Saudi-Arabien
In die Wüste geschickt: Deutscher soll Traum-Metropole der Scheichs für 500 Milliarden Dollar realisieren

Der gefallene deutsche Starmanager Klaus Kleinfeld soll die Traum-Metropole «Neom» aufbauen. Das Projekt soll den Wüstenstaat aus der gesellschaftlichen Rückständigkeit in das 21. Jahrhundert und in die Nach-Erdöl-Ära zu hieven. Investoren kritisieren das 500-Milliarden-Projekt für die Wüstenstadt.

Jürgen Dunsch
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Hochfliegende Pläne in Saudi-Arabien: Die Wüstenstadt Neom. HO

Hochfliegende Pläne in Saudi-Arabien: Die Wüstenstadt Neom. HO

«Neom» ist ein mässig gelungenes Kunstwort. Aber für den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman eine Verheissung. Das Projekt, eine Mega-Metropole am Roten Meer mit einem Investitionsvolumen von 500 Milliarden Dollar, soll entscheidend dazu beitragen, den Wüstenstaat aus der gesellschaftlichen Rückständigkeit in das 21. Jahrhundert und in die Nach-Erdöl-Ära zu hieven.

Die Scheichs machen das natürlich nicht selbst. Als Projektleiter für die Moderne haben sie einen westlichen Manager geholt: Klaus Kleinfeld, ehemaliger Chef des deutschen Elektrokonzerns Siemens und der amerikanischen Arconic. Sie war durch die Aufspaltung des von ihm ab 2008 geführten Aluminiumriesen Alcoa entstanden.

Wüste zum Blühen bringen

Der gebürtige Bremer, der jünger wirkt als seine 60 Jahre, verkörpert Taten- drang. Dies ist auch notwendig, denn der amerikanisch geprägte Spitzenmanager und bekennende Technik-Freak soll nichts weniger schaffen, als die Wüste aufblühen zu lassen; dies nach den Vorstellungen des Kronprinzen bis 2025, zusammen mit den Nachbarstaaten Jordanien und Ägypten und auf einer Fläche mehr als halb so gross wie die Schweiz. Grosse Herausforderungen haben Kleinfeld noch nie geschreckt. Nach seinem Beginn beim Pharmaunternehmen Ciba-Geigy in Basel ging er 1987 zum Elektrokonzern Siemens. Die Leitung des US-Geschäfts bildete das Sprungbrett an die Spitze: Im Januar 2005 wurde er Vorstandsvorsitzender. Dann folgte 2008 wieder der Wechsel nach Amerika, genauer gesagt zu Alcoa.

Klaus Kleinfeld.

Klaus Kleinfeld.

REUTERS

Kleinfeld sieht sich als Macher in allen Lebenslagen. Er ist von sich überzeugt – er noch mehr als andere von ihm. Wegen seiner amerikanischen Hauruck-Methoden ging Heinrich von Pierer, sein Vorgänger an der Siemens-Spitze, rasch auf Distanz. Zugleich ist Kleinfelds Karriere von Windungen gezeichnet. Im Dunstkreis der milliardenschweren Korruptionsaffäre im Dax-Konzern Siemens und getrieben vom Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme verzichtete er im April 2007 auf eine Vertragsverlängerung; indes bestreitet er jegliche Mitverantwortung für die Schmiergeldzahlungen.

Dem Rauswurf bei Arconic im April dieses Jahres, der mit einer millionenschweren Abfindung abgefedert wurde, ging eine Schlammschlacht mit dem Private-Equity-Investor und Grossaktionär Elliott Management voraus. Gereizt reagiert Kleinfeld bis heute, wenn der Name «Rolex» fällt. Anlässlich der Ernennung zum Siemens-Chef war die Luxusuhr an seinem linken Handgelenk, die auf einem früheren Foto prangte, von übereifrigen Mitarbeitern wegretuschiert worden. Diese Öffentlichkeitswirkung wünscht sich niemand: Der Arbeitersohn Kleinfeld blieb an den deutschen Stammtischen nicht zuletzt durch diese Episode in Erinnerung.

Mit den Grossen dieser Welt verkehrt Kleinfeld schon lange. Gut vernetzt ist er im Weltwirtschaftsforum von Klaus Schwab, wo der Davos-Teilnehmer bis vor kurzem dem einflussreichen Stiftungsrat angehörte. Im noch exklusiveren Elite-Treff der Bilderberg-Konferenz sitzt er im Steuerungsausschuss. Er war unter den ersten Wirtschaftsbossen, die den neuen US-Präsidenten Donald Trump trafen. Man kann annehmen, dass Kleinfeld die Verhältnisse in Saudi-Arabien aus seinen Siemens-Jahren kennt. Die direkte Brücke zu Kronprinz Mohammed bin Salman schlug er allerdings offenbar 2015, als Alcoa im Königreich eine Fabrik eröffnete. Anders wäre es auch nicht gegangen, das Land der Scheichs ist kein Feld für externe Headhunter.

Samih Sawiris bezahlte Lehrgeld

Jetzt hagelte es auf einer Konferenz zur Investorenwerbung mit 2500 Teilnehmern aus 60 Ländern gegenseitige Komplimente. «Ich bin geehrt und begeistert, diese Führungsrolle zu übernehmen», lässt sich der Hoffnungsträger der Scheichs zitieren. Mit den Worten, Kleinfeld werde dazu beitragen, «eine der künftigen Hauptstädte für Wirtschaft und Wissenschaft, den lebenswertesten Ort der Welt und das künftige Handelszentrum Saudi-Arabi- ens zu schaffen», blies seinerseits der Kronprinz die Schalmei, der sein Projekt zum Teil aus dem Börsengang des Ölriesen Aramco finanzieren will. Strom allein aus erneuerbaren Energien, Bildung auf höchstem Niveau und Studentinnen ohne Schleier, autonomes Fahren, Gesundheitsversorgung auf Top-Niveau – in der Wüstenstadt «Neom» sollen keine Wünsche offenbleiben. Ungeachtet der hochfliegenden Pläne für die urbane Traumregion bleibe der Lebensmittelpunkt von Kleinfeld in den Vereinigten Staaten, stellt indes sein PR-Berater klar.

Vorläufig muss der Deutsche vor allem Überzeugungsarbeit leisten. Interessierte Anleger gibt es durchaus, wie die rege Teilnahme an der Investorenkonferenz zeigte. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg will der japanische Telekommunikationskonzern Softbank 15 Milliarden Dollar in das Projekt «Neom» stecken. Ansonsten aber herrscht noch grosse Zurückhaltung. Viele wollen erst sehen, ob der radikale Reformkurs des 32 Jahre alten Kronprinzen wirklich Bestand hat und was er aussenpolitisch im Schild führt. Entsprechend meint ein mit der Region vertrauter Geschäftsmann, solange in Saudi-Arabien die Dominanz des doktrinären Wahhabismus nicht beseitigt sei, habe er wenig Lust, sich zu engagieren. Der Ägypter und koptische Christ Samih Sawiris, hierzulande bekannt als Investor in Andermatt, hat schon Lehrgeld bezahlen müssen. In den angeblich so fortschrittlichen Emiraten am Persischen Golf hatte er so viel Widerstand erfahren, dass er weitere Ausbaupläne auf Eis legte. Das erinnert daran, dass auf der Arabischen Halbinsel die Uhren speziell ticken – auch mit dem «Westler» Kleinfeld.