India Pale Ale mit Zitrus-Note: Luzerner brauen erstmals ein Bier mit Hilfe von künstlicher Intelligenz – wie schmeckt's?

Die Hochschule Luzern hat gemeinsam mit einer lokalen Brauerei erstmals ein Bier mit Hilfe von künstlicher Intelligenz gebraut. Weitere könnten folgen.

Christopher Gilb
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Haben das Bier aus künstlicher Intelligenz möglich gemacht (von links): Marc Bravin, Kevin Kuhn und Adrian Minnig.

Haben das Bier aus künstlicher Intelligenz möglich gemacht (von links): Marc Bravin, Kevin Kuhn und Adrian Minnig.

Bild: PD

In seiner Forschungsgruppe an der Hochschule Luzern (HSLU) beschäftigt sich der wissenschaftliche Mitarbeiter Marc Bravin schon länger mit künstlicher Intelligenz (KI), speziell mit Rezeptgeneratoren. «Wir füttern unser Programm mit so viel Informationen, dass es immer neue Rezepte daraus kreieren kann. Einmal konnten wir sogar den Mensa-Chef dazu überreden, eines davon auszuprobieren», erinnert sich der 26-Jährige aus Stans. Und was mit Gerichten gehe, könne doch sicher auch mit Getränken funktionieren, dachten er uns seine Forscherkollegen sich – und geboren war sie, die Bieridee:

«Wir fanden eine Seite mit 157'000 Bierrezepten von Hobbybrauern aus der ganzen Welt und fütterten unser Programm damit.»

Schnell hätten sie allerdings feststellen müssen, dass Getränke herzustellen, nicht das Gleiche ist, wie Bestandteile eines Gerichts zu kombinieren. «Auch als Laie weiss ich, das Schoggi und ein Schnitzel nicht unbedingt zusammenpassen, beim Bier jedoch kann ich nicht beurteilen, was, wie, zu welchem Geschmack führt», so Bravin. Sie brauchten also jemanden aus der Praxis, um das Programm zu strukturieren, und stiessen auf die Rothenburger Kleinbrauerei MN Brew.

Diverse Anlaufschwierigkeiten

Adrian Minnig betreibt die Brauerei gemeinsam mit Freunden seit 2015 nebenberuflich. Der derzeitige Jahresausstoss beträgt 220 Hektoliter – Tendenz steigend. Es ist eine der unzähligen Kleinbrauereien, die in den letzten Jahren den Schweizer Markt mit neuen Biersorten bereichern. Über 1100 Brauereien sind hierzulande registriert; gemessen an der Einwohnerzahl ein Weltrekord. Interesse hätte auch eine Grossbrauerei gezeigt, sagt Marc Bravin. «Dort hätte es aber wegen der komplizierteren Prozesse rund ein Jahr bis zu einem Feedback gedauert, «so lange wollten wir nicht warten».

Adrian Minnig erinnert sich: Die Idee der Forschenden war spannend, wir merkten aber schnell, dass sie wenig Ahnung vom Brauen haben. Was der Generator als Rezept herauswarf, war viel zu unkonkret, da war noch echtes Handwerk nötig.» Das bestätigt Marc Bravin:

«Wir mussten noch einmal einen Schritt zurück machen.»

So hätte die Datenbank, weil sie Rezepte aus der ganzen Welt kombiniert, auch Rohstoffe empfohlen, die in der Schweiz gar nicht vorhanden seien. «Zudem merkten wir: Während beim Essen als Rezept ein Lauftext reicht, sind bei Bierrezepten tabellarische Informationen wie etwa die Kochzeiten für den Hopfen unerlässlich, da das schon einen grossen geschmacklichen Unterschied macht.»

Im Sommer war das System dann so weit. Beim fertigen Generator namens «Brauer AI» muss nun zuerst der Bierstil festgelegt werden – India Pale Ale, Weizen, Amber usw. Diesen gibt entweder ein Mensch vor oder die KI wählt ihn zufällig. Aufgrund des Stils schlägt der Generator dann eine Liste von Malzsorten und deren Anteil am Sud vor. Als Nächstes folgen Vorschläge für passende Hopfensorten und deren Kochzeiten. «Wir warfen den Generator an und das erste Rezept, das herauskam, nahmen wir», erinnert sich Adrian Minnig. Herausgekommen ist ein hopfenlastiges India Pale Ale mit Zitrusnote und 5,4 Prozent Alkoholgehalt namens Deeper.

Adrian Minnig, Marc Bravin und der dritte im Bunde, Kevin Kuhn, Mitinhaber von der Jaywalker Digital AG in Luzern, der bei der Optimierung der KI geholfen hat, sind nun gespannt, wie das Bier ankommt. Insgesamt 550 Liter gehen an ausgewählte Testpersonen. Marc Bravin sagt, er könne sich vorstellen, dass der Brauer AI häufiger zum Einsatz kommt. «Vielleicht im Rahmen eines kleinen KI-Bierfestivals, wo jede Brauerei ein Bier mit einem Rezept aus dem Generator vorstellt.» Auch Adrian Minnig kann sich vorstellen, den Generator wieder laufen zu lassen.

«Aber ich werde vielleicht dieses Mal eher den zweiten oder dritten Vorschlag nehmen.»

Denn: «Das Rezept beinhaltet den teuersten Hopfen in der Schweiz, die Flasche müsste ich deshalb für etwa 4 Franken verkaufen, das wäre vielen Kunden zu teuer.»

Brauerei-Verband sieht den Generator kritisch

Beim Schweizer Brauerei-Verband wusste man bis anhin noch nichts von der Innovation. «Der Generator an sich sei eine spannende Entwicklung», sagt dessen stellvertretender Direktor, Christoph Lienert, auf Anfrage. Gibt aber zu bedenken:

«Dass ein Bierbrauer auf viele lokale Einflüsse Rücksicht nehmen muss, wie etwa die Beschaffenheit des Wassers vor Ort oder die Geräte, die er einsetzt, dies wirkt sich auf den Geschmack des Bieres aus.»

Auch sei es Teil der DNA des Brauerberufs, selbst neue Kreationen zu entwickeln und auf die Suche nach Inspirationen zu gehen. Zudem müsse das Bier ja auch zum Markt passen, und den kenne der Generator wohl nicht. Ob der Generator deshalb wirklich einen Mehrwert erbringe, hält er für fraglich.

Anders sieht es Adrian Minnig: «Der Generator eröffnet uns neue Möglichkeiten: Per Knopfdruck hat ein Bierbrauer das Wissen aus der ganzen Welt und muss nicht mehr selbst auf die Suche gehen. Das steigert die Effizienz.» Da jede Kombination zudem nur einmal generiert werde, sei jedes Bier ein Unikat. Das Deeper schmeckt ihm jedenfalls: «Sehr spannend und sehr fruchtig», so Minnigs Fazit.

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