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INDUSTRIE: Die Schweiz ist zu teuer

Einfache manuelle Tätigkeiten lassen sich in der Schweiz kaum mehr kosten- deckend verrichten. Unternehmen verlagern deshalb Arbeitsplätze ins Ausland. Besonders gefragt ist Osteuropa.
Roman Schenkel
Bild: Grafik / Neue LZ

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Roman Schenkel

Knäckebrot in Rumänien. Sicherungen in Tschechien. Desinfektionsgeräte in Slowenien. Schweizer Unternehmen produzieren ihre Ware zu einem immer grösseren Teil in Zentral- und Osteuropa. Vor kurzem etwa gab der Zwiebackhersteller Roland bekannt, dass er künftig einen Anteil seiner Produktion vom Werk Murten nach Rumänien verlagert. 20 der insgesamt rund 100 Stellen in Murten werden abgebaut. In Rumänien investiert das Traditionsunternehmen sieben Millionen Euro in eine neue Fabrik, die Platz für 13 Produktionslinien für Knäckebrot bietet. Dem Abbau könnten weitere Schritte folgen, warnte Roland-Eigentümer Marc-André Cornu vor. «Die Zukunft ist ungewiss. Doch es ist sicher, dass es für eine Firma wie die unsrige schwierig, unter diesen Umständen in der Schweiz zu produzieren», so Cornu.

Diese Schwierigkeiten kennt auch Schurter. Der Luzerner Hersteller von Elektronikkomponenten hat zuletzt seine bestehende Produktion im Werk in Malá Skála in Tschechien ausgebaut. «Wir haben im vergangenen Jahr die Produktionsfläche verdoppelt», sagt Schurter-Chef Ralph Müller. Diese Massnahme hatte das Unternehmen schon vor der Aufhebung des Euro-Mindestkurses beschlossen. «Es wäre naiv gewesen, zu glauben, der Mindestkurs bleibe für immer», erklärt Müller die Gründe. Das tschechische Werk besteht seit 1991. Seither hat Schurter einen Grossteil der einfachen Produktionsschritte verschoben.

Starker Franken als Beschleuniger

Bild: Grafik / Neue LZ

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Der starke Franken habe den Prozess nun beschleunigt. Die neue Produktionsfläche werde grösstenteils mit Transfers aus der Schweizer Produktion gefüllt. Künftig sollen Produkte aus dem Hause Schurter nicht mehr nur zu 70 Prozent, sondern zu 85 Prozent ausserhalb der Schweiz hergestellt werden.

In Tschechien beschäftigt Schurter inzwischen 180 Angestellte. Hinzu kommen 180 Angestellte im Werk Gruiu in Rumänien sowie 80 Mitarbeitende in Radosina, Slowakei. Die Verlagerung von Arbeitsstunden an günstigere Standorte ist für Schurter zentral: Ohne ausländische Produktion gäbe es das Unternehmen in seiner heutigen Form wohl nicht mehr.

Auch das zur Metall-Zug-Gruppe gehörende Medizinaltechnikunternehmen Belimed zieht es gen Osten. Der Standort in Ballwil mit 130 Mitarbeitenden wird noch in diesem Jahr geschlossen, die Produktion von Desinfektionsgeräten für Spitäler und Labors findet künftig im kostengünstigeren Grosuplje (Slowenien) statt. In Zug verbleiben nur noch die Forschungs- sowie die Entwicklungsabteilung. Bisher mussten laut Unternehmen erst wenige Entlassungen ausgesprochen werden, weitere dürften aber folgen.

