Geldwäscherei

Hollands höchste «Finanzpolizistin»: «Ich hoffe, das war ein Weckruf»

Die Niederländerin Hennie Verbeek-Kusters jagt Kriminelle im Finanzsystem. Sie erwartet, dass nach dem Fall Danske Bank andere europäische Finanzinstitute ihre Kundenlisten genau prüfen.

Daniel Zulauf
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Hennie Verbeek-Kusters hat seit 2005 die Führung in den Bereichen schwere organisierte Kriminalität und synthetische Drogen.

Hennie Verbeek-Kusters hat seit 2005 die Führung in den Bereichen schwere organisierte Kriminalität und synthetische Drogen.

Wilco van Dijen

Hennie Verbeek-Kusters steht seit zehn Jahren an der Spitze der niederländischen Anti-Geldwäschebehörde. Sie leitet ein Team mit 57 Mitarbeitern und einem jährlichen Budget von 5,3 Millionen Euro. Zu ihren grossen Anliegen gehört die Förderung der internationalen Kooperation unter den Geldwäsche-Behörden. «Zusammenarbeit ist die Essenz», sagt die gelernte Polizistin. 2017 übernahm sie die zweijährige Präsidentschaft der Egmont Grupp. In diesem losen Verbund tauschen die angeschlossenen «Financial Intelligence»-Stellen aus 156 Ländern Wissen und Erfahrung aus.

Frau Verbeek-Kusters, Sie tauschen Ihre Erfahrungen als Präsidentin der Egmont-Gruppe mit anderen Behörden weltweit aus. Wird Geld in Amerika, Europa, Afrika und Asien immer gleich gewaschen?

Die Netzwerkerin

Hennie Verbeek-Kusters schloss die Ausbildung an der niederländischen Polizeiakademie mit einem Master-Diplom ab. 1998 trat sie in den Polizeidienst ein. 2005 übertrug man ihr die Führung in den Bereichen schwere organisierte Kriminalität und synthetische Drogen. Anfang Jahr konnte die niederländische Polizei im Kampf gegen Drogen- und Waffenhandel im Internet einen grossen Erfolg verzeichnen und die im Darknet bekannte Plattform «Hansa Market» schliessen.

Hennie Verbeek-Kusters: Jedes Finanzsystem ist in der Welt auf seine eigene Weise dem Risiko ausgesetzt, für die Zwecke der Geldwäsche missbraucht zu werden. Die Geldwäscher wissen, wie sie aus den unterschiedlichen Systemen Nutzen ziehen können. Das ist auch ein Grund, weshalb kriminelle Gelder bisweilen über grosses Distanzen hinweg verschoben werden. Letztlich geht es immer darum vorzutäuschen, dass kriminelles Geld aus einer legalen Quelle stammt und dass es rechtmässig ausgegeben oder transferiert wird.

Über die estnische Filiale der Danske Bank könnten kriminelle Gelder von bis zu 200 Milliarden Euro gewaschen worden sein. Ist das der Eisberg oder nur seine Spitze?

Die Summe der gewaschenen Gelder ist per Definition eine Dunkelziffer. Ohne hier meine eigene Schätzung abgeben zu wollen, sollten Sie einfach bedenken, dass die meisten kriminellen Handlungen finanziell motiviert sind und einige Verbrechen sind einfach Big Business. Kürzlich wurde in den Niederlanden ein Bericht publiziert, nach dem die Herstellung und der Verkauf synthetischer Drogen in den Niederlanden jährlich einen Umsatz von mindestens 18 Milliarden Euro generiert. Man weiss auch, dass im weltweiten Menschenhandel jährlich ungefähr 150 Milliarden Dollar umgesetzt werden. Wir reden also nicht über kleine Zahlen. Das zeigt, dass wir mit unserer Arbeit nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben.

Der Danske-Fall bestärkt Kritiker, die das Anti-Geldwäsche-Dispositiv vieler Banken für nicht mehr zeitgemäss halten. Aufschlussreicher als die Identität einzelner Kontoinhaber seien die Muster verdächtiger Geldflüsse. Wie stellen Sie sich zu dieser Position?

Ich kann das bisherige Danske-System nicht kommentieren. Aber unabhängig von jeder Kritik bleibt es wichtig, dass die Banken ihre Kundenlisten laufend nach Namen bekannter Krimineller und ihrer Helfer durchforsten. Allerdings weiss man auch von den grössten Geldwäsche-Systemen, die bisher offengelegt und untersucht werden konnten, dass es in diesen keine direkten Bezüge zu den Namen bekannter Krimineller gab. Die Systeme waren ohne direkte und sichtbare Bezüge zu diesen Kreisen aufgebaut. Die Personen konnten allein durch die Überwachung der Geldflüsse, hauptsächlich der grenzüberschreitenden Geldflüsse und durch die Offenlegung ungewöhnlicher Zahlungsmuster, identifiziert werden. Solche Analysen der Geldströme haben sich als sehr wirkungsvoll erwiesen. Sie sind aber auch aufwendig und brauchen viele Ressourcen.

