INDUSTRIE: Kein Geld für nötige Investitionen

Der Frankenschock drückt auf die Marge: Mehr als jeder zweite Schweizer Industriebetrieb verdient zu wenig Geld, um existenzsichernde Investitionen finanzieren zu können.

Daniel Zulauf
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Swissmem-Präsident Hans Hess äusserte sich gestern an der Jahresmedienkonferenz zur Lage der Schweizer Industriebetriebe. (Bild: Siggi Bucher/Keystone (Zürich, 28. Februar 2017))

Swissmem-Präsident Hans Hess äusserte sich gestern an der Jahresmedienkonferenz zur Lage der Schweizer Industriebetriebe. (Bild: Siggi Bucher/Keystone (Zürich, 28. Februar 2017))

Daniel Zulauf

Das Fazit einer Betriebsbefragung, die der Verband der Schwei­zer Metall-, Elektro- und Maschinen-Industrie (Swissmem) im Januar und Februar unter seinen Mitgliedsfirmen durchgeführt hat, ist trostlos. 23 Prozent der Unternehmen schreiben operativ rote Zahlen, und bei 34 Prozent ist die Gewinnspanne «unbefriedigend». Nur 43 Prozent der Firmen arbeiten mit industrieüblichen oder sogar mit sehr guten Margen. Im Vergleich zum ersten Frankenschock, den die Nationalbank im September 2011 mit dem Euro-Mindestkurs beantwortete, hat sich die Lage deutlich verschlechtert. 2014, im Jahr vor der Aufhebung des Mindestkursregimes operierten nämlich noch 70 Prozent der befragten Gesellschaften mit üblichen oder sehr guten Margen. Nur 7 Prozent waren defizitär.

Jenseits der misslichen Geschäftslage kämpfen die Unternehmen auch mit schwierigen Finanzierungsbedingungen. Verbandspräsident Hans Hess sagte gestern am Rande der Medienkonferenz in Zürich unverblümt, die Finanzierung der industriellen KMU durch das Bankensystem funktioniere nur schlecht. Die Branche sei deshalb gezwungen, via Verband komplizierte Methoden zur Selbsthilfe anzuwenden. Die Forderung nach einem breit abgestützten KMU-Fonds mit Unterstützung der Nationalbank, wie sie der Industrie-KMU-Verband Swissmechanic im Januar aufgestellt hat, ist für Hess aber «allzu interventionistisch», als dass sie Swissmem unbesehen unterstützen könne.

 

Viele Industriefirmen sind in einem Teufelskreis zwischen ungenügendem Geschäftsgang und einem unzureichenden Zugang zu neuen Finanzierungshilfen gefangen. Sie sind deshalb nicht in der Lage, dringend nötige Investitionen in die Automatisierung tätigen zu können. Der Investitionsrückstau macht diese Firmen für potenzielle Kreditgeber noch unattraktiver und beschleunigt die Abwärtstendenz.

Offen ist Swissmem für den Swissmechanic-Vorschlag, nicht börsengehandelte KMU-Firmen auch für Pensionskassen investierbar zu machen. «Es wäre schön, wenn auch die Pensionskassen etwas für den Industriestandort unternehmen könnten», sagte Hess. Inwieweit dieser Wunsch am Ende in den politischen Prozess einfliesst und ob er dort von Swissmem auch mit der nötigen Vehemenz vertreten werden wird, bleibt abzuwarten.

Als Reaktion auf die dramatisch schlechtere Profitabilität ­haben gemäss Swissmem-Umfrage 20 Prozent der Firmen ­Teile oder die gesamte Produktion ins Ausland verlagert. 23 Prozent haben die Investitionen reduziert und ein Drittel der Unternehmen hat Stellen abgebaut. Allein in den vergangenen 24 Monaten hat sich die Zahl der Beschäftigten in der Schweizer Mem-Industrie um 12 600 auf nur mehr 317600 verringert. Vor 10 Jahren, vor Ausbruch der internationalen Finanz- und Schuldenkrise, die den Franken in ungeahnte Höhen treiben sollte, zählte die Branche noch über 350000 Beschäftigte.

Die erstmalige Befragung der Swissmem-Firmen zur Ertrags­lage offenbart, dass die Mindestkurspolitik der Nationalbank den Unternehmen stark geholfen hat, den ersten Frankenschock zu überwinden. Ferner zeigt die Umfrage, dass die Mem-Industrie die Aufhebung des Mindestkurses noch lange nicht verdaut hat. Das ist keine gute Nachricht für die Schweiz, denn die Mem-Industrie erwirtschaftet 80 Prozent ihrer Wertschöpfung (63 Milliarden Franken) im Export. Sie ist deshalb besonders wichtig für den Wohlstand und die Beschäftigung im Land.

Die Konkurrenz im Norden im Aufwind

Verglichen mit der härtesten Konkurrenz aus Deutschland haben insbesondere die Schweizer Maschinenbauer in den vergangen fünf Jahren massiv an Boden verloren. Noch bis Anfang 2011 verliefen die Umsätze auf beiden Seiten des Rheins parallel. Seither stiegen sie in der deutschen Maschinenindustrie (in Euro) um rund 35 Prozent an, während sie hierzulande (in Franken) um 25 Prozent sanken. Mit anderen Worten: Schweizer Maschinenbauer verloren wegen der überbewerteten Heimwährung Aufträge oder nahmen sie zu günstigeren Preisen an.

Während sich die Exporte der gesamten Mem-Industrie 2016 immerhin auf dem Vorjahresniveau stabilisiert haben, waren sie in der Maschinenindustrie weiter rückläufig (–0,8 Prozent). Das ist gemäss Verbandsdirektor Peter Dietrich vor allem deshalb besonders bedenklich, weil die Maschinenindustrie volumenmässig ein Drittel der Mem-Industrie ausmacht.