Generalversammlung
Hochs und Tiefs der Wirtschaft

Während sich draussen die Weltwirtschaftskrise austobt, schwimmen Grenchens Wirtschafts- und Industrievertreter im Parktheater bewusst gegen den Strom. An der Generalversammlung ihres Verbandes genossen sie leichte Kost und den Austausch.

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Grenchner Tagblatt

Urs Byland

Die einen kämpfen, und andere profitieren

Die aktuelle wirtschaftliche Lage präsentiert sich nicht in allen Branchen gleich. Walter Sahli, Sintron AG (Kunststoffteile), berichtet vom «klassischen» Programm: «Unser Betrieb ist ebenso betroffen wie andere auch. Wir hatten in kleinem Umfang Personalabbau, Kurzarbeit und liessen Ferien- sowie Überzeit abbauen. Wir schauen aber peinlich genau darauf, kein Know-how zu verlieren.» Gewinner der Krise ist Daniel Siegenthaler, Treuhand Strasser: «Bei uns läuft es sehr gut im Moment, natürlich bedingt durch die Wirtschaftskrise. Wir müssen Firmen eng begleiten, besonders im finanziellen Bereich.» Neue Kunden gewinnen auch einige Banken. «Wir profitieren sicher etwas von der UBS-Geschichte», sagt Daniel Felder, Baloise Bank SoBa. Und bestens läuft es bei Hansruedi Gottier, Micro Crystal (Schwingquarze): «Uns geht es sehr gut. Wir haben viele Aufträge, insbesondere aus Asien. Das Personal muss aufgestockt werden, kann aber innerhalb der Holding rekrutiert werden.» Die Micro Crystal wuchs aus der Firma ETA, die einen leichten Rückgang vermelden muss. «Die wirtschaftliche Lage ist nicht so schlecht wie bei der restlichen Uhrenbranche. Wir haben einen Rückgang zwischen 10 und 15 Prozent, konnten aber bisher alle Arbeitsplätze halten. Wir schicken die Leute mehr in die Ferien. Prognosen sind verhalten optimistisch», sagt Serge Gafner, ETA. Gut geht es dafür Erich Blösch, Blösch AG (Oberflächenbearbeitung): «Wir haben sehr eigenständige Produkte und sind im Moment nicht von der Krise betroffen.» Wenig zu lachen haben dafür Zulieferer. «Wir kämpfen um Aufträge und hoffen auf bessere Zeiten», erklärt Werner Bürgin, Rolla Microgear (Zulieferbetrieb Microteile). (uby)

Der Berner Sprachkünstler Pedro Lenz und die «Kleinen Bärgbrünnli» sorgten für die lockere Stimmung. Den Voten von Walter Sahli, Präsident des Industrie- und Handelsverbandes Grenchen und Umgebung (IHVG) war zu entnehmen, dass die Anwesenden genug Probleme im Alltag zu bewältigen haben und nicht noch einmal wiedergekäut haben wollen, was im letzten Jahr die Wirtschaft plagte, weshalb dem Motto der GV entsprechend «Vernetzung und Austausch» im Vordergrund des Anlasses stand. So war auch beim abschliessenden «Apéro très riche» genügend Zeit im Parktheater für Gespräche und Kontakte eingeplant.

Dennoch gilt es von der GV des Verbandes, der im vergangenen Jahr um ein Mitglied auf 89 mit 6417 Arbeitnehmern gewachsen ist, zwei Punkte hervorzuheben. Da ist einmal von einem grösseren Wechsel im Vorstand zu berichten. Den Rücktritten von Roland Streule (Rado), Wolfgang Heutschi (CS, Kassier) und Christof Gasser (ETA) standen nicht weniger als sechs Neueintritte in den Vorstand gegenüber. Gewählt wurden Erwin Fischer (Lengnau), Serge Gafner (ETA), Hanspeter Gottier (Micro Crystal), der ehemalige FdP-Gemeinderat Jürg Lerch und Roland Schaller (CS, neu Kassier). Ebenfalls in den Vorstand gewählt wurde der Geschäftsführer des IHVG, Jean-Claude Cattin. Er übernimmt zugleich das Amt des Vizepräsidenten von Beat Aebi, der weiterhin im Vorstand verbleibt, aber aus geschäftlichen Gründen kürzertreten muss.

«Die aktuelle Lage ist volatil»

Der zweite Punkt betrifft den präsidialen Jahresrückblick, der sich zu einer Standortbestimmung der Wirtschaft entwickelte. «Die aktuelle Lage ist volatil», bemühte sich Walter Sahli um einen prägnanten Ausdruck. Einige Branchen würden gut laufen, auch im Industriebereich beispielsweise die Medtech-Branche. «Aber viele Industrien leiden.» Dies belegte er mit Zahlen der Zollverwaltung: Metallindustrie minus 37 Prozent Ausfuhren, Uhrenindustrie minus 26 Prozent oder Maschinenindustrie minus 25 Prozent. Nach einer leichten Erholung im Sommer erwarte er einen Taucher im 4. Quartal. Gründe dafür sieht er im Auslaufen von Konjunkturprogrammen, in Jahresendstopps der Produktion und beim Rückgriff auf Lagerbestände. Grossen Einfluss habe diese Entwicklung auf die Arbeitslosenzahlen. In Grenchen liegt der Wert bei 7,2 Prozent, beinahe doppelt so hoch wie der schweizerische Durchschnitt. Besonders betroffen seien die Jugendlichen mit bis zu 10 Prozent bei den unter 20-Jährigen. Dem viel entgegensetzen könne der IHVG nicht. «Wir hoffen, dass sich die Situation bessert.»

Politische Führung als Problem

Die Wirtschaft plage aber ein weiteres Problem. «Die schwache politische Führung auf Stufe Schweiz.» Walter Sahli nannte Beispiele der Sünden wie die Gaddafi-Affäre, die UBS-Affäre oder das Weissbuch der OECD. «Wir sind erpressbar geworden.» Die Vorteile des Standortes Schweiz würden schwinden, was Auswirkungen auf die Allgemeinheit nach sich ziehe. «Wir leben auf einem hohen Niveau und können dementsprechend tief fallen. Es ist unsere Aufgabe», sprach er zu den versammelten Wirtschaftsvertretern, «dafür zu sorgen, dass auch die kommende Generation den Lebensstandard, den wir erarbeiteten, geniessen kann.»