HOTELLERIE: Buchungsplattformen: Fluch und Segen zugleich

Schweizer Hotels wollen sich von Buchungsplattformen emanzipieren, obwohl sie ihnen viel zu verdanken haben. Ein schwieriger Spagat.

Maurizio Minetti
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Viele Hotels sind mit den Konditionen von Online-Buchungsplattformen unzufrieden. Im Bild: Michael Kündig am Empfang des Hotels Schweizerhof in Luzern. (Bild Boris Bürgisser)

Viele Hotels sind mit den Konditionen von Online-Buchungsplattformen unzufrieden. Im Bild: Michael Kündig am Empfang des Hotels Schweizerhof in Luzern. (Bild Boris Bürgisser)

«Das ist wie eine Mafia!», schimpft ein Hotelier aus unserer Region. Objekt seines Ärgers sind Online-Plattformen zur Buchung von Hotels. Sie heissen Booking.com, Expedia oder HRS und funktionieren allesamt nach dem gleichen Prinzip: Hotels bezahlen ihnen eine Vermittlungsgebühr oder Kommission, um auf der Vergleichsplattform präsent zu sein. Die Plattformen haben im Internet eine enorme Anziehungskraft und investieren viel in Marketing. So kommen Hotels zu Gästen, die sie über ihre eigene Website nicht oder nur mit grösseren Investitionen erreichen würden. Bei Touristen sind die Plattformen beliebt, weil sie einen schnellen Überblick erlauben und die Hotelbewertungen der Nutzer einen unabhängigen Vergleich bieten (siehe Grafik).

Geballte Online-Macht

Doch dieses Geschäftsmodell sorgt in der Hotellerie in jüngster Zeit für Ärger – besonders in der Schweiz, wo der Margendruck der Hoteliers angesichts der Frankenstärke beträchtlich ist. Die Branche kämpft um jeden Franken und ärgert sich über die zum Teil hohen Kommissionen für die Plattformen. Zwar wird kein Hotel gezwungen, dort mitzumachen, aber ohne geht es eben auch nicht. Insbesondere kleinere Häuser sind auf die geballte Online-Macht der Plattformen angewiesen.

Im letzten November hat die Wettbewerbskommission (Weko) entschieden, dass die drei erwähnten Plattformen von den Hotels nicht mehr verlangen dürfen, auf keinem anderen Vertriebskanal tiefere Preise oder eine grössere Anzahl Zimmer anzubieten. In anderen Worten: Die Hotels dürfen neu einem potenziellen Gast, der zum Beispiel per Telefon oder Post anfragt, einen tieferen Preis offerieren als jenen, den sie auf der Buchungsplattform angeben. Dem Branchenverband Hotellerie­suisse geht das zu wenig weit. Marc Kaufmann vom Hotelverband sagt: «Die Buchungsplattformen haben einen ausserordentlich hohen Marktanteil und somit in unseren Augen eine marktbeherrschende Stellung.»

Auch andere Branchenvertreter hätten von der Weko eine schärfere Gangart gewünscht. In den Augen vieler Hotelbetreiber haben die Wettbewerbshüter die Marktmacht der Plattformen mit ihrem Entscheid sogar gestärkt. Sie stören sich daran, dass die Weko eine wichtige Vertragsklausel der Plattformen gutheisst: Auf den eigenen Websites dürfen die Hotels gemäss den Vertrags­bedingungen mit den Buchungsplattformen nach wie vor keine günstigeren Preise anbieten. Allerdings foutieren sich viele Hotels um diese Vertragsbedingung, wie Patric Graber, Präsident der Vereinigung der Luzerner Hotels, sagt. «Wo kein Kläger, da kein Richter», bestätigt auch Thomas Dittrich, Präsident des Hoteliervereins Engelberg. Allerdings warnt er: «Die Buchungsplattformen beobachten die Preise auf den Websites der Hotels laufend und intervenieren schnell, wenn Hotels direkt tiefere Preise anbieten.»

Booking verweist auf Mehrwert

Booking.com ist in der Schweiz die populärste Online-Buchungsplattform für Hotels. Der Marktanteil von Booking.com hat sich hierzulande seit 2011 von 53 Prozent auf mittlerweile 71 Prozent erhöht. Deren Präsidentin, die Niederländerin Gillian Tans, kennt die Schweiz gut, leben doch ihre Eltern hier. Sie weist im Gespräch darauf hin, dass Booking.com einen Mehrwert biete und gerade kleineren Hotels ermögliche, ausländische Kunden anzulocken, die sie sonst nicht oder nur mit eigenen Investitionen erreichen könnten. «Wir investieren viel Geld in Online-Marketing, was sich für die Hotels, die sich auf unserer Plattform befinden, auszahlt», so Gillian Tans. Sie nennt ein Beispiel: Untersuchungen zeigen, dass vermehrt über mobile Geräte gebucht wird. Dafür braucht man eine mobiloptimierte Website. Hotels, die auf Booking.com präsent sind, können sich eine solche Investition sparen.

