Unternehmen
In den Bilanzen der Schweizer Firmen tickt eine Zeitbombe

Immer wenn ein Unternehmen ein anderes kauft, dann entsteht Goodwill. Es ist dies die Differenz zwischen dem Wert der Aktiva wie Sachanlagen oder flüssige Mittel und dem tatsächlichen Kaufpreis, der in Regel höher liegt.

Sven Millischer
Merken
Drucken
Teilen

Keystone

Mit dem Goodwill wird also das Zukunftspotenzial einer Firma abgegolten. Jener immaterielle Mehrwert, auf dessen Basis das übernommene Unternehmen künftig prosperieren soll. Der Goodwill wird deshalb auch als Aktivum, als Vermögenswert bilanziert. Doch es ist wie in mancher Ehe. Am Anfang sieht die Zukunft immer rosig aus. Über die Jahre macht sich Ernüchterung breit.

Die internationalen Buchprüfungsstandards schreiben deshalb vor, dass der Goodwill jährlich auf seine Werthaltigkeit hin getestet wird. Dieser Impairmentonly-Ansatz ist unter Experten jedoch höchst umstritten. «Die Methodik bietet viele Spielräume, um ohne Abschreiber auszukommen», sagt Peter Leibfried, Professor am Institut für Accounting, Controlling und Auditing der Universität St. Gallen. Und tatsächlich. Der Goodwill ist in den letzten zehn Jahren bei Schweizer Unternehmen explodiert. Unter den 20 SMI-Firmen schwoll der Wert um über 60 Prozent an.

Sehr viel Goodwill

Bei einzelnen Unternehmen ist – je nach Art und Umfang der Akquisitionen – der Anstieg gar noch weitaus höher ausgefallen (siehe Tabelle). Mit der Konsequenz, dass den Firmenwerten heute eine implizite Nutzungsdauer von 85 Jahren unterstellt wird. Zum Vergleich: Nach der Rechnungslegungsnorm Swiss Gaap Fer, die KMU und Nebenwerte anwenden, ist der Goodwill über fünf Jahre vollständig abzuschreiben. Der Verzicht auf planmässige Abschreibungen hingegen lasse keine nachhaltige Buchführung zu und werde sich wohl auch nicht durchhalten lassen, meint Leibfried. Denn: «Wenn diese Entwicklung fortgesetzt wird, bilanzieren die Unternehmen bald nur noch ihre Zukunft.» Eine Zukunft allerdings, die in weiter Ferne liegt.

Ewige Rente überwiegt

Basis für Impairment Tests bildet nämlich der künftige Mittelzufluss. Also, wie viel Geld – nach Abzug der Kapitalkosten – dereinst in der Kasse hängen bleiben wird. Dazu rechnet man den Wert der künftigen Erträge auf den Stichtag zurück und vergleicht ihn mit der Goodwill-Position in der Bilanz. Übersteigt dieser Wert den Goodwill, muss das getestete Unternehmen nicht abschreiben.

Allerdings hat der Test einen Makel. Nur über den Zeitraum von fünf Jahren werden die genauen Zahlungsströme prognostiziert. Was danach kommt, unterliegt einer «ewigen Rente». Der so genannte Fortführungswert macht jedoch den Hauptteil dieser Zukunftsarithmetik aus. So entfallen in der Regel 80 Prozent der erwarteten Erträge auf den Zeithorizont nach fünf Jahren. Damit kann eine kurzfristige Ertragskrise dem Goodwill praktisch nichts anhaben.

CEO bleibt 6 Jahre im Amt

Und letztlich auch nicht dem Topmanagement. Bleibt doch der operative Chef hierzulande im Schnitt 6,1 Jahre im Amt. Solche Modelle würden mit der Ewigkeit mehr erklären als mit der Gegenwart, sagt Marco Passardi, Professor für Financial Accounting an der ZHAW, und warnt: «Damit kumulieren sich die Risiken in den Büchern.» Denn müsse ein Unternehmen irgendwann doch abschreiben, sei das Eigenkapital rasch aufgezehrt.

Dies, aufgrund der zunehmenden Grösse des Goodwills in den Bilanzen (siehe Tabellen). Zudem mahnt Passardi: Ein immer grösserer Teil der Jahresrechnung werde mit der Methode «weich» und damit für Gestaltungen anfällig. Schliesslich stützte sich das Verfahren letztlich auf die Aussagen des Topmanagements. «Die Buchprüfungsgesellschaft kann nur abschätzen, ob das Vorgehen der Zukunftseinschätzung durch das Management plausibel ist».