AZ Medien
Herr Wüstmann, übernehmen Sie sich nicht mit Ihren Investitionen?

AZ Medien weisen 2013 einen kleineren Gewinn aus als noch im Jahr zuvor. CEO Axel Wüstmann ist dennoch zufrieden und spricht im Interview über das Umsatzziel des Onlineportals Watson und seine Ambitionen mit TV24.

Christian Dorer und Thomas Schlittler
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Axel Wüstmann, CEO AZ Medien: «Die ausgeprägte Lokalpolitik macht Zeitungen unentbehrlich.»Chris Iseli

Axel Wüstmann, CEO AZ Medien: «Die ausgeprägte Lokalpolitik macht Zeitungen unentbehrlich.»Chris Iseli

Herr Wüstmann, Sie kommen aus Deutschland und kennen die Schweiz wenig. Wieso sind Sie der richtige Mann an der Spitze der AZ Medien?

Axel Wüstmann: Die Frage, ob ich der Richtige bin, müssen Sie anderen stellen. Was ich mit Blick von aussen feststelle: Der Schweizer Markt hat ein paar Vorteile im Vergleich zu Deutschland und anderen Ländern. Zeitungen haben eine hohe Bedeutung. Das Bildungsniveau ist im Schnitt höher, die Arbeitslosigkeit tiefer. Zudem gibt es auf Kantonal- und Gemeindeebene eine ausgeprägte Lokalpolitik, die Zeitungen unentbehrlich macht. Und weil der Markt klein ist, sind amerikanische Spieler wie Amazon oder Yahoo nicht so prominent vertreten wie in anderen Ländern.

2012 präsentierten die AZ Medien ein Rekordergebnis von 19 Millionen Franken Gewinn, 2013 sind es 1,8 Millionen. Was ist passiert?

Jahresergebnis: Gewinnrückgang

Die AZ Medien haben im Geschäftsjahr 2013 einen Reingewinn von 1,8 Millionen Franken erzielt. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein deutlicher Rückgang. Die Ursachen sind Abschreibungen, Investitionen sowie der rückläufige Rubrikenmarkt. Zudem wirkten sich im Jahr 2012 die Verkäufe des Langenthaler Tagblatts und von Radio 32 positiv auf das Ergebnis aus. Das operative Ergebnis (Ebitda) ging um 13,3 Prozent auf 28,6 Millionen Franken zurück. Hier schlug der Umsatzrückgang im Rubrikenmarkt mit mehr als 4 Millionen Franken am stärksten negativ zu Buche. Ein noch stärkerer Rückgang ist durch Kostendisziplin und Sparmassnahmen verhindert worden. Positive Effekte verzeichnen das Abonnementgeschäft, die Geschäftsbereiche Druck und TV sowie der Buchverlag. Der Gruppenumsatz ging um 3,8 Prozent auf 242,2 Millionen Franken zurück, hauptsächlich resultierend aus der rückläufigen Umsatzentwicklung im Kerngeschäft. Die AZ Medien haben 2013 Investitionen in der Höhe von 45 Millionen Franken beschlossen. Insbesondere in die neue Druckmaschine, den neuen TV-Sender «TV24» sowie das neue Online-Newsportal «Watson». (TSC)

Trotzdem: Mit 1,8 Millionen Franken Gewinn bei 242 Millionen Umsatz können Sie nicht zufrieden sein.

Nein, unser Anspruch ist höher. Wichtig ist aber in erster Linie, dass wir ein operatives Betriebsergebnis von 28,6 Millionen Franken erwirtschaftet haben. Bei einem Umsatz von 242 Millionen entspricht das einer operativen Gewinnmarge von knapp 12 Prozent – das ist ein akzeptabler Wert.

Wird es weitere Sparpakete geben?

Ein explizites Sparpaket nicht. Um das Ergebnis 2013 zu erreichen, haben wir bereits diverse Massnahmen ergriffen. Punktuell werden wir das weiterhin dort tun, wo es schwierig ist, Geld zu verdienen. Auf der anderen Seite werden wir in unsere neuen Geschäfte investieren. Wir haben 2013 Investitionen von 45 Millionen Franken beschlossen: unter anderem in eine Druckmaschine, in das Onlineportal Watson und in den neuen Sender TV24.

