HOLLAND/DEUTSCHLAND: Verunsicherung nach Eier-Skandal

Nachdem insektizidbelastete Eier aufgetaucht sind, haben die Behörden und die Detailhändler reagiert. Der Discounter Aldi verkauft in Deutschland vorerst keine Eier mehr.

Helmut Hetzel, Den Haag
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Seit Donnerstag gilt bei Detailhändlern in Deutschland ein Verkaufsstopp für Eier aus den Niederlanden. (Bild: Filip Singer/EPA)

Seit Donnerstag gilt bei Detailhändlern in Deutschland ein Verkaufsstopp für Eier aus den Niederlanden. (Bild: Filip Singer/EPA)

Helmut Hetzel, Den Haag

Angefangen hat der Skandal vergangene Woche, als das Insektizid Fipronil in den Eiern von zunächst sieben Geflügelbetrieben in den Niederlanden gefunden wurde. Ein Unternehmen hatte es benutzt, um Läuse auf den Höfen zu bekämpfen. In ihren ersten Ermittlungen kontrollierte die Staatsanwaltschaft alle 180 Kunden des Schädlingsbekämpfungsunternehmens. Darauf wurde in den Eiern von 30 Geflügelbetrieben das schädliche Insektizid entdeckt. Innerhalb von wenigen Tagen hat sich der Gifteier-Skandal aus den Niederlanden nach Deutschland ausgeweitet. Millionen Eier mit Fipronil-Rückständen waren in den Verkauf gelangt.

Das Insektizid Fipronil wird unter anderem als Pflanzenschutzmittel eingesetzt. In der Tiermedizin findet es Verwendung als Mittel gegen Flöhe und Zecken bei Katzen sowie Hunden, aber auch zur Bekämpfung von Läusen, Schaben und Milben. Die Anwendung bei Tieren, die Lebensmittel liefern, ist verboten. Denn in Tierversuchen hatte sich Fipronil als akut giftig erwiesen. Der Stoff kann Schäden am Nervensystem verursachen und Organe wie Leber, Nieren oder Schilddrüse angreifen. Beim Menschen kann Fipronil in höheren Dosen zu Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen führen. Fipronil gilt jedoch nicht als krebserregend.

Die niederländische Firma Chickfriend hat das Fipronil offenbar zur Bekämpfung der Blutläuse bei Hühnern eingesetzt. Bezogen hat Chickfriend das Fipronil vom belgischen Unternehmen Poultry-Vision. Nach bisherigen Informationen hat Poultry-Vision das Insektizid offenbar illegal beigemischt. So kam der Giftstoff in den Körper der Hühner und über die Legehennen in die Eier.

Die aktuell gemessenen Fipronil-Werte in den belasteten Eiern überschreiten nach Angaben der deutschen Behörden zwar nicht die Referenzwerte, bis zu denen Lebensmittel ohne erkennbares Risiko aufgenommen werden können. Allerdings warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung vor einem grundsätzlich möglichen gesundheitlichen Risiko für Kinder beim Verzehr belasteter Hühnereier. «In den übrigen Fällen ist eine gesundheitliche Beeinträchtigung praktisch ausgeschlossen», hiess es beim Bundesinstitut für Risikobewertung in Deutschland.

Millionen von Eiern wurden vernichtet

Inzwischen wurden Millionen von Eiern in den Niederlanden und in Deutschland, dem wichtigste Abnehmerland von Eiern aus Holland, vernichtet. Die deutschen Discounter Aldi-Süd, Aldi-Nord und Lidl sowie der Einzelhändler REWE nahmen die holländischen Eier alle aus ihren Regalen.

Aldi will vorerst überhaupt keine Eier mehr verkaufen und fordert von den Lieferanten ab sofort ein Zertifikat. Darin muss stehen, dass die Eier, die geliefert werden, kein Fipronil enthalten. Auch Rewe will in Deutschland keine Eier aus den Niederlanden mehr verkaufen. In den Niederlanden hat die zum Ahold-Konzern gehörende Einzelhandelskette Albert Heijn ihre Eierregale ebenfalls weitgehend geleert. Die niederländische Lebensmittelkontrollbehörde Nederlandse Voedsel- en Warenautoriteit (NVWA) teilte mit, dass in 138 Hühnerfarmen, die bisher untersucht worden sind, das Gift Fipronil in den Eiern gefunden wurde. Bis zum Wochenende will die NVWA alle rund 200 niederländischen Hühnerfarmen unter die Lupe genommen haben.

In den Niederlanden wächst der wirtschaftliche Schaden, den die sich immer weiter ausweitende Gifteier-Krise anrichtet. Er geht in zweistellige Millionenbeträge. Vielen dieser Hühnerfarmen droht nun der Bankrott. Sie können ihre Eier nicht mehr verkaufen und müssen auch die Legehennen, die mit Fipronil verseuchte Eier legen, töten. Tierschützer protestieren gegen die Tötung der Hennen.

Strafrechtliche Ermittlungen laufen auf Hochtouren

Die strafrechtlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Sachen Gifteier-Skandal laufen auf Hochtouren. Auch die Haager Regierung hat sich – trotz Sommerpause – zu Wort gemeldet. «Wir wollen wissen, wie es zu dieser Eierkrise kommen konnte. Wir wollen wissen, wie das Insektizid Fipronil in die Eier kam. Die Nachricht, dass dieser Stoff in einem Lebensmittel enthalten ist, wo er nicht hingehört, hat zu einer grossen Verunsicherung geführt. Sie tastet das Vertrauen der Verbraucher in die Lebensmittelsicherheit an», schreiben die niederländische Gesundheitsministerin Edith Schippers und der Staatssekretär für Wirtschaft, Martijn van Dam, in einem gemeinsamen Brief an das niederländische Parlament. Sie fordern – parallel zu den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen – die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Er soll den Gifteier-Skandal vollumfänglich aufklären.