Die lettische Grossbank ABLV wurde von der US-Anti-Geldwäschebehörde im Januar als Gefahr für die Integrität des internationalen Bankensystems an den Pranger gestellt. Kurz darauf wurde die Bank abgewickelt. Ist der Geldwäsche-Pranger heutzutage das Todesurteil für eine Bank?

Negative Publizität solcher Art wirkt sich in zweifacher Weise aus: Einerseits kann sie dazu führen, dass Kunden die Bankbeziehung beenden, weil sie mit Blick auf potenziell hohe Strafen gegen die Banken ihre Guthaben in Sicherheit wähnen wollen. Anderseits kann es für die Bank schwieriger werden, von anderen Instituten weiterhin als Korrespondenzbank akzeptiert zu werden. Das hat mit den Risikovermeidungsstrategien der Banken zu tun. Vertrauen ist essenziell für die Banken.

Hinterlassen Kryptowährungen keinerlei Spuren im Finanzsystem oder gibt es trotz allem Fährten, die sich verfolgen lassen?

Die uns vorliegenden Berichte zeigen in verschiedenen Fällen, wie Kryptoguthaben an bestimmten Zeitpunkten immer wieder in reguläres Geld umgetauscht und die gelösten Summen in das regulierte Finanzsystem zurückgeführt werden. An diesen Zeitpunkten können die Banken und Finanzgesellschaften ungewöhnliche Transaktionen an die Anti-Geldwäschebehörde melden. Wir konnten solche Transaktionen schon in verschiedenen Fällen analysieren und die zugrunde liegenden kriminellen Aktivitäten aufdecken.

Gibt es neue regulatorische Vorgaben für den Kryptobereich?

Ja. Nach der Implementierung der fünften EU-Anti-Geldwäsche-Direktive werden auch die Wallet Provider (treuhänderische Depotstellen für Kryptowährungen Anm. d. Red.) und die Crypto Currency Exchange Offices (Betreiber von Handelsplattformen, Anm. d. Red.) ungewöhnliche Transaktionen melden müssen. Das ist ein wichtiges neues Instrument, das nötig ist, um das bestehende Meldesystem zu ergänzen.

Danske Bank

Whistleblower soll vor EU-Parlament aussagen

Der Hinweisgeber im Geldwäscheskandal der dänischen Danske Bank soll vor dem Sonderausschuss des EU-Parlamentes zur Finanzkriminalität aussagen. Nach Agenturberichten ist der Informant für den 21. November nach Strassburg eingeladen. Der Öffentlichkeit bekannt ist die Identität des Mannes erst seit vergangener Woche.

Die Zeitung «Eesti Ekspress» hatte den Namen des Briten Howard Wilkinson bekannt gemacht. Dessen Anwalt Stephen Kohn, der vor zehn Jahren auch die Interessen des UBS-Whistleblowers Bradley Birkenfeld vertreten hatte, forderte in einem offenen Brief an die dänischen Justizbehörden die sofortige Ergreifung von Massnahmen, um den Whistleblower vor Vergeltung und Verletzung dessen Persönlichkeitsrechte zu schützen.

Unter Verweis auf die vier Angestellten der Bank, die der Zeitung als Quelle gedient und zur Enthüllung des Namens ohne Wissen und Zustimmung des Betroffenen geführt hätten, schreibt der Anwalt: «Wir sind sehr besorgt, dass die Danske Bank, welche die Identität des Whistleblowers kannte, dessen gesetzlich geschützten Menschenrechte verletzt hat.» Besorgt zeigte sich Kohns Kanzlei in Washington auch vom Umstand, dass die Bank Wilkinson nach dessen Kündigung im Jahr 2014 eine Stillschweigeerklärung habe unterschreiben lasse.

Solche Erklärungen widersprächen dem internationalen Zivilrechtsübereinkommen über Korruption, das auch Dänemark unterschrieben habe. Gemäss einem von der Danske Bank selber in Auftrag gegebenen und vor zwei Wochen veröffentlichten Untersuchungsbericht informierte der Whistleblower das Management in Kopenhagen mit diversen Mails zwischen Dezember 2013 und April 2014 unter anderem über Geschäfte, die in der estnischen Filiale wissentlich mit kriminellen Firmen getätigt würden.

Von den verdächtigen 200 Milliarden Euro, die via die Danske-Filiale in Tallin in andere Teile der Welt weitertransferiert wurden, gingen gemäss dem Untersuchungsbericht auch sechs Prozent oder 12 Milliarden Euro in die Schweiz. Die Finanzmarktaufsicht Finma hat inzwischen bekannt gegeben, dass sie den Geldflüssen auch in den Schweizer Banken nachgehe. (dz)