Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Schweizerische Nationalbank:
Der Wandel seit der Finanzkrise

Sie hat sich bei der Bewältigung der Finanzkrise viele Lorbeeren geholt. Das Jahrzehnt seit der UBS-Rettung hinterliess bei der Schweizerischen Nationalbank aber tiefe Spuren. Alte und neue Probleme werden sie weiter herausfordern.
Balz Bruppacher
Die jüngere SNB-Geschichte ist gezeichnet von tiefgreifenden Veränderungen.Bild: Thomas Hodel/Keystone (Bern, 8. August 2018)

Die jüngere SNB-Geschichte ist gezeichnet von tiefgreifenden Veränderungen.Bild: Thomas Hodel/Keystone (Bern, 8. August 2018)

«Wir sind da für die Ewigkeit»: Die Worte, mit denen Nationalbankpräsident Jean-Pierre Roth am 16. Oktober 2008 bei der Präsentation des beispiellosen staatlichen Rettungspakets für die UBS die Gemüter beruhigte, sind Legende geworden. Sie bedeuten aber nicht, dass die Notenbank für immer und ewig die gleiche bleibt. Im Gegenteil: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat sich seit dem Beginn der Finanzkrise stark verändert. Der Personalbestand ist in den letzten zehn Jahren um einen Drittel von 618 auf 826 Vollzeitstellen gewachsen – eine Entwicklung, die bei anderen Institutionen mit öffentlich-rechtlichem Auftrag wohl einen politischen Aufschrei ausgelöst hätte.

Die massive Personalaufstockung hängt zum Teil direkt mit der Finanzkrise zusammen. So musste für den Stabilisierungsfonds – das Auffangbecken für die Giftpapiere der UBS – vorübergehend zusätzliches Personal rekrutiert werden. Wegen der Finanzkrise baute die Nationalbank ihre Aktivitäten im Bereich Finanzstabilität aus. Die Einführung des Euro-Mindestkurses von 1.20 Franken im September 2011 machte einen Ausbau des Schichtbetriebs im Devisenhandel nötig. Die Überwachung des Handels rund um die Uhr war Mitte 2013 auch ein Grund für die Eröffnung einer SNB-Niederlassung in Singapur. Die erstmalige Auslandexpansion der SNB soll auch der effizienteren Bewirtschaftung der Devisenanlagen in Asien dienen. Sie sind im Zuge der expansiven Geldpolitik in die Höhe geschnellt.

Drei Präsidenten in drei Jahren

Nichts mit der Finanzkrise hat der Ausbau der Compliance zu tun. Deren Mängel und deren ungenügende personelle Ausstattung waren vielmehr ein hausgemachtes Problem. Dass das Verhalten von SNB-Präsident Philipp Hildebrand selber diese Versäumnisse vor Augen führte, war ein Tiefpunkt in der jüngeren Geschichte des Noteninstituts. Hildebrand musste Anfang 2012 unter dem Druck privater Devisengeschäfte über das Konto seiner damaligen Frau zurücktreten. Innerhalb von drei Jahren hatte die SNB damit drei Präsidenten. Das gab es noch nie in der mittlerweile 111-jährigen Geschichte des Noteninstituts. Hildebrand hatte Anfang 2010 den altershalber zurückgetretenen Jean-Pierre Roth abgelöst. Nach dem unfreiwilligen Abgang Hildebrands übernahm Thomas Jordan. Der Bundesrat wartete mit der formellen Ernennung Jordans allerdings bis im April 2012 zu, als er gleichzeitig Fritz Zurbrügg zum neuen Mitglied des dreiköpfigen Direktoriums wählte.

Personelle Konsequenzen hatte die Hildebrand-Affäre auch im Bankrat, dem elfköpfigen Aufsichtsgremium der Nationalbank. Präsident Hansueli Raggenbass trat entgegen seinen ursprünglichen Plänen im Frühling 2012 zurück. Neue Reglemente und Verhaltenskodizes sollen verhindern, dass sich Fehlverhalten und mangelndes Krisenmanagement wiederholen. Personell kommt es im Bankrat im nächsten Mai zu einem doppelten Novum: Mit Barbara Janom Steiner wählte der Bundesrat nicht nur erstmals eine Frau an die Spitze des Aufsichtsgremiums. Mit der Bündner BDP-Politikerin wird auch die Tradition unterbrochen, dass das Präsidium vom Mitglied einer Bundesratspartei besetzt wird. Für die erstmalige Präsenz der Frauen in der Geschäftsleitung hatte der Bundesrat Mitte 2015 mit der Wahl von Andréa M. Maechler ins dreiköpfige Direktorium gesorgt.

