INDUSTRIE: Die Arbeitstage werden wieder kürzer

Nach dem Frankenschock haben viele Firmen aus der Region die Wochenarbeitszeit erhöht. Einige kehren zurück zur Normalität. Gespart wird aber weiterhin.

Drucken
Teilen
Eine Mitarbeiterin von Siemens Building Technologies in Zug arbeitet an einer Platine. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Eine Mitarbeiterin von Siemens Building Technologies in Zug arbeitet an einer Platine. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Maurizio Minetti

Der Schock des 15. Januar 2015 sitzt vielen Schweizer Produktionsunternehmen noch immer tief in den Knochen. An diesem Tag entschied die Schweizerische Nationalbank, den Mindestkurs des Schweizer Frankens zum Euro nicht mehr zu verteidigen. Der Franken legte sofort an Wert zu, was im Endeffekt zu einer massiven Verteuerung des Produktionsstandorts Schweiz führte. Stellenabbau, Lohnsenkungen und Verlagerungen ins billigere Ausland waren die Folge. Da die Auftragslage für Schweizer Unternehmen grundsätzlich nach wie vor gut ist, entschieden sich viele dafür, die Arbeitszeiten zu erhöhen – bei gleichem Lohn. So mussten keine neuen Stellen geschaffen werden, während bestehende Mitarbeitende fortan etwa 45 statt 40 Stunden pro Woche arbeiten mussten. Allein in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) haben laut dem Branchenverband Swissmem 70 Schweizer Unternehmen die Wochenarbeitszeit erhöht.

Zurück zur Normalität

Mittlerweile ist aber wieder die Normalität zurückgekehrt. Gestern gab die Schaffhauser Georg Fischer AG bekannt, dass ab 2016 wieder 40 statt 44 Stunden pro Woche gearbeitet wird (siehe Box).

Zu den Zentralschweizer Unternehmen, welche die Arbeitszeit dieses Jahr erhöht haben, zählen V-Zug, Landis+Gyr und Siemens Building Technologies in Zug, Ruag in Altdorf, Maxon Motor in Sachseln sowie Swiss Steel in Emmen (siehe Grafik). Die Division Gebäudetechnik von Siemens in Zug hatte die Arbeitszeit für 1400 Festangestellte per 1. April 2015 von 40 auf 45 Stunden pro Woche erhöht. Seit Oktober müssen aber nur noch 43 Stunden gearbeitet werden, und ab Mai 2016 ist wieder die reguläre 40-Stunden-Woche vorgesehen. Ursprünglich wollte Siemens die Arbeits­zeitverlängerung bis 1. Juli 2016 durchziehen. Die vorzeitige Beendigung der Massnahme ist mit der Arbeitnehmervertretung im Rahmen der Lohnrunde vereinbart worden, da sich der Franken-Wechselkurs in den letzten Monaten ein wenig stabilisiert habe und ein Verzicht auf eine generelle Lohnerhöhung einen langfristigeren Beitrag bringe, erklärt Siemens auf Anfrage.

Freie Tage und Sonderprämie

Mit den bisher geleisteten zusätzlichen Arbeitsstunden hätten die Mitarbeitenden aktiv geholfen, einen Teil der entstandenen Kostennachteile auszugleichen, sagt Siemens-Sprecher Benno Estermann. «In unserer Forschungs- und Entwicklungsabteilung ist es beispielsweise gelungen, externe Kosten aufgrund der Mehrarbeit zu reduzieren», so Estermann. Die 1400 Mitarbeiter in der Verwaltung, Forschung und Entwicklung am Standort Zug erhalten als Dankeschön zwei freie Tage. Weitere 500 Mitarbeiter in der Produktion erhalten eine Sonderprämie von 1000 Franken, weil sie durch Entlassungen am Standort Zug mehr haben leisten müssen.

«Wir gehen per 1. Dezember wieder auf 40 Stunden zurück», sagt auch Thomas Zehnder, Sprecher des Zuger Stromzähler-Herstellers Landis+Gyr. Über weniger Arbeitsstunden können sich rund 330 Angestellte in Zug freuen. Landis+Gyr hatte die Arbeitszeit per Juni auf 43 Stunden erhöht. Auch das Kader musste zurückstecken: Es verzichtete unter anderem auf 4 1/2 zusätzliche Ferientage. Ausschliessen, dass die Arbeitszeit künftig wieder erhöht werden könnte, will Landis+Gyr aber nicht.

