Homeoffice-Boom
Sunrise-Kunden müssen wochenlang auf Geräte warten – die Konkurrenz profitiert noch nicht vom Lockdown

Wegen vielen Bestellungen verzögert sich bei Sunrise die Auslieferung von Geräten fürs Fernsehen. Vom erneuten Lockdown merken die Anbieter sonst aber wenig – und schwören auf Ihre Netze.

Stefan Ehrbar
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Verzeichnet überdurchschnittlich viele Bestellungen: Die Telekom-Firma Sunrise.

Verzeichnet überdurchschnittlich viele Bestellungen: Die Telekom-Firma Sunrise.

Keystone

Sunrise ist mit seinem Fernsehgeschäft auf der Überholspur. Ende des dritten Quartals verzeichnete das Mobilfunkunternehmen 302'000 TV-Kunden – ein Anstieg um 72 Prozent innert eineinhalb Jahren. Doch nun scheint die Logistik überfordert: Kunden, die derzeit ein Fernsehabo abschliessen, müssen teils wochenlang auf das richtige Gerät warten.

Wegen «des aktuell sehr hohen Bestellvolumen» verzögere sich die Auslieferung der Sunrise TV Box UHD, schreibt Sunrise in einem Brief an Betroffene. Die Nachlieferung könne «einige Wochen» in Anspruch nehmen. Die Kunden erhalten stattdessen eine kleinere Fernsehbox mit deutlich reduziertem Funktionsumfang.

Ein Sunrise-Sprecher sagt, die Fernsehangebote und Promotionen während der Weihnachtszeit und die Spezialangebote im Januar seien sehr erfolgreich gewesen. «Das führte zu einem sehr hohen Bestellvolumen, weshalb es zur Zeit vereinzelt zu Engpässen kommen kann.» Sunrise setze alles daran, die Lieferfrist so kurz wie möglich zu halten.

Fusion mit Folgen

Sunrise und UPC gehen zusammen

Vor zwei Monaten hat der englische Medienkonzern Liberty Global die Übernahme von Sunrise abgeschlossen. Sunrise wird mit der hiesigen Liberty-Tochter UPC zusammengeführt. Dieser Fusion könnten bis zu 1000 Stellen zum Opfer fallen (CH Media berichtete). Bisher werden die beiden Marken Sunrise und UPC aber weiterhin unabhängig und mit eigener Produktepalette geführt. 

Keinen Ansturm hat Sunrise hingegen auf die schnellen Internetangebote registriert – auch nicht nach der Einführung der Homeoffice-Pflicht. Man habe keine wesentlich erhöhte Nachfrage festgestellt, sagt der Sprecher. Die eigenen Netze könnten jederzeit ausreichend Kapazität bieten.

Im Gegensatz zum ersten Lockdown im Frühling 2020 schiessen die Bestellungen von schnellem Internet auch bei anderen Anbietern nicht mehr in die Höhe. Sie sei aber «generell hoch», sagt eine Swisscom-Sprecherin.

Netflix wichtiger als Homeoffice

Die Auslastung des eigenen Netzes sei im Moment nicht merklich höher als vor dem Lockdown. «Im Frühling 2020 sahen wir unter der Woche am Abend die gleiche Auslastung wie sonst nur am Sonntagabend zur Primetime. Diesen Effekt sehen wir im Moment so nicht», sagt die Sprecherin. «Wir verfügen über ausreichend Netzkapazität.» Dass wieder mehr Leute im Homeoffice sind, ändere wenig: Denn Anwendungen für die Arbeit machten nur einen kleinen Teil des Internetverkehrs aus. Viel mehr ins Gewicht fällt die Nutzung von Streaming-Angeboten wie Netflix.

Die Anbieterin Salt teilt mit, «viele Konsumenten» seien während der Homeoffice-Zeit zu ihrem «schnellsten Internetprodukt der Schweiz» gewechselt. Aus Wettbewerbsgründen wolle Salt diese Zahl aber nicht genauer quantifizieren.

43 Prozent mehr Daten verschickt

Keine Auffälligkeiten registriert UPC. Seit Beginn der Pandemie beobachte die Firma eine erhöhte Nachfrage nach höheren Internetgeschwindigkeiten, sagt ein Sprecher. «Die Nachfrage nach hochbreitbandigen Produkten ist aber seit Einführung von Internet mit einer Geschwindigkeit von 1 Gbit/s im September 2019 generell angestiegen.» Seit dem Frühling 2020 würden nun auch Streaming-Angebote «deutlich stärker» genutzt – insbesondere Netflix.

Im UPC-Netz sei genügend Reserve vorhanden, weil es sowieso auf die Spitzenzeiten am Abend ausgelegt sei. Anfangs 2020 habe UPC berechnet, wie sich das Homeoffice und Schulschliessungen auf das Kundenverhalten und die Netzkapazitäten auswirkten. «Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir insbesondere über den Tag genügend Sicherheitsmargen haben», so der Sprecher.

Der Datenverkehr im sogenannten Downstream – also Daten, die Privatnutzer anfordern – sei 2020 um 32 Prozent gestiegen. Das sei ein ähnlicher Anstieg wie in den Jahren zuvor. Beim Upstream hingegen, also bei den Daten, die Privatnutzer schicken, habe das Wachstum 43 Prozent betragen. «In den vergangenen Jahren lag dieser Wert jeweils im einstelligen Prozentbereich. Das um Faktoren höhere Wachstum ist die Folge von Homeoffice und davon, dass unsere Kunden vermehrt Zuhause waren», so der Sprecher.