INDUSTRIE: Jede dritte Firma macht Verlust

Die Aufträge in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sind im ersten Halbjahr eingebrochen. Besonders hart trifft es die Zulieferer, sagt der Swissmem-Direktor.

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Der starke Franken setzt auch Siemens Building Technologies in Zug (Bild) zu. Im Juni wurde der Abbau von 150 Stellen angekündigt. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Der starke Franken setzt auch Siemens Building Technologies in Zug (Bild) zu. Im Juni wurde der Abbau von 150 Stellen angekündigt. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Interview Livio Brandenberg

Peter Dietrich, wie ist die Lage sieben Monate nach der Aufhebung des Euromindestkurses?

Peter Dietrich: Durchzogen. Die Unternehmen haben im Januar sehr schnell Massnahmen ergriffen. Die Einschätzungen der Firmenverantwortlichen von Anfang Jahr waren keine Überreaktion, sondern die Befürchtungen haben sich bestätigt. Die Unternehmen sind ganz unterschiedlich betroffen, doch eine solche Währungsverwerfung wirkt sich immer direkt auf die Margen aus. Und der Margenverlust beträgt teilweise bis zu 15 Prozent das kann eine Firma direkt in die roten Zahlen drücken. Zurzeit geht die Wechselkursentwicklung in die richtige Richtung. Die jüngste Abschwächung des Frankens ist aber noch zu wenig dauerhaft und zu wenig ausgeprägt, als dass sie den Firmen Anlass zu Optimismus geben könnte. Wir befinden uns auf einem schwierigen und langen Weg.

Wie viele MEM-Betriebe sind in die roten Zahlen gerutscht?

Dietrich: Wir rechnen wegen der Währungssituation bis Ende Jahr mit 35 Prozent. Rund jede dritte Firma also. Viele Unternehmen mussten wegen des Margendrucks die Preise senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Nach einem guten halben Jahr ist in den Geschäftsergebnissen klar zu sehen, wie sich die Frankenstärke auswirkt.

Wie sieht konkret die Auftragslage aus?

Dietrich: Die Auftragseingänge gingen in den letzten sechs Monaten um knapp 15 Prozent zurück (siehe Grafik). Diesen massiven Rückgang wird man, je nach Durchlaufzeit einer Branche, erst in zwei oder drei Quartalen in den Umsatzzahlen sehen. Eine Frage, die sich den Unternehmen aktuell stellt, ist: Nehme ich noch Aufträge an, an denen ich nichts verdiene? Dann gehen die Mitarbeiter am Abend müde nach Hause, und die Firma verdient doch nichts. Das geht über mittlere oder lange Frist nicht auf.

Ist die Talsohle bei den Auftrags­eingängen jetzt erreicht?

Dietrich: Das ist schwierig zu sagen. Die Auftragsbestände sind auf dem zweit­tiefsten Stand der letzten zehn Jahre. Die weltweite Konjunktur hilft der Schweizer MEM-Industrie auch nicht entscheidend, denn der Hauptmarkt ist Europa. Wir müssen aber nicht zuletzt wegen der Währungssituation – von Europa wegkommen und weiter versuchen, neue Märkte zu erschliessen. Wir hoffen vor allem, dass das Auftragsvolumen in den USA weiter gesteigert werden kann. Darum ist der Freihandel mit solchen Staaten ein wichtiges Thema. Das Ziel muss sein, den massiven «Block Europa» abzubauen. Doch das braucht Zeit. Zudem wissen wir nicht, wie nachhaltig der leicht erholte Euro-Franken-Kurs von etwa 1.08 ist.

Dank dem starken Franken können Unternehmen im Ausland aber auch günstiger Material einkaufen.

Dietrich: Das hilft natürlich jedoch vor allem den grossen, international aufgestellten Firmen. Die Unternehmen können alternative Zulieferer suchen. Auch kleinere Firmen können ihren Einkauf optimieren. Über drei Viertel der MEM-Betriebe sichern sich über diesen Weg ab. Das bedeutet aber auch, dass die Wertschöpfungskette, die in der Schweiz stattfindet, Schaden nimmt. Das spüren vor allem die Zuliefererbetriebe. Die müssen sich fragen: Wie kann ich diesen Kunden halten? Und sie realisieren, dass sie den Preis weiter und weiter senken müssen. Denn der Margendruck wird weitergegeben. Das Thema der Wertschöpfungskette wird deshalb bei uns intensiv diskutiert. Wie können wir erreichen, dass bei jeder Wertschöpfungsstufe noch eine kleine Marge rausschaut, damit möglichst viele Betriebe überleben können? Die ganz grossen Firmen haben schliesslich auch nichts davon, wenn ein «unteres» Glied der Wertschöpfungskette wegbricht.

Das heisst, die Zulieferbetriebe sind am stärksten betroffen momentan?

Dietrich: Ja, der kleine oder mittlere Zulieferer, der hat Probleme. Es gibt aber auch vermehrt Gespräche zwischen Zulieferern und den Abnehmern, in denen gemeinsam versucht wird, das Produkt zu verbessern und auch so dem Währungsdruck Herr zu werden und nicht einfach «von oben» den Druck weiterzugeben. Da ist durchs Band eine Betroffenheit zu spüren.

Zurück zur Währungssituation: Fordern Sie die Wiedereinführung eines Euro-Mindestkurses?

Dietrich: Nein. Wir halten die Schweizerische Nationalbank (SNB) aber energisch dazu an, bei ausgewiesenem Bedarf einzugreifen und die Wechselkurssituation zu stabilisieren. Das ist auch das, was die SNB immer wieder kommuniziert. Wir erwarten also eine aktive Rolle der SNB. Wann dieser Bedarf gegeben ist, ist natürlich Inhalt einer Debatte. Doch für uns ist er momentan natürlich ausgewiesen.

Wie viele Unternehmen haben aufgrund des Währungsdrucks bereits Arbeitszeitverlängerungen eingeführt?

Dietrich: Wir schätzen, dass rund 10 Prozent der uns angeschlossenen Betriebe zu dieser Massnahme gegriffen haben. Das ist sicher eine beachtliche Zahl, doch sie zeigt auch, dass nicht flächendeckend Arbeitszeiten verlängert wurden.

Im Februar hat Swissmem von Lohnkürzungen abgeraten, Arbeitszeitverlängerungen aber als gangbaren Weg in der Krise bezeichnet. Kam dieser «Ratschlag» angesichts zahlreicher guter Halbjahresergebnisse nicht etwas verfrüht?

Dietrich: Nein. Wenn so etwas passiert wie am 15. Januar, dann kann jeder Betrieb seine Budgetplanung auf der Stelle in den Papierkorb schmeissen. Die Frage ist dann: Was machen wir, wenn das so bleibt? Kurz- und mittelfristig ist dann auch die Arbeitszeit ein Thema. Viele Firmen haben das angeschaut, sich aber dagegen entschieden, weil sie die Auslastung gar nicht hatten. Wir haben damals nicht eine Empfehlung abgegeben, sondern wir haben alle Massnahmen durchdekliniert. Die Arbeitszeit ist nur eine dieser Massnahmen: Wir haben die Möglichkeit einer auf 15 Monate befristeten Arbeitszeitverlängerung bereits 2013 im Gesamtarbeitsvertrag mit den Gewerkschaften ausgehandelt und festgeschrieben, da wir wussten, dass der Mindestkurs nicht ewig bestehen bleiben wird.

Quelle: Swissmem (Bild: Grafik: lsi)

Quelle: Swissmem (Bild: Grafik: lsi)