INDUSTRIE: Klamme KMU hoffen auf Fintech

Viele kleinere und mittlere Unternehmen wollen in die Digitalisierung und Automation investieren. Doch dafür erhalten sie zu wenig Geld von den Banken. Neue Ansätze sollen die Kreditklemme nun lösen.

Daniel Zulauf
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Viel Technik im Spiel: Schweissarbeiten an einem Container der Firma Verwo. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Reichenburg, 15. März 2015))

Viel Technik im Spiel: Schweissarbeiten an einem Container der Firma Verwo. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Reichenburg, 15. März 2015))

Daniel Zulauf

Viele kleine Schweizer Industriefirmen, die in der Regel als lