Singapur
In der Forschungsanstalt One-North wird geklotzt, nicht gekleckert

Innerhalb von zehn Jahren wurde in Singapur eine neue Forschungsstadt aus dem Boden gestampft. One-North heisst sie, rund einen Quadratmeter gross ist sie.

Stefan Schuppli, Singapur
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Blick von Biopolis nach Singapur City. Im Gebäude rechts im Vordergrund forscht Novartis.

Blick von Biopolis nach Singapur City. Im Gebäude rechts im Vordergrund forscht Novartis.

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«Biopolis? Oh yes.» Der Taxifahrer weiss Bescheid. Zwanzig Minuten in rasantem Tempo gehts vom Zentrum Richtung Nordwesten, nach One-North, die rund einen Quadratkilometer grosse Forschungsstadt Singapurs. Im Subzentrum Biopolis wird die Orientierung auch für den Taxifahrer schwierig, trotz Navi. Denn es vergeht fast kein Tag, ohne dass irgendwo in One-North eine neue Erschliessungsstrasse geteert wird. Futuristische Gebäude werden im Monatstakt hochgezogen, grosszügige Grünanlagen mit WLAN-Empfang sind selbstverständlich. Der Masterplan stammt von der iranischen Architektin Zhara Hadid.

Unzweifelhaft hat die Schweiz bezüglich Forschung und Entwicklung noch die Nase vorn (siehe Box). Aber im Gegensatz zur Schweiz, wo die beiden grossen wegweisenden Innovationsparks erst angedacht sind, sind hier schon Tausende von Wissenschaftern an der Arbeit. Im Bereich Life Sciences entwickelt sich Singapur immer mehr zu einer Konkurrenz zum Forschungsstandort Schweiz, genauer: Basel. Dass Pharma lukrativ ist, weiss man auch in Singapur.

Milliarden für neue Projekte

Freilich lassen sich die Schweiz und Singapur nur beschränkt vergleichen. Die Schweiz hat eine lange Forschungstradition, während Singapur noch vor 50 Jahren ein armes Land war. Der Forschungscluster wurde in wenigen Jahren aus dem Boden gestampft. Allein Biopolis, das Zentrum für biotechnologische Forschung, liess sich der Staat vier Milliarden Franken kosten. In groben Zügen geht Singapur so vor:

In die Welt hinaus gehen und die besten Ideen abkupfern.

Dafür sorgen, dass sehr gut ausgebildete Menschen ein erstklassiges Umfeld vorfinden.

Bildung gemischtwirtschaftlicher Partnerschaften.

Beispiele? In den 70er-Jahren hat Singapur bei Swissair abgeschaut, heute ist die Singapore Airlines eine der besten Fluggesellschaften der Welt, und Swissair ist Geschichte. Auch der Finanzsektor hat von der Schweiz profitiert. Ausserdem ist die Finanzbranche agil: Ohne viel Federlesens hat die Regierung den automatischen Informationsaustausch angekündet. Allerdings: Demokratische Ausmarchungen kennt der autoritäre Stadtstaat nicht.

Auch die Schweiz findet in One-North ihren Platz – gleich mehrfach. Novartis war seit dem Start von Biopolis mit seinem Institut für Tropenkrankheiten NITD vor Ort. Swissnex Singapore, die Kontakt- und Anlaufstelle des Bundes, ist bei Novartis gleich um die Ecke. Die spartanischen Büros signalisieren, dass hier keine Steuergelder verschleudert werden: Nur keine sind billiger. Das Jahresbudget beläuft sich auf gerade mal 600 000 Franken. Die zehn Mitarbeitenden sind mehrheitlich wissenschaftliche temporäre Stagiaires, von denen manche über Unis finanziert sind.

Schweizer Brückenbauerin

Swissnex-Direktorin Suzanne Hraba-Renevey ist es sehr wohl hier. Als Brückenbauerin zwischen Forschern und Firmen der Schweiz und Singapur ist sie oft auf Achse, unter anderem kürzlich auch an einem Technologie-Workshop in Basel. Vor wenigen Wochen hatte sie eine offizielle Delegation aus dem Kanton Freiburg hier, um Inputs für ihren im Bau befindlichen CO2-neutralen Technologiepark Blue Factory zu bekommen. Frau Hraba organisierte alle Kontakte vor Ort. Ganz wichtig sind auch Ausbildungs-, Sabbatical- sowie Sommeruniprogramme, die Swissnex vermittelt.

Für viele Schweizer Firmen ist Singapur ein Sprungbrett für China. Eines von den möglichen Geschäftsmodellen: Firmen aus Singapur und der Schweiz treffen sich und bearbeiten den Asienmarkt; so könnten beide profitieren. «Und wir können von den Leuten hier viel lernen», sagt Hraba. Wichtig sei, dass in Singapur wie in der Schweiz der «best practice»-Anspruch und gegenseitiger Respekt herrsche. Auch die Auffassungen über den Patentschutz deckten sich. Mit dem Future Cities Laboratory ist auch die ETH Zürich in Singapur vertreten. Der ebenfalls neue «Create Campus» liegt rund ein Kilometer westlich von One-North. Die Denkfabrik leistet dort ihren Beitrag an die Entwicklung der asiatischen Städte mit Fokus auf Ökologie.

Unter den Schweizer Hochschulen wurde, was die Zusammenarbeit im Ausland betrifft, in diesem Frühjahr eine Aufteilung in sogenannte «Leading Houses» vorgenommen. So ist die ETH Zürich für China, Japan, Südkorea, Singapur und die Asean-Staaten zuständig. Für Indien, Brasilien und Lateinamerika zeichnet die Hochschule Lausanne, für Russland die Uni Genf, für Afrika die Uni Basel.