Wir müssen in der Schweiz vorsichtig sein, um den Standort nicht zu schwächen.» Denn gerade die USA, aber auch andere Länder, unternähmen grosse Anstrengungen, um für Firmen attraktiver zu werden.

«Aktuell sehen wir aber keine Bedrohungslage in der Schweiz, die unsere Strategie beeinflusst», sagt der Schweiz-Chef weiter. Doch die Situation verändere sich schleichend. Auch ausländische Firmen würden sich sicher überlegen, wie sie in Zukunft reagieren werden. Vor allem wenn sich das Umfeld zunehmend verschlechtere. Die Entwicklung rund um USR III sieht Novartis gelassen, obwohl Wyss die Wichtigkeit der Vorlage für die Schweiz hervorhebt «Die Schweiz muss vorwärtsmachen.» (phf)

Auch im Geschäft mit neuen Arzneien hat der 41-jährige Amerikaner einiges zu tun. Bis 2020 will der Konzern zwölf Medikamente «mit Blockbuster-Potenzial» am Markt lancieren. Das ist alles andere als ein einfaches Vorhaben. Etwa im Krebsgeschäft lief die jüngste Lancierung des Brustkrebsmittels Kisqali nicht nach Plan. «Wir sind langsamer gestartet, als wir gehofft hatten», so Narasimhan. Das Problem: Der Markt in dieser Wirkstoffklasse ist bereits von Marktführer Pfizer besetzt. Da Novartis bisher keinen entscheidenden therapeutischen Mehrwert mit Kisqali vorlegen konnte, setzen viele Ärzte lieber auf die bereits bekannte Pfizer-Arznei. Hier muss Novartis ansetzen. Der Konzern will dann auch bald neue klinische Daten in bestimmten Patientengruppen vorlegen, um Marktanteil zu gewinnen.

Das verdeutlicht: Der Arzt und Wissenschafter Narasimhan muss weiter am Mantra des Managements bauen: Erster oder Bester in einer Wirkstoffklasse zu sein. Nur dann sind heute noch hohe Arzneimittelpreise durchsetzbar. Vor diesem Hintergrund will Narasimhan die Felder des Konzerns weiter fokussieren und gleichzeitig stark in die Digitalisierung investieren. Wie das gehen soll, hat er in seiner bisherigen Rolle als Entwicklungschef bereits gezeigt. Er hat die Forschungs-Pipeline stark aussortiert und die Suche nach neuen technologischen Wegen lanciert, um etwa bei klinischen Studien, die Geschwindigkeit, Effizienz und Qualität zu steigern.

Die Digitalisierung ist sein Steckenpferd. Das wird im direkten Gespräch klar. Neben Investitionen in Technologien will der papierlose Chef künftig ebenfalls im Bereich marktreifer Arzneien zukaufen. Auch unter seiner Ägide werde es aber bis auf weiteres keine Grossakquisition geben. Trotzdem ist der Konzern mit einzelnen Zukäufen von bis zu zehn Milliarden Dollar nun bereit, für ein Übernahmeziel doppelt so viel wie bisher zu zahlen.

Auch für die Novartis-Belegschaft soll sich unter Narasimhan einiges ändern. Er will die Kultur des Konzerns ändern: die Basis stärken, die Bürokratie des Riesentankers abbauen. «Wir wollen, dass Ideen gewinnen, nicht Hierarchien.»

Das ist ein ambitioniertes Ziel in einem Konzern, der jahrelang primär vom Zahlendenken geprägt wurde. Aber aller Anfang ist schwer – die gewinnende Art für den Aufbruch hat Narasimhan zumindest. Ruhig beantwortet er die zahlreichen Fragen der Presse. Unprätentiös, gradlinig, eloquent. «Ich hoffe, das war eine gute Pressekonferenz für Sie», sagt er, als er das Rednerpult verlässt.