Tessin
In unserem Ferienkanton sollen Angestellte länger arbeiten – nun streiken sie

Der starke Franken macht der Südschweiz zu schaffen, die Unternehmen reagieren mit harten die Massnahmen. Doch die Arbeiter akzeptieren diese nicht und streiken.

Gerhard Lob, Lugano
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Längere Arbeitszeiten, weniger Lohn, weniger Ferien: Mit diesem Rezept versuchen einige Unternehmen der Südschweiz, auf die Frankenstärke zu reagieren.
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In einer Reihe von Fällen wurden die Mitarbeiter ins Personalbüro gerufen, um auf der Stelle neue Verträge mit wesentlich geringeren Löhnen zu unterschreiben.
Der Tessiner Unia-Sekretär Enrico Borelli sprach daher von einem «frontalen Angriff auf die Rechte der Arbeiter».
Im Tessin sollen Angestellte länger arbeiten – ihre Antwort: sie streiken
Eine ganze Woche dauerte zuvor der Streik bei der Plastikfolienherstellerin Exten SA in Mendrisio.
Dort sollten die Löhne für Einheimische um 16 Prozent und für Grenzgänger um 26 Prozent gekürzt werden.
Erst die Mediation von FDP-Staatsrätin Laura Sadis (FDP) als Präsidentin der kantonalen Schlichtungskommission sorgte für ein Ende des Ausstands.

Längere Arbeitszeiten, weniger Lohn, weniger Ferien: Mit diesem Rezept versuchen einige Unternehmen der Südschweiz, auf die Frankenstärke zu reagieren.

Keystone

Längere Arbeitszeiten, weniger Lohn, weniger Ferien: Mit diesem Rezept versuchen einige Unternehmen der Südschweiz, auf die Frankenstärke zu reagieren. Der Entscheid der Nationalbank von Mitte Januar, die Untergrenze von 1.20 Franken zum Euro aufzuheben, traf die Industrie in der Südschweiz weitgehend unvorbereitet. Nun sollen die Produktionskosten verringert werden.

In einer Reihe von Fällen wurden die Mitarbeiter ins Personalbüro gerufen, um auf der Stelle neue Verträge mit wesentlich geringeren Löhnen zu unterschreiben. Keine Personalversammlungen; keine Information der Gewerkschaften. Der Tessiner Unia-Sekretär Enrico Borelli sprach daher von einem «frontalen Angriff auf die Rechte der Arbeiter».

Einige Belegschaften reagierten mit Streiks. Anfang dieser Woche legten die Angestellten der SMB SA in Biasca, einem Zulieferbetrieb für die Luftfahrtindustrie, die Arbeit nieder, nachdem drei langjährigen Kollegen gekündigt worden war. Die Firmenleitung begründete die Entlassungen mit der Stornierung von Aufträgen. Nach sechs Stunden Verhandlungen mit den Gewerkschaften wurden die Entlassungen zurückgenommen und der Streik eingestellt. Nun will man erst einmal mit Kurzarbeit über die Runden kommen.

Unternehmen krebsen zurück

Eine ganze Woche dauerte zuvor der Streik bei der Plastikfolienherstellerin Exten SA in Mendrisio. Dort sollten die Löhne für Einheimische um 16 Prozent und für Grenzgänger um 26 Prozent gekürzt werden. Erst die Mediation von FDP-Staatsrätin Laura Sadis (FDP) als Präsidentin der kantonalen Schlichtungskommission sorgte für ein Ende des Ausstands. Bis Ende April müssen dort nun die Parteien unter Einbezug eines externen Gutachters verhandeln. Der Stahlbetrieb Cattaneo in Giubiasco hat seinerseits gestern mitgeteilt, auf die beabsichtigten Lohnsenkungen zu verzichten. Auch dort hatte es Proteste gegeben, allerdings war das Personal transparent informiert worden.

Für den kantonalen Industrieverband (Aiti) handelt es sich bei Firmen wie Exten um schwarze Schafe. «Die grosse Mehrheit der Unternehmen sucht nach einvernehmlichen Lösungen und verhält sich korrekt», beteuerte gestern Präsident Daniele Lotti im Rahmen einer Medienkonferenz in Lugano.

Er beklagte umgekehrt, dass in der Bevölkerung das Verständnis für die Industriebranche und ihre Bedeutung (21 Prozent des kantonalen BIP) dramatisch abnehme. «Unternehmer werden kriminalisiert; Gewinn zu machen, wird als Verbrechen gesehen», so ein sichtlich erboster Lotti. Man müsse sich nicht wundern, wenn nun einige Firmen ihre Aktivität ins Ausland verlagern wollten. Dabei zeigten sich gerade Grenzgänger bereit, freiwillig auf etwas Lohn zu verzichten.

Kaum Solidarität aus dem Volk

Die Situation ist zweifellos angespannt und die Stimmung gereizt. Aber trotz der teilweise happigen Lohnabschläge und Streiks ist von einer grossen Solidaritätswelle in der Bevölkerung nichts zu spüren. Zu einer Kundgebung der SP und weiterer Linksparteien zur Unterstützung der Streikenden und gegen missbräuchliche Lohnkürzungen am vergangenen Wochenende vor dem Regierungsgebäude in Bellinzona kamen nur wenige hundert Personen.

Das war vollkommen anders, als 2008 die SBB ihre Werkstätten in Bellinzona schliessen wollten und die dortigen Arbeiter einen guten Monat streikten. Eine enorme Solidaritätswelle erfasste den Kanton, Tausende gingen auf die Strasse. Politische Beobachter glauben, dass die unterschiedlichen Reaktionen mit den Betroffenen selbst zusammenhängen. Bei den SBB waren es Einheimische. Jetzt sind es vor allem Grenzgänger sowie Ausländer – die Solidarität hält sich da in Grenzen.