Rücktritt
Humer macht es vor: Herr Vasella, so tritt man zurück!

Anders als Daniel Vasella wird Franz Humer nicht als abtretenden Firmenchef mit den exorbitantesten Abgangsentschädigungen, die die Schweiz je sah, in Erinnerung bleiben. Er geht zum bestmöglichen Zeitpunkt.

Isabel Strassheim
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Mit Gespür fürs Ganze: Franz Humer. Markus Forte/Ex-Press

Mit Gespür fürs Ganze: Franz Humer. Markus Forte/Ex-Press

Er nimmt den Hut als Mann, der die gewichtigste Firmenübernahme der Schweizer Wirtschaftsgeschichte durchgebracht hat. Franz Humer wird statt wie Daniel Vasella nicht wegen der grössten Abgangsforderung des Landes in Erinnerung bleiben, sondern dank der für Roche wegweisenden und bis anhin teuersten vollständigen Akquisition der US-Firma Genentech für 47 Milliarden Dollar. Das Magazin «Bilanz» kürte ihn letztes Jahr zum zweitmächtigsten Wirtschaftsführer der Schweiz.

Damit ist es bald vorbei. Der 66-Jährige will sich in einem Jahr von Roche zurückziehen. Die Ankündigung kommt überraschend. Noch gestern Morgen kurz vor Beginn der Generalversammlung traf sich der Verwaltungsrat, um Details zu beraten. Auch extern war mit seinem Weggang nach 20 Jahren von Roche nicht gerechnet worden. «Er hätte trotz seines Alters gut noch für eine weitere Amtszeit bleiben können», sagte Sarasin-Analyst David Kägi.

Die Aktionäre an der Generalversammlung waren verblüfft. André Hoffmann, der Sprecher der Basler Roche-Eigentümerfamilien, brachte sie jedoch zum Lachen: Humer werde kein Ehrenpräsident werden und auch kein Büro mehr in der Firma haben, scherzte er mit Blick auf Vasella. Eine Abgangsentschädigung ist ebenso kein Thema, Humer wird wie gewöhnlich einen Fixlohn und einen Bonus für sein Amt als Verwaltungsratspräsident erhalten – im vergangenen Jahr kam er auf neun Millionen Franken, was ihn wiederum zur Zielscheibe der Kritik machte.

Verbeugung vor der Firmenkultur

Humer ist Multimillionär, Milliardendealer und Machtmensch. Aber er ist einer, der ein Geschäft nicht nur verstehen, sondern auch spüren muss. Einer, für den Roche eine Familie und kein Konzern ist. Einen Rochianer nennt er sich und verbeugt sich damit vor der Unternehmenskultur, in der es trotz der Globalisierung einen starken menschlichen Zusammenhalt gibt und jeder Abgang als Schock empfunden wird.

So auch nun, wenn der Übervater geht. Zu Roche kam der gebürtige Österreicher Humer 1995. Von Haus aus Jurist, war er davor schon 20 Jahre bei Pharmafirmen tätig gewesen. Unter anderem bei der britischen Glaxo, wo ihn der damalige Roche-Chef Fritz Gerber schätzen gelernt hatte. So war es Gerber, der ihn bei den Roche-Eigentümerfamilien einführte. Humer stieg nicht nur gleich als Pharmachef oben ein, sondern wurde von den Familien Hoffmann und Oeri auch sofort in den Verwaltungsrat bestellt.

Das Vertrauen war da. Und blieb. Humer löste Fritz Gerber 1998 als Konzernchef ab und beerbte ihn drei Jahre später auch als Verwaltungsrats-Präsident. Damit hatte er die Macht über den Konzern im Doppelpack inne, ähnlich wie Vasella.

Fokus, Fokus, Fokus – Humers Strategie war einfach. Aber keineswegs selbstverständlich. Denn Roche blieb mit Humer einer der wenigen Pharmakonzerne, die in den Umbruchszeiten der letzten zehn Jahre klar weiter auf die Forschung und Entwicklung neuer Medikamente setzte, obwohl die Umsätze stagnierten und die Pipeline leer erschien. Trotzdem diversifizierte Humer nicht und stieg nicht wie Novartis ins Geschäft mit billigen Nachahmermedikamenten oder Tierarzneimitteln ein, sondern er verkaufte Nebengeschäfte wie Feinchemikalien. Trotz des Risikos ging Humers Strategie auf und Roche gilt nun weltweit als Vorbild für diesen Weg.

Durchbruch mit Krebsmitteln

Eine tragische Überschneidung zwischen Firmenfamilie und privater Familie kam mit der Brustkrebs-Erkrankung von Humers erster Frau. Sie starb 1999. Roche ist nicht nur auf neue Arzneimittel fokussiert, sondern dank Genentech auch auf Krebsmittel und avancierte zum weltweit grössten Hersteller von Krebsmedikamenten. Mit den Gentech-Forschern in Kalifornien schaffte der Konzern den Durchbruch der personalisierten Medizin. Vor allem bei Brustkrebs. Dort kann inzwischen bei Patientinnen die Brustkrebsart genauer bestimmt und damit auch spezifischer und wirksamer therapiert werden.

«Solange ich gesund bin und es mir Spass macht, arbeite ich gerne. Es ist spannend, fordernd und es erhält mich jung», sagte Humer. Das ist erst zwei Jahre her. Für ihn war Arbeit Therapie, vor allem nach dem Tod seiner ersten Frau. Sein Leben ging im Konzern auf: Auch in den Ferien ging er mit den Roche-Länderchefs essen.

Weil er nie das Gespür verlor und sein Leben im Beruf menschlich verankert blieb, hat er das Gefühl für den geregelten Abgang zum richtigen Zeitpunkt. Auch wenn nicht klar ist, wie Roche den Ablauf wichtiger Patente meistern wird, ist der Konzern blendend aufgestellt. Humer steigerte den Umsatz um fast das doppelte auf 45 Milliarden Franken. Warum sollte er nun nicht gehen.