Hohe Vermittlungsgebühr

Die Kommissionen, die Schweizer Hotels für die Plattformen bezahlen, sind nicht ohne. In einer aktuellen Studie schätzt das Institut für Tourismus der Fachhochschule Westschweiz Wallis die Kommissionszahlungen der Schweizer Hotellerie auf 90 bis 130 Millionen Franken, was einer jährlichen Kommissionszahlung von 30 000 Franken für ein Durchschnittshotel bedeutet (oder rund 700 Franken pro Zimmer und Jahr). Gillian Tans von Booking.com sagt, dass die Kommissionen im weltweiten Schnitt 15 Prozent ausmachen. «In der Schweiz liegt der Prozentsatz aber tiefer», so Tans. Allerdings gilt: Wer auf den Plattformen mehr Sichtbarkeit will, muss auch eine höhere Vermittlungsgebühr bezahlen. Diese kann so bis auf 30 Prozent steigen.

«Direkt buchen» als Alternative

Nun will sich die Branche europaweit von den Plattformen emanzipieren. Im Dezember hat der europäische Dachverband der Hotels (Hotrec) die Kampagne «Direkt buchen» lanciert. Ziel dieser Kampagne ist es, das Bewusstsein bei Gästen und Gastgebern für die Möglichkeit einer direkten Buchung zu sensibilisieren. An der Kampagne beteiligen sich gemäss Branchenkennern überdurchschnittlich viele Schweizer Hotels. Wie viele es sind, weiss der Branchenverband Hotelleriesuisse allerdings nicht.

Eines davon ist der «Schweizerhof» in Luzern. Das Fünfsternehaus stört sich daran, dass die Plattformen Online-Marketing mit Namen lokaler Hotels betreiben. «Wenn Sie jetzt direkt den ‹Schweizerhof› Luzern suchen, dann auf eine Buchungsplattform kommen und eigentlich fast gezwungen sind, über Booking.com oder sonst eine Plattform zu buchen – ich denke, das ist nicht der Auftrag der Buchungsplattform», sagte Hoteldirektor Clemens Hunziker kürzlich der «Tagesschau». Auf Anfrage betont das Hotel aber auch, dass die Plattformen einen «grossartigen Job» machen und viele Gäste bringen, insbesondere aus dem Ausland.

Verfälschung des Angebots

Alex Renner, der das Hotel 3 Könige in Andermatt betreibt, weist auf eine andere Problematik der Buchungsplattformen hin: «Um für direkt buchende Gäste Zimmer frei zu halten, veröffentlichen wir auf den Online-Plattformen nicht alle freien Zimmer.» Dies führe jedoch zu einer Verfälschung des Angebots für Online-Nutzer, erklärt er. «Diese Gäste glauben, dass wir ausgebucht sind, aber das stimmt jeweils nicht. Des Öfteren schien es, dass der ganze Ort ausgebucht war, worauf Medien über angeblich ausgebuchte Festtage berichteten.» Aus diesem Grund will auch Renner die «Direkt buchen»-Kampagne unterstützen. Im direkten Kontakt könnten solche Fragen geklärt werden.

Maurizio Minetti

Hotels betreiben eigene Plattform

Kein Hotelier ist verpflichtet, Booking.com oder einen anderen Online-Anbieter als Vertriebskanal zu nutzen. Doch ignorieren kann man sie auch nicht. Der Marktführer Booking.com vereint weltweit über 844 000 Hotels und Unterkünfte auf seiner Plattform – mehr als jede andere Online-Buchungsplattform. In der Schweiz sind auf Booking.com derzeit 8197 Unterkünfte gelistet.
Liest man Kommentare und Leserbriefe zum Zwist zwischen den Hotels und den Plattformen, fällt oft der Vorwurf, die Hotels hätten es verpasst, eine eigene Buchungsplattform mit ähnlich grosser Wirkung aufzubauen. Allerdings ist der Vorwurf nicht ganz gerechtfertigt. Die Branche hat für einige Millionen Franken unter stc.ch eine Buchungsmaschine entwickelt, die allerdings zwei Makel hat: Sie ist längst nicht so stark verbreitet wie die Plattformen der grossen internationalen Anbieter, und sie steht nicht für sich selbst. Will heissen: Die STC-Buchungsmaschine umfasst zwar über 2000 Schweizer Hotels und ist auf rund 300 Websites wie sbb.ch oder myswitzerland.com vertreten, sie hat aber keinen zentralen Anhaltspunkt wie etwa Booking.com. Und: Bewertungen sind mit der Schweizer Buchungsplattform ebenfalls nicht möglich.

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