Übernehmen Sie sich damit nicht?

Nein, sonst würden wir es nicht tun. Aber klar: Das sind bedeutende Investitionen. Die Frage ist, ob diese Substanz haben und in zwei, drei Jahren werthaltig sind. Wenn ja, dann waren es gute Entscheidungen.

Ist Watson werthaltig?

Watson ist sicher die Investition mit dem grössten unternehmerischen Risiko. Das liegt in der Natur des digitalen Geschäfts. Wenn wir da rein wollen, müssen wir ein solches Risiko eingehen.

Sie geben noch keine Zahlen zu Watson bekannt. Warum diese Geheimniskrämerei?

Das ist keine Geheimniskrämerei! Wir sind Ende Januar gestartet. Es ist doch normal, dass man einem solchen Unternehmen erst mal ein paar Monate Zeit gibt, um Flughöhe zu erreichen. Bisher sind wir sehr zufrieden, was die Technologie, die journalistische Leistung und die Anzahl Nutzer betrifft – allen Unkenrufen der Branche zum Trotz.

Wie gross soll Watson werden?

Watson soll einen Umsatz um die 10 Millionen Franken oder mehr erreichen.

Wie lange hat Watson Zeit dafür?

Zwei, drei Jahre auf alle Fälle, um die richtige Entwicklung zu zeigen. Ein solches Projekt kann man nicht nur ein Jahr lang betreiben, das braucht Zeit.

Wie gefällt Ihnen persönlich Watson als Nutzer?

Gut! Wobei ich es zusätzlich zu anderen Newsportalen nutze, obwohl ich selber an der Entstehung beteiligt war. Einzigartig ist die Benutzerfreundlichkeit. Watson ist nicht herkömmlich aufgebaut, und trotzdem findet man sich sofort zurecht. Watson hat interessante Geschichten und eine gute Mischung.

Was finden Sie wirklich speziell?

Ich finde die Sportberichterstattung einzigartig. Und zwar egal ob Fussball, Eishockey oder Olympia. Dort wirken auch die Bilder am stärksten. Nicht zuletzt die Bewegtbild-Ausschnitte in den Live-Tickern.

Die AZ Medien machen heute weniger als fünf Prozent des Umsatzes digital – das ist wenig.

Wir wollen den Anteil deutlich erhöhen. Ziel sind zehn Prozent in den kommenden fünf Jahren. Das heisst, wir wollen in Richtung 20 Millionen Franken Umsatz kommen.

Um im Internet mehr Geld zu verdienen, könnte eine Paywall helfen. NZZ und Tages-Anzeiger haben diese bereits eingeführt, wann kommt sie bei den AZ Medien?

Im Sommer. Aber ich hadere mit dem Begriff «Paywall». Wir wollen ja keine Mauer aufstellen. Der erste Schritt wird darin bestehen, dass sich die Nutzer registrieren. Gleichzeitig müssen wir daran arbeiten, dass sie viel häufiger unsere Seiten besuchen als bisher. Und schliesslich müssen wir herausfinden, wofür sie bereit sind, zu zahlen – und das ist sehr spezifisch: für den einen ist es die Regionalgeschichte, für den anderen der Sport. Da müssen wir experimentieren. Ich mache mir aber keine Illusionen: Für längere Zeit werden wir online mehr Geld mit Werbung verdienen als mit Erlösen aus einer Paywall oder App.

Ein anderer Online-Ertragspfeiler wären Rubrikenmärkte wie Immobilien, Stellen und Autos. Andere Verlagshäuser haben Portale zugekauft, die AZ Medien haben sich zurückgehalten. War das ein Fehler?

Nein, denn die Rubrikenmärkte sind ein nationales, wenn nicht sogar internationales Geschäft. In dieser Liga spielen Tamedia, Ringier und Springer. Wir hingegen legen unseren Fokus auf die Nordwestschweiz. Hier sind wir breit aufgestellt mit Tageszeitungen, einer Sonntagszeitung, Anzeiger, Zeitschriften, TV-Stationen und Druckereien – ein breit abgestütztes Portfolio und eine gute Ausgangslage für die Zukunft.

Wie kommt die Offensive mit der «bz Basel» und der Basel-Ausgabe der «Schweiz am Sonntag» voran?

Die «bz Basel» hat sich bei den Erlösen sowohl im Anzeigen- als auch im Abonnement-Markt positiv entwickelt. Ich gehe davon aus, dass wir den Kurs fortsetzen werden. Operativ machen wir bereits Gewinn, die Frage ist, wie viel wir in das Wachstum investieren. Momentan investieren wir.

Mit der Affäre um falsche Auflagezahlen ist die Basler Konkurrenz «Tages-Woche» klinisch tot. Hilft Ihnen das?

Im Gegenteil, die Affäre schadet der Printbranche. Zudem habe ich noch nie gesehen, dass es in einer Branche jemandem geholfen hat, wenn ein anderer derart in Schwierigkeiten gerät.

Zur Fernsehfamilie: Mit TeleM1, TeleZüri und TeleBärn gibt es im Unternehmen drei regionale TV-Sender. Am 12. Mai wird TV24 lanciert. Was bringt dieser zusätzliche Sender?

Das TV-Geschäft entwickelt sich besser als andere Bereiche. Deshalb wollen wir dort wachsen. Mit dem Deutschschweizer Sender TV24 haben wir gute Karten.

Aber wo sollen die Zuschauer herkommen? Im Mittelland, in Zürich und Bern sind Sie ja bereits mit den bestehenden Sendern präsent. Wollen Sie Basel oder die Ostschweiz erobern?

Bei TV24 schauen wir nicht auf die Region, es ist ein überregionaler Sender. Die Leute sollen weniger SRG, 3plus, Sat1 und RTL schauen, weil sie sagen: TV24 ist Qualitätsfernsehen. Die haben Eigenproduktionen, die haben gute Serien und die haben Nachrichten. Diese Konstellation gibt es in der privaten Senderlandschaft kaum. Meist fehlt eines dieser Elemente.

Werden die News ein Best-of von TeleM1, TeleZüri und TeleBärn?

Nicht nur. Einerseits werden wir uns sicher bei den bestehenden Sendern bedienen. Es wird aber auch zusätzliche nationale Inhalte geben und einen eigenen Auftritt, mit eigener Moderation.

Sie sind nun seit zehn Monaten im Amt. Hand aufs Herz: Wenn es hart auf hart kommt, entscheidet doch Peter Wanner?

In allen zentralen strategischen Fragen stimmen wir uns sehr eng ab. Bis dato haben wir immer eine sehr gute Linie gefunden. Anders ist unsere Entscheidungsgeschwindigkeit in den letzten zehn Monaten nicht zu erklären. Eines ist aber klar: Peter Wanner ist Verleger, Verwaltungsratspräsident und Mehrheitsaktionär. Damit hat er das letzte Wort.

Ihre Familie lebt immer noch in Hamburg. Wie machen Sie das?

Momentan fliege ich am Montag ein, am Wochenende bin ich in Hamburg. Heute kommt meine Familie in die Schweiz für vier Tage Osterurlaub. Anfang März waren wir zehn Tage in Zermatt Ski fahren. Auch auf dem Pilatus und im Haslital waren wir schon alle zusammen. Wir erkunden gerade die Schweiz und als Münchner Familie gefällt es uns hier sehr gut.

Gibt es manchmal Vorurteile gegenüber Ihnen, weil Sie Deutscher sind?

Nein, davon kann ich nichts erkennen – weder privat noch beruflich. Im Gegenteil: Viele Menschen sagen mir, «keine Sorge, du warst mit der Abstimmung vom 9. Februar nicht gemeint ...» Ich fühle mich hier sehr wohl.

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