INDUSTRIE: Der Nachwuchs ist das Kapital

Der Verband Swissmechanic wird 75 Jahre alt. Das Markenzeichen vieler seiner Mitgliedsbetriebe ist die hohe Ausbildungsquote. Ein Augenschein bei der Reiden Technik AG.

Hans-Peter Hoeren
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Der lernende Polymechaniker Armend Duzhmani bei der Montage eines Fräskopfes in der Produktion der Reiden Technik AG. (Bild: PD)

Der lernende Polymechaniker Armend Duzhmani bei der Montage eines Fräskopfes in der Produktion der Reiden Technik AG. (Bild: PD)

20 Prozent der Belegschaft sollen Lehrlinge sein. Dieses Ziel steht jedes Jahr wieder ganz oben in der Personalplanung der Reiden Technik AG. Aktuell liegt das Maschinenbau-Unternehmen aus dem Kanton Luzern darunter. Von den 140 Mitarbeitern sind 20 Lehrlinge. «Die vergangenen beiden Jahre haben wir die Lehrstellen sehr gut besetzen können, für das laufende Jahr sieht es noch nicht so gut aus», sagt Betriebsleiter Patrick Riedweg (43).

Ausgeprägte Betriebstreue

Polymechaniker, Produktionsmechaniker, Automatiker, Konstrukteure, Kaufleute – in diesen Bereichen bietet das Unternehmen Ausbildungsplätze an. Gegen eine halbe Millionen Franken werden jährlich in die Ausbildung investiert. «Wir bilden in erster Linie für uns selber aus, nicht für den Markt», sagt Riedweg. Dank der hohen Ausbildungsquote und der ausgeprägten Betriebstreue hält sich der Fachkräftemangel bei der Reiden Technik AG in Grenzen.

Die hohe Ausbildungsquote ist typisch für ein KMU des Industrieverbands Swissmechanic, der heute im Luzerner KKL sein 75-jähriges Bestehen feiert (siehe Box). Weitere Gemeinsamkeiten: Viele dieser kleinen und mittleren Unternehmen – im Schnitt liegt die Betriebsgrösse zwischen 30 und 80 Mitarbeitern – sind Nischenplayer. Sie stellen vielfach hochwertige Präzisionsprodukte her und punkten im Ausland mit Schweizer Qualität.

Für viele dieser Betriebe wäre es interessant, ihre Produkte in den Schwellenländern, in Asien und den USA zu vertreiben. «Doch für kleine Unternehmen ist es schwer, sich global aufzustellen. Es fehlen die Ressourcen, das Know-how», sagt Oliver Müller, der Direktor von Swissmechanic.

Sprung in den russischen Markt

Die Reiden Technik AG liefert Anschauungsunterricht, wie ein mittelgrosses KMU diese Hürde bewältigen kann. Das Unternehmen stellt mehrachsengesteuerte Fräsmaschinen her. Die Exportquote liegt bei 70 Prozent, das Gros der Maschinen geht nach Deutschland. Zu den Kunden gehören Mercedes, ABB, Lufthansa, BMW sowie verschiedenste Lohnbearbeitungsunternehmen.

Gegen 30 Maschinen werden pro Jahr in Reiden produziert. Diese sind zwischen 1 und 4 Meter lang und kosten zwischen 600 000 und 2 Millionen Franken. «Um die Auftragsschwankungen und den Betrieb auf Dauer besser auslasten zu können, brauchen wir zusätzliche Absatzmärkte», verdeutlicht Patrick Riedweg. Die hat man mittlerweile gefunden. Über ein Schweizer Partnerunternehmen verkauft die Reiden Technik AG ihre Fräsmaschinen mittlerweile auch in Russland.

«Auch in China und den USA bauen wir über einen dort tätigen Schweizer Partner Vertriebsstrukturen auf. Ich bin überzeugt davon, dass der Schritt in die globalisierte Welt, auch für kleinere Schweizer Firmen möglich ist», sagt Riedweg. Wichtig seien vor allem ein gutes Netzwerk und ein gutes Produkt.

Präzision als Wettbewerbsvorteil

«Die Reiden-Werkzeugmaschinen haben zahlreiche technische Alleinstellungsmerkmale. Weil unsere Maschinen sehr präzise, technisch anspruchsvolle Teile produzieren können, haben wir hier noch einen deutlichen Vorsprung gegenüber Billiglohnländern», sagt Riedweg. Einen grossen Wert lege man auf den Kundenservice. «Viele Kunden kommen wegen des Kundenservice wieder zu uns», sagt Riedweg.

Rückkehr in die schwarzen Zahlen

Trotz hochwertiger Produkte – die Eurokrise ist nicht spurlos an der Reiden Technik AG vorbeigegangen. «Zum Teil mussten wir Maschinen mit Verlust verkaufen», sagt Riedweg. Das Unternehmen habe schnell reagiert und mit den Lieferanten Preisanpassungen ausgehandelt. «Viele Schweizer Lieferanten haben Fortschritte gemacht», sagt Riedweg. Bei geringfügigen Preisunterschieden im Vergleich zum Ausland versuche man, dem Schweizer Lieferanten die Treue zu halten, unterm Strich aber kaufe man mittlerweile mehr Vorprodukte in der Eurozone ein.

«Den Turnaround haben wir geschafft. Mittlerweile schreiben wir wieder schwarze Zahlen», sagt Riedweg. Die Margen seien niedriger als vor der Eurokrise. Umso wichtiger seien Innovationen, sprich neue Maschinen. Hier habe die Reiden Technik AG ihre Hausaufgaben gemacht, auch Verbesserungen in den Produktionsprozessen hätten die Effizienz gesteigert. «Der Mindestkurs von 1.20 Franken zum Euro sichert das Überleben, wir haben uns auf dieses Niveau eingestellt», sagt Riedweg.

Zulieferer stehen unter Druck

Dennoch ist die Ertragslage in vielen Betrieben des Industrieverbands gemäss Swissmechanic-Direktor Oliver Müller noch angespannt. «Viele Betriebe haben durch Innovation und operative Massnahmen versucht, die Margensituation zu verbessern», sagt Müller. Viele hätten in den letzten Jahren aber nicht in vollem Masse die Investitionen tätigen können, die sie hätten tätigen müssen. «Das hat zu einer schleichenden Überalterung des Maschinenparks geführt», sagt Müller. Zudem hätten im Inland tätige Zuliefererbetriebe zunehmend Schwierigkeiten, bei grösseren Betrieben als Lieferant interessant zu bleiben.

Swissness bleibt ein Trumpf

Die Eurokrise habe die Mitgliedsbetriebe noch stärker gezwungen, sich auf die Bereiche zu fokussieren, in denen ihre Kernkompetenzen liegen, sagt Müller. Um die Zukunftsfähigkeit der Branche macht er sich indes keine grossen Sorgen. «Die Herausforderungen für die Unternehmen waren bei der Gründung des Verbands vor 75 Jahren die gleichen wie heute. Wenn wir uns um Innovationen und Topprodukte bemühen, dann haben wir eine Zukunft», sagt der Swissmechanic-Direktor.

Viel Potenzial sieht er in einer globaleren Aufstellung der kleineren KMU. Auch in Schwellen- und Billiglohnländern sei das Interesse an spezifischen Komponenten aus der Schweiz gross. Müller nennt das Beispiel eines indischen Maschinenherstellers. Dieser habe seine Maschinen im indischen Heimmarkt auch deshalb gut verkaufen können, weil er auf Schweizer Komponenten im Herz der Maschine verweisen konnte.