Alstom
«Ich habe aus den Medien von den Entlassungen erfahren»

Der französische Industriekonzern Alstom baut weltweit 4000 Stellen ab - 750 in der Schweiz. Brisant: Die Mitarbeiter erfuhren aus den Medien vom Stellenabbau.

Maja Sommerhalder und Sabina Sturzenegger
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Alstom-Stellenabbau
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Kashtanjeva Burim Er ist Alstom-Lehrling. «Ich habe erst heute Morgen vom Stellenabbau erfahren. Das ist gar nicht gut. Ich wusste aber schon seit längerem, dass ich nach der Lehre wahrscheinlich nicht in der Alstom bleiben kann».
Max Chopard Max Chopard von der Gewerkschaft Unia ist über den Stellenabbau bei der Alstom enttäuscht.
Thomas Hofer «Es ist nicht fair, dass die Alstom die Mitarbeiter nicht anständig informiert hat. Ich erwarte, dass die Verantwortlichen heute reagieren. Der Stellenabbau hat sich aber angekündigt. Wir wussten, dass es nicht so gut läuft. Mit so vielen Entlassungen haben wir aber nicht gerechnet,» sagt der Alstom-Mitarbeiter Thomas Hofer.
Stefan Schibli «Leider musste ich vom Stellenabbau gestern in den Medien erfahren. Mein Bereich ist davon betroffen. Ich will aber den Kopf nicht hängen lassen und bin zuversichtlich, dass ich meine Stelle behalten kann. Natürlich weiss man nie. Die nächsten Wochen werden hoffentlich etwas Klarheit bringen,» sagt der Alstom-Angestellte.
Sven Schofer Mitarbeiter Sven Schofer: «Ich habe erst am Dienstagmorgen von der Gewerkschaft Unia erfahren, dass so viele Stellen abgebaut werden. Lieber wäre auf direkten Weg informiert worden. Der Stellenabbau ist gar nicht gut, aber ich habe ihn erwartet. Die Stimmung ist schon seit einigen Wochen bedrückt.»

Alstom-Stellenabbau

Aargauer Zeitung

Die Nachricht hat eingeschlagen wie eine Bombe. Der franzsösische Industriekonzern Alstom streicht weltweit 4000 Stellen - davon bis zu 750 in der Schweiz.

Die Mitarbeiter haben mit einem Stellenabbau gerechnet. Allerdings stösst ihnen sauer auf, dass sie aus den Medien vom Kahlschlag erfahren mussten (siehe Bildergalerie). «Ich habe aus den Medien von den Entlassungen erfahren. Es wäre schön gewesen, wenn wir vorher informiert worden wären,» sagt Alstom-Mitarbeiter Paul Hochstrasser (59).

Sven Schofer (28) hat vom Stellenabbau von der Gewerkschaft erfahren. «Der Stellenabbau ist gar nicht gut, aber habe ihn erwartet. Die Stimmung ist schon seit einigen Wochen bedrückt.»

Darüber hinaus hängt der Job des 36-jährigen Mitarbeiters Stefan Schibli am seidenen Faden. «Mein Bereich ist davon betroffen. Ich will aber den Kopf nicht hängen lassen und bin zuversichtlich, dass ich meine Stelle behalten kann.»

Die Schweiz und der Aargau muss bluten

Derweil ist der Kahlschlag für den Kanton Aargau ein harter Schlag. Praktisch alle bedrohten Stellen befinden sich in Baden und Birr. Regierungsrat und Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann (SP) sagte gegenüber der Nachrichtenagentur SDA, die Abbaupläne seien eine traurige Nachricht. «Wir erwarten von Alstom, dass sie eine möglichst sozialverträgliche Lösung sucht.» Auch Stefan Studer - Geschäftsführer von Angestellte Schweiz - der stärksten Arbeitnehmerorganisation in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) ist vom Ausmass des Stellenabbaus überrascht. «Die Schweiz muss überproportional bluten.»

Zwar habe es bereits im Vorfeld Gerüchte über einen Stellenabbau gegeben, «doch die Zahl der Entlassungen ist viel höher, als wir erwartet haben». Studer vermutet, dass es dem Konzern in der Schweiz wegen des «liberalen Kündigungsrechts» relativ leicht falle, massiv Stellen abzubauen.

Beging Alstom vertragsbruch?

Auch über die Art und Weise, wie die Alstom-Mitarbeitenden informiert wurden, ist Studer empört: «Die Mitarbeitenden haben davon aus den Medien erfahren.» Die Alstom selbst will davon nichts wissen. Dessen Sprecher sagt auf Anfrage, dass der Konzern die Mitarbeitenden gestern Nachmittag orientiert hätte.

Gemäss gut informierten Quellen könnte genau dieser Punkt noch entscheidend werden: Falls Alstom die Mitarbeiter tatsächlich nicht vorab über den Stellenabbau informiert hat, könnte der europäische Betriebsrat des Konzerns auf Vertragsbruch klagen. Die Folge davon: Der Stellenabbau würde vor Gericht landen, ein definitiver Entscheid über Entlassungen wäre zeitlich in weiter Ferne.

Zum jetzigen Zeitpunkt wollen die Gewerkschaften jedoch in Verhandlungen mit der Geschäftsleitung treten. Das Ziel: Möglichst wenig Kündigungen, ein griffiger Sozialplan sowie ein sozialverträglicher Abbau. Studer: «Wir haben uns bis jetzt immer gefunden.» Nicht zuletzt ruhen die Hoffnungen auf Johann Schneider-Ammann, dem neuen Volkswirtschaftsminister. «Er soll sich für den Werkplatz Schweiz einsetzen und das Schweizer Recht an europäische Mitwirkungsverfahren anpassen», fordert Studer.