Tech-Aktien abgestossen

Die Nationalbank hat ihr Engagement in amerikanischen Technologieaktien im dritten Quartal dieses Jahres um mehrere hundert Millionen Dollar verringert. Wie den jüngsten Daten der US-Börsenaufsicht SEC zu entnehmen ist, hat die Nationalbank innerhalb von drei Monaten gut eine Million Apple-Aktien verkauft, auf einen Bestand von noch 15,8 Millionen Aktien. Der Börsenwert des Apple-Portefeuilles verringerte sich damit um rund 225 Millionen auf knapp 3,3 Milliarden Dollar. Die Apple-Aktien blieben damit aber das mit Abstand grösste Engagement der Nationalbank in den USA, gefolgt von den weiteren Technologiewerten Microsoft und Amazon sowie von den Industrietiteln Johnson & Johnson und Exxon Mobil. Auf den nächsten Plätzen liegen mit Facebook und Google (Alphabetaktien) zwei weitere Technologiewerte. Auch bei diesen Titeln stiess die Nationalbank im dritten Quartal Aktien ab. Bei den Tech-Aktien verringerte sich der Wert des Bestandes gegenüber Ende Juni um rund eine halbe Milliarde Dollar. Insgesamt erhöhte sich der Wert aller von der Nationalbank gehaltenen US-Aktien innert drei Monaten aber von 87,5 auf 89,8 Milliarden Dollar.

Noch radikaler als beim Personal haben sich die finanziellen Eckdaten der Nationalbank seit dem Beginn der Finanzkrise verändert. Die Bilanzsumme hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre verfünffacht und beläuft sich zurzeit auf 813 Milliarden Franken. Fast auf das Sechzehnfache sind die Devisenanlagen gestiegen. «Das raubt nicht nur Nationalbankpräsident Jordan den Schlaf», sagte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann unserer Zeitung. Die Grösse der Bilanz sei «an der Grenze des Erträglichen», doppelte Finanzminister Ueli Maurer nach. Die explosionsartige Zunahme ist das Resultat von Devisenkäufen, mit denen sich die Nationalbank gegen die Aufwertung des Frankens stemmte. Fragwürdig erscheinen im Nachhinein vor allem die mit einer Deflationsgefahr begründeten massiven Interventionen im Frühling 2010, als der Euro-Kurs noch über 1.40 Franken lag. Viel Kritik gab es auch bei der überraschenden Aufhebung des Euro-Mindestkurses am 15. Januar 2015, dem sogenannten Frankenschock. Und bei der Einführung von Negativzinsen. Befürchtungen eines wirtschaftlichen Einbruchs haben sich aber nicht bewahrheitet.

Die Höhe des Devisenbergs – mit einem Volumen von 763 Milliarden Franken ist die Nationalbank weltweit der siebtgrösste öffentliche Investor – sorgte zudem dafür, dass die Anlagepolitik der SNB in den Blickpunkt rückte. Viel Diskussionsstoff liefert die quartalsweise veröffentlichte Liste der US-Börsenaufsicht SEC über die Investitionen in US-Aktien (vgl. Box). Sie gibt Auskunft über die milliardenschweren Anlagen der Nationalbank in Rüstungskonzernen und in Firmen der Gas-, Kohle- und Erdölindustrie. Beides ist politisch heftig umstritten – und seit dem Beitritt der Schweiz zum Pariser Klimaabkommen und der Verpflichtung zu klimaverträglichen Finanzströmen mit Konfliktpotenzial zwischen Bund und SNB verbunden.

Jordan muss beim Bundesrat die Anlagepolitik erläutern

So war die Anlagepolitik am letzten Mittwoch Thema bei der jährlichen Aussprache des Bundesrats mit Jordan. Dieser habe insbesondere über die Ausschlusskriterien bei Anlagen informiert, sagte Bundesratssprecher André Simonazzi auf Anfrage. Die SNB verzichtet wegen möglicher Interessenskonflikte auf Investitionen in Aktien mittel- und grosskapitalisierter Banken und bankähnlicher Institute von Industrieländern. Zudem erwirbt sie keine Aktien von Firmen, die grundlegende Menschenrechte massiv verletzen, systematisch gravierende Umweltschäden verursachen oder in die Produktion international geächteter Waffen involviert sind. Auf dem Index sind auch Unternehmen, die in die Produktion von Nuklearwaffen für Staaten involviert sind, die nicht zu den fünf legitimen Atommächten gemäss UNO-Definition zählen. «Green Finance» ist bisher aber kein Thema für die Währungshüter.

Erfolgreich hat sich die SNB gegen Forderungen von Politikern und Finanzfachleuten gewehrt, die Devisenanlagen in einen Staatsfonds auszulagern. Auch andere Angriffe auf die Unabhängigkeit blieben ohne Konsequenzen. Solange die SNB an der ultraexpansiven Geldpolitik mit Negativzinsen festhält, wird der Druck aber kaum nachlassen. «Die Nationalbank ist selber Teil des Problems», antworten Betroffene auf die steten Warnungen der SNB vor den Gefahren auf dem Immobilienmarkt. «Ich glaube, die Negativzinsen und die Grösse der Bilanz der Nationalbank sind die viel grösseren Risiken», sagte UBS-Chef Sergio Ermotti in einem Tamedia-Interview zur SNB-Kritik am Wachstum der Grossbanken.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.