Honig in Indien
Honig aus der Schweiz mit Antibiotika verseucht?

Eine indische Organisation behauptet: Honig der Bieler Firma Narimpex ist mit Antibiotika verseucht. Recherchen zeigen: Die Messmethoden der Inder sind alles andere als zuverlässig.

Christian Bütikofer
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azNetz

Die Organisation «Centre for Science and Environment» (CSE) sorgt in Indien für Schlagzeilen. Sie hat verschiedene Honig-Produkte auf Antibiotika-Rückstände getestet und bei praktisch allen Mustern hohe Konzentrationen verschiedener Antibiotika festgestellt.

Laut CSE schnitt das Produkt Nectaflor der Bieler Firma Narimpex am schlechtesten ab: Es habe von den getesteten Antibiotika Oxytetracyclin (auch als OTC bekannt), Chloramphenicol, Ampicillin, Enrofloxacin, Ciprofloxacin und Erythromycin deren fünf enthalten. Darüber hinaus will CSE im Narimpex-Honig die Substanzen in enormen Mengen vorgefunden haben.

Über lange Zeit eingenommen sind Antibiotika-Rückstände in Lebensmitteln schädlich für Menschen und könnten zu Antibiotika-Resistenz führen.

Indien schützt seine Konsumenten schlecht

Die Nichtregierungs-Organisation CSE stiess mit diesem Befund in Indien und dem Nahen Osten auf grosses Medien-Echo: Praktisch jede Tageszeitung berichtete darüber. Denn das Resultat ist brisant: In der EU und der Schweiz dürfen im Honig keinerlei Antibiotika-Rückstände enthalten sein.

Mit einer Ausnahme. Zur Bekämpfung der Pflanzenkrankheit Feuerbrand wird von den Obstbauern seit längerem das Antibiotika Streptomycin eingesetzt. Geringe Mengen Streptomycin (weniger als 0,010 Milligramm pro Kilogramm, mg/kg) sind im Schweizer Honig erlaubt. In Indien aber gibt es für den Heimmarkt keinerlei Vorschriften, wieviel Antibiotika im Honig enthalten sein darf.

Die Regeln für indischen Export-Honig hingegen sind viel strenger. Früher wurde indischer Honig von der EU wiederholt wegen Antibiotika- und Bleirückständen zurückgewiesen. Daraufhin verschärfte das indische Wirtschaftsministerium die Vorschriften massiv.

Kein «Zweiklassen-Honig»

Die Stossrichtung des «Centre for Science and Environment» ist klar: In Indien sollen Konsumentenregeln gelten, die auch in Westeuropa zum Standard gehören.

Gibt es bei Narimpex etwa zwei Sorten Honig? Einer für die Schweiz, nach strengen Richtlinien und einen für Länder mit laxen Regeln? Priska Huber von der Narimpex-Qualitätskontrolle verneint die Frage energisch.

Bei Narimpex sorgte der CSE-Befund zuerst für Besorgnis, danach nur noch für Kopfschütteln und Wut.

Unabhängige Labors bestätigen Inder nicht

Die Firma nahm den CSE-Befund ernst. Sofort, nachdem sich die Nachricht in Indien wie ein Lauffeuer verbreitete, sorgte Narimpex-Direktor Heinrich Grünig dafür, dass die betreffende Lieferung von zwei externen unabhängigen Labors überprüft wurde: Das Institut «Swiss Quality Testing Services» SQTS in Dietikon sowie «Quality Services International» QST aus Bremen analysierten die bemängelte Lieferung. Beide Labors verfügen über modernste Analysegeräte und eine langjährige Erfahrung in der Analytik von Lebensmitteln.

Die Ergebnisse der Spezialisten waren eindeutig: Im betreffenden Honig wurden keinerlei Antibiotika-Spuren gefunden. Das zeigen die Analyse-Resultate beider Institute in der Schweiz und Deutschland; die Ergebnisse liegen der «Aargauer Zeitung» vor, sie bestätigen die Aussagen Narimpex'.

Wie aber kommt CSE zu den völlig anderen Resultaten? Für Priska Huber ist klar: Die Messmethoden von CSE «verheben nicht», seien völlig veraltet. Honig korrekt zu analysieren sei sehr komplex und erfordere teure Geräte. Offenbar verfügt CSE nicht über die nötige Ausrüstung.

Weltweit eines der kontrolliertesten Lebensmittel

Huber war am Telefon hörbar enerviert über die Behauptungen von CSE. Als sie früher in einem staatlich zertifizierten Lebensmittel-Testlabor der Schweiz arbeitete, das ebenfalls Honig überprüfte, habe Ägypten grosse Probleme mit Antibiotika-Honig gehabt, berichtet sie. Aber sogar in jenen gravierenden Fällen seien jeweils höchstens zwei Antibiotika nachgewiesen worden.

Vier oder fünf Antibiotika in einer Probe und in der von CSE behaupteten Menge sind gemäss Huber «völlig unmöglich». «Honig ist wohl weltweit eines der am besten überprüften Lebensmittel», sagt Huber.

Zudem sei eines der vermeintlich nachgewiesenen Antibiotika derart teuer (Ampicillin), dass es sich für Imker in Ländern wie Mexiko gar nicht lohne, es einzusetzen: Kauften es die Imker, würde für sie fast kein Gewinn mehr herausschauen. Narimpex bezieht den Grossteil des ausländischen Honigs von Mexiko.

Affäre aussitzen

Zu Beginn dachte man in Biel, man könne die Sache in Indien aussitzen, weil dieser Markt für die Firma nicht sonderlich wichtig sei.

Als dann aber in der «Gulf News» von Dubai ein ganzseitiges Interview zum Thema erschien, wurde die Sache unangenehm: «Dieses Interview hat uns stark betroffen», sagt Grünig, denn der Nahe Osten ist einer der wichtigsten Märkte Narimpex'.

Heinrich Grünig setzte sich mit der Botschaft und einer PR-Agentur in Verbindung, um den Schaden zu begrenzen.

Doch bald sah er ein, dass der Honigtest vor allem einen politischen Hintergrund hat: CSE will Druck auf die indische Regierung ausüben, den Konsumentenschutz endlich nach westlichen Standards einzuführen.

Kontaktversuche mit CSE schlugen fehl

Auf Kontaktversuche Seitens Narimpex' reagierte CSE wiederholt nicht. So bot Narimpex der Organisation an, das analysierte Produkt auf eigene Kosten in unabhängigen Labors zu testen. Doch war es für die Bieler nicht möglich, mit den zuständigen Laboranten in Kontakt zu treten.

«Eine ganz bittere Pille»

«Wir haben uns entschlossen, in Indien nicht mehr zu reagieren. Vor Ort sahen wir keine Chance, unsere Gegenposition vorzubringen», sagt Heinrich Grünig. Weiter meint er: «Für mich ist das eine ganz bittere Pille, mit was für unausgereiften Analysemethoden diese NGO unser Produkt zu Unrecht anprangert.»