Hiesige Firmen lieben Ausländer

Internationale Ausrichtung der Geschäfte und spezifische Anforderungen bringen immer mehr Schweizer Firmen dazu, für Top-Jobs auf ausländische Kräfte zurückzugreifen. Besonders beliebt sind Deutsche.

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Keystone

Niklaus Mäder

Schauplatz Schweizer Chefbüro: Am Morgen ist hier immer seltener ein freundliches Grüezi zu hören. Stattdessen heisst es «Hello», «Bonjour» und «Guten Morgen». 45 Prozent der Chefs der Schweizer Grossunternehmen stammen inzwischen aus dem Ausland - Tendenz steigend. Dies ergab eine Umfrage der Headhunter-Firma Guido Schilling & Partner, welche 112 der grössten in der Schweiz tätigen Gesellschaften befragte.

Die Chefs müssen häufiger gehen

Hektik in der Krise: Als seien es Fussballtrainer, wechseln die Schweizer Unternehmen bei einem schlechten Wirtschaftsgang ihre Chefs aus. Während der letzten 12 Monate ersetzte jede fünfte Firma gemäss der Umfrage von Guido Schilling &Partner ihren CEO. Von diesen 22 Abgängen liessen sich 4 frühpensionieren, 11 übernahmen innerhalb des Unternehmens eine neue Aufgabe und 7 «suchten eine neue Herausforderung», was normalerweise auf eine Entlassung hindeutet. Damit hat sich die Zahl der Führungswechsel im Vergleich zur Vorjahresstudie verdreifacht, gegenüber derjenigen aus dem Jahr 2007 verdoppelt. Ob es in jedem Fall Sinn macht, gerade im schlimmsten Sturm den Kapitän auszuwechseln, scheint fraglich. Sicher ist hingegen, dass ein Wechsel meist ins Geld geht. So erhielt ABB-Chef Joe Hogan im letzten Herbst allein für seinen Amtsantritt 13 Millionen Franken, davon 10 Millionen in Aktien, gutgeschrieben. (NME)

Besonders viele Ausländer tummeln an der Spitze der zwanzig Börsenschwergewichte, die im Aktienindex SMI vereint sind: ABB-Chef Joe Hogan besitzt den US-Pass, Oswald Grübel - der neue starke Mann bei der UBS - ist gebürtiger Deutscher, der beim Personalvermittler Adecco ab 1. Juni das Zep- ter schwingende Patrick De Maeseneire kommt aus Belgien. Kein Zufall: Inzwischen stammen 55 Prozent der CEOs der SMI-Konzerne aus dem Ausland, 2006 lag dieser Anteil erst bei 40 Prozent.

Doch nicht nur auf den Chefsesseln finden sich immer mehr Manager ausländischer Abstammung, auch in den Geschäfsleitungen insgesamt wächst ihr Anteil. In den SMI-Unternehmen stellen sie mit 65 Prozent inzwischen sogar die grosse Mehrheit. Besonders häufig sind in den Teppichetagen der Schweizer Unternehmen Deutsche anzutreffen: 14 Prozent der Mitglieder von Geschäftsleitungen stammen aus dem nördlichen Nachbarland. Auch die Briten und Amerikaner sind auf dem Vormarsch. Im letzten Jahr wurden 40 Anglosachsen neu in Geschäftsleitungen berufen, zwei mehr als Deutsche.

Schweizer Markt zu klein

Was ist los mit den Schweizern: Warum schaffen sie es nicht, die Top-Jobs im eigenen Land zu ergattern? Immerhin verfügt die Schweiz um weltweit geachtete Universitäten und Hochschulen. Führungskräfte-Vermittler Guido Schilling relativiert. In der Schweiz seien viele international ausgerichtete Unternehmen tätig. Wenn sich ein Konzern stark im asiatischen Raum engagiere, suche er für die Geschäftsleitung ein Mitglied, das aus diesem Gebiet stamme oder zumindest längere Zeit dort gearbeitet habe. Zudem seien in der kleinen Schweiz meist nur sehr wenige geeignete Kandidaten zu finden. Die Grossunternehmen stellten neben der Persönlichkeit zwei zentrale Anforderungen an ihre Geschäftsleitungsmitglieder: Branchenkenntnisse und Management-Erfahrung. Solche Manager gibt es oft nur mit ausländischem Pass.

Doch nicht Ausländer machen in der Schweiz Karriere, auch Schweizer können es im Ausland weit bringen: So übernimmt Peter Voser im Juli den Chefposten beim Ölkonzern Shell und Joseph Ackermann leitet seit 2006 die Geschicke der Deutschen Bank.