Gute und schlechte Erfahrungen

Wenn ein Unternehmen wieder zum normalen Regime zurückkehrt, kann das mehrere Gründe haben. Einerseits kann es im Gesamtarbeitsvertrag eine Beschränkung der Dauer der Arbeitszeitverlängerung geben, andererseits könnte eine Beendigung der Massnahme auf eine Auftragsflaute hindeuten. Eine andere Begründung liefert der Luzerner Hersteller von elektronischen Komponenten, Schurter. Personalchefin Brigitte Studer sagt, man habe zuletzt 2011 die Arbeitszeit erhöht – und damit schlechte Erfahrungen gemacht. «Die Massnahme hat im Endeffekt zu wenig gebracht; die Produktivität konnte nur minim gesteigert werden», sagt Studer. Die Verlängerung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn habe bei der Belegschaft eher zu Unzufriedenheit geführt. Da das konjunkturelle Umfeld weiterhin herausfordernd sei, müsse man aber dennoch Sparmassnahmen ergreifen, erklärt Studer. Schurter setze dabei aber auf andere Mittel, wie zum Beispiel Neuverhandlungen mit Lieferanten. Eine Erhöhung der Arbeitszeit stehe nicht zur Diskussion.

Gute Erfahrungen gemacht hat hingegen Maxon Motor. CEO Eugen Elmiger sagt: «Viele neue Projekte konnten termingerecht abgewickelt werden. Vor allem freut es uns, dass die Maxon-Belegschaft bereit war, schnell und flexibel auf kurzfristige unternehmerische Dringlichkeiten aufgrund von Marktbedingungen zu reagieren.» Bei Maxon wird seit November wieder 40 Stunden gearbeitet.

Grosse regionale Unternehmen wie Trisa, Calida, Dätwyler, Pilatus, CKW, Schindler oder Komax haben die Arbeitszeit dieses Jahr nicht angetastet.

Entlassungen als Alternative

Noch offen ist die Situation unter anderen bei V-Zug und Ruag. Ruag-Sprecher Jiri Paukert sagt, dass die betroffenen 62 Angestellten bei Ruag Environment in Altdorf weiterhin 43 statt 40 Stunden arbeiten. Die Massnahme gilt seit dem 1. Mai und dauert noch bis Ende Jahr. Was das kommende Jahr betrifft, sei noch nichts entschieden. Bei V-Zug müssen sämtliche 1400 Angestellten seit März 44 statt 40 Stunden pro Woche arbeiten. Die erhöhte Arbeitszeit bei V-Zug gilt höchstens bis Ende Mai 2016.

Grundsätzlich ist die Festlegung der Arbeitszeit Sache der beiden Vertragsparteien. Der Gesamtarbeitsvertrag der MEM-Industrie sieht zum Beispiel eine Erhöhung der Arbeitszeit auf maximal 45 Stunden für eine Dauer von bis zu 15 Monaten vor. Diese Zeitspanne voll ausgereizt hat Swiss Steel in Emmenbrücke. Der Stahlproduzent hatte die Arbeitszeit für 480 Angestellte per 1. Mai 2015 von 40 auf 42 erhöht. Die Massnahme gilt noch bis Ende Juli 2016.

Es gibt aber auch Gesamtarbeitsverträge, die eine Erhöhung der Arbeitszeit untersagen, wie etwa der GAV für das Schreinergewerbe. Dem ist beispielsweise der Hochdorfer Fensterhersteller 4B unterstellt. Geschäftsleitungsassistentin Barbara Lehmann sagt: «Uns sind diesbezüglich Grenzen bei der Einleitung solcher Massnahmen gesetzt.»

Wohin das führen kann, zeigt ein anderes Beispiel aus der Region: Ein Unternehmen, das anonym bleiben möchte, musste dieses Jahr sieben Angestellte entlassen. Begründung: Der GAV erlaubt keine Erhöhung der Arbeitszeit.