Aufgeschobene Konkurse
In der europäischen Unternehmenswelt spukt es

Ökonomen berechnen irre Zahlen über künstlich am Leben erhaltene Zombie-Firmen in Europa. Noch keine Gespenster in der Schweiz.

Daniel Zulauf
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Die Rückkehr der Touristen an spanische Meeresstrände wird für viele Firmen zu spät kommen, glauben Ökonomen der Bank of America.

Die Rückkehr der Touristen an spanische Meeresstrände wird für viele Firmen zu spät kommen, glauben Ökonomen der Bank of America.

Keystone

In der europäischen Unternehmenswelt wimmelt es von Untoten. Das ist mindestens die Vermutung von Ökonomen der Bank of America, welche schon seit längerem die Wirkung von Gratis- oder Ultrabilligkrediten auf die europäische Wirtschaftsstruktur untersuchen. Ihren aktuellen Berechnungen zufolge fallen nicht weniger als 200'000 Unternehmen in der Eurozone in die Kategorie der Zombie-Firmen.

Viele dieser Firmen könnten für den Moment zwar weiterexistieren, weil sie von den staatlichen Unterstützungsmassnahmen künstlich am Leben erhalten würden, schreiben die Bankökonomen in ihrer Analyse. Doch längerfristig könnten diese Unternehmen tiefe Narben in der Wirtschaftsstruktur grosser europäischer Länder hinterlassen. Die grössten Gefahren bestünden in Spanien, Frankreich, Italien und in Deutschland. Trotz der pandemiebedingten Wirtschaftskrise seien die europäischen Konkurse zwischen Juli und September um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen, stellen die Beobachter fest.

25'000 aufgestaute Konkurse in Deutschland

Eine ähnliche Beobachtung machten unlängst auch Ökonomen des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Die im April publizierte ZEW-Studie zeigt, dass in den besonders von der Krise betroffenen Branchen weniger als halb so viele Unternehmen den Gang zum Insolvenzgericht angetreten haben wie auf Basis der Daten der pandemiefreien Vorjahre zu erwarten gewesen wäre. Den «Rückstau» an Konkursen beziffert Studienleiter Georg Licht mit rund 25'000 Firmen, die meisten davon seien Mikro-Unternehmen mit weniger als zehn Angestellten.

Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hatte im vergangen Jahr im Rahmen einer Studie auf das Problem einer «Zombifizierung» der Wirtschaft hingewiesen. Diese führe zu einer suboptimalen Verteilung der Ressourcen, was die Produktivität der Volkswirtschaften verschlechtere und somit die Erholung von der Krise verzögere.

Studie zur Schweiz gibt Entwarnung

Auch in der Schweiz wurden 2020 weniger Konkurse als im Vorjahr registriert, wie das Bundesamt für Statistik vor zwei Wochen mitgeteilt hatte. 2019 waren in der Schweiz noch 13'800 Insolvenzen gemeldet worden. 2020 waren es nur noch 12'900. Florian Keller, Studienleiter der MBA-Ausbildung an der Wirtschaftshochschule ZHAW in Winterthur, untersucht die Zombifizierungs-These für die Schweiz.

Eine Bestätigung dafür hat er bislang nicht gefunden. Auf die rund 136'000 staatlich garantierten Covid-19-Krediten, die im ersten Halbjahr 2020 verteilt worden waren hätten im Grossen und Ganzen nur jene Firmen Anspruch erhoben, die schon 2019 über relativ gesunden Finanzen verfügten, hatte Keller im Januar festgestellt. Aktuell ist die zweite Firmenumfrage in Auswertung und Keller erwartet auch von dieser keinen grundsätzlich anderen Befund. Seit Ende Juli gibt es keine Covid-19-Kredite mehr, dafür Härtefallhilfen. Diese würden aber à fonds perdu vergeben und zudem seien sie schwieriger zu bekommen als die Covid-19-Kredite, sagt Keller.