Hotel fürs kleine Portemonnaie

Jakobsweg-Wanderer, Schützen und Jassfreundinnen sind Stammgäste im Ferien- und Bildungsheim St. Josef in Lungern. Geführt wird es von einer Genossenschaft.

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Geschäftsleiterin Marianne Marchello vor dem Bildungshaus St. Josef in Lungern. (Bild: Dominik Wunderli/Neue OZ)

Geschäftsleiterin Marianne Marchello vor dem Bildungshaus St. Josef in Lungern. (Bild: Dominik Wunderli/Neue OZ)

Könnten Wände reden, müsste man sich im St.-Josef-Haus nahe an die Mauern setzen – und sich viel Zeit nehmen. Das prägnante Gebäude beim Bahnhof Lungern ist zwar nicht ausserordentlich alt, es wurde vermutlich 1896 als nobles Sommerhotel errichtet. Die Vergangenheit des früheren Kur- und Parkhotels Lungern ist jedoch voller Wendungen und eng mit den geschichtlichen Ereignissen seiner Zeit verbunden.

Kurze Blütezeit als Hotel

Die Blütezeit als Hotel erlebte das Jugendstilhaus vor dem Ersten Weltkrieg. In der Lokalpresse pries es der einheimische Hotelier Josef Imfeld «zur bequemen Unterbringung der immer zahlreicher herströmenden Kurgäste» an. Doch mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 versiegte der Strom mit den Kurgästen abrupt, das Hotel bot schwer verletzten französischen Soldaten Platz. Nach dem Friedensschluss 1918 gelang es Josef Imfeld und seinem Sohn Theo nicht, an die glanzvollen Zeiten der Jahrtausendwende anzuknüpfen.

Denn der Krieg hatte die alte soziale Ordnung zerstört, die zuvor luxuriös reisenden Adligen konnten sich mehrere Monate Sommerfrische in den Schweizer Alpen nicht mehr leisten. Im Zweiten Weltkrieg bevölkerten polnische Internierte und jüdische Flüchtlinge das Haus. Nach dem Krieg erwarb die Genossenschaft St. Josef 1945 die Hotelliegenschaft, nachdem sie den Preis von 200'000 auf 160'000 Franken heruntergehandelt hatte. Hinter der Genossenschaft stand die Katholische Arbeiterinnen-Bewegung (KAB).

Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, alleinstehenden Arbeiterinnen Ferien zu ermöglichen – verbunden mit Exerzitien und einem streng katholisch geprägten Tagesablauf. «Ledige junge Frauen gingen damals nicht einfach so allein in die Ferien. Hier konnten sie es», sagt Hedy Jager, die heutige Präsidentin des Genossenschaftsrates.

Jasserinnen, Soldaten, Familien

Die Zeiten haben sich geändert. Heute wundert sich niemand, wenn sich eine alleinreisende junge Frau aus Australien im Hotel-Empfangsraum per Skype lautstark mit ihren Angehörigen zu Hause unterhält. Sie gehört zu den rund 20 Prozent der Hotelgäste, die auf der Durchreise im günstigen Hotel Station machen. Die übrigen 80 Prozent sind Seminar- und Kursgäste. In der nach wie vor durch die KAB genossenschaftlich geführten Herberge treffen Feuerwehrleute, die einen Kurs besuchen, auf passionierte Jasserinnen, die jedes Jahr ihr einwöchiges Turnier austragen.

Schützen, die in der nahen Indoor-Anlage trainieren, treffen auf Familien, die sich trotz schmalem Budget in Lungern ein paar Tage Ferien leisten können. Oder Chöre, die dort für ihr Jahreskonzert üben, treffen auf an Alzheimer Erkrankte, denen die Pro Senectute ein paar Tage in einer andern Umgebung ermöglicht. Mehr als 11'000 Übernachtungen wurden im Ferien- und Bildungshaus St. Josef 2011 registriert, der Jahresumsatz bezifferte sich auf 1,2 Millionen Franken.

Das Angebot reicht von Einzelzimmern für 59 Franken pro Übernachtung bis hin zu einer Nacht im Schlafsack in einem Mehrbettzimmer für 34 Franken – pro Person, Frühstücksbuffet jeweils inbegriffen. Das Hotel bietet 144 Betten, weitere 50 stehen in der Dépendance Marienburg. 19 Personen – die meisten im Teilzeitpensum – kümmern sich um die Gäste.

Genossenschaft ist passende Form

«Die Gäste haben sich geändert, doch die Grundidee blieb erhalten. Wir ermöglichen hier Spiritualität und bieten Menschen, die sonst nicht in den Genuss von Ferien kämen, eine Abwechslung», sagt Geschäftsführerin Marianne Marchello.

Die Genossenschaft St. Josef befindet sich folgerichtig auf einer permanenten Gratwanderung: günstige Ferien anbieten einerseits, den Betrieb wirtschaftlich führen andererseits. Marianne Marchello: «Wir bewältigen den Spagat in Form einer Genossenschaft am besten. Denn sie ist nicht einfach ein wirtschaftliches Phänomen, sondern ein besonderes Unternehmensmodell, das auf Werten wie Demokratie, Gleichheit, Solidarität und Gegenseitigkeit beruht.»

Das sei mit Blick auf die umfassende und teure Gebäudesanierung in den nächsten Jahren besonders wichtig, ergänzt Genossenschaftspräsidentin Jager. «Wir spielten einmal mit dem Gedanken, die Genossenschaft in eine Stiftung umzuwandeln. Doch wir kamen davon ab. Dank unserer heutigen Rechtsform sind wir besser verankert, die 230 Genossenschafter unterstützen uns.»

Rainer Rickenbach