Nur in Norwegen kostet Arbeit mehr

Die drei Beispiele sind keine Einzelfälle. Zahlreichen Firmen aus der verarbeitenden Industrie ist die Schweiz zu teuer geworden. Ein Vergleich der hiesigen Arbeitskosten mit denjenigen von zentral- und osteuropäischen Ländern zeigt auf weshalb: Kostet eine Stunde Arbeit in der Schweiz mit allem Drum und Dran 50,75 Euro, so bezahlt ein Unternehmen in Polen für 60 Minuten einschliesslich aller Nebenleistungen nur 7,24 Euro (siehe Grafik). In Rumänien sind es 4,19 Euro, in Bulgarien gar nur 3,15 Euro. In Europa kostet einzig in Norwegen eine Stunde Arbeit mehr als in der Schweiz: 52,23 Euro. Aufgrund der tiefen Kosten und der geografischen Nähe seien Länder in Mittel- und Osteuropa bei Schweizer Unternehmen besonders beliebt, sagt Christian Hauser, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur. «In den Jahren 2004 bis 2014 hat sich die Zahl der Beschäftigten bei Schweizer Unternehmen in Mittel- und Osteuropa verdoppelt», sagt Hauser. Zum Jahresende 2014 arbeiteten in diesen Ländern 336 040 Menschen bei Schweizer Tochterunternehmen.

Auch der Kapitalbestand, also die Investitionen, die Unternehmen im Ausland tätigen, hat sich sehr dynamisch entwickelt. Zum Jahresende 2014 betrug der Kapitalbestand von Schweizer Unternehmen in den Ländern Mittel- und Osteuropas 30,9 Milliarden Franken. Laut Berechnungen von Hauser hat sich der Kapitalbestand dieser Firmen im Zeitraum 2004 bis 2014 verfünffacht.

Neben den Chancen einer Verlagerungen – tiefere Arbeitskosten, Erschlies­sung neuer Absatzmärkte, Nähe zu den Kunden etc. – gibt es laut Hauser aber zahlreiche Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. «Schweizer Firmen treffen auf unterschiedliche politische, wirtschaftliche und kulturelle Gegebenheiten, die sie aus ihrem angestammten Schweizer Kontext nicht gewohnt sind», sagt Hauser. Dazu zähle zum Beispiel auch das Thema Korruption. «Andere Geschäftsgepflogenheiten können zu Konflikten führen und den wirtschaftlichen Erfolg gefährden», erklärt Hauser.

Kein neuer Trend

Verlagerungen ins Ausland habe es schon immer gegeben, sagt Markus Koch, Leiter Swiss Industrials beim Beratungsunternehmen Deloitte. «Das ist kein neuer Trend», betont der auf Internationalisierung spezialisierte Unternehmensberater. Der starke Franken habe den Prozess aber eben beschleunigt. «Es wird immer schwieriger, repetitive, manuelle Tätigkeiten in der Schweiz wirtschaftlich durchzuführen», sagt Koch. Dank Auslagerungen an günstigere Produktionsstandorte könnten Firmen den Kostendruck abfedern.

Doch die Kosten seien nicht der einzige Grund für eine Auslagerung. «Den Firmen geht es oft darum, neue Märkte zu erschliessen oder bestehende Märkte durch grössere Kundennähe besser zu bedienen.» Es gebe zudem viele Fälle, in denen Firmen von Schlüsselkunden praktisch gezwungen werden, ihnen ins Ausland zu folgen. «Dies kann für eine Firma durchaus positiv sein, denn im Windschatten eines grossen Kunden reduzieren sich Kosten und Risiken», sagt Koch.

Es werden auch Jobs geschaffen

Eine Deindustrialisierung der Schweiz befürchtet Koch jedoch nicht. «In der Schweiz werden nach wie vor viele Arbeitsplätze geschaffen», sagt er. Damit wolle er die Auslagerungen, die mit Stellenabbau verbunden sind, nicht herunterspielen. «Doch die Schweizer Wirtschaft entwickelt sich weiter.» So sei die Schweiz beispielsweise im Bereich Drohnenentwicklung weltweit führend. Koch gibt aber zu, dass es sich bei vielen neu geschaffenen Stellen um höherwertige Jobs handelt. Grundsätzlich gelte: «Wenn man in der Schweiz an einer Fabrik vorbeifährt, in der produziert wird, dann kann man davon ausgehen, dass sie absolute Weltspitze ist, sonst wäre sie wahrscheinlich schon verlagert worden», sagt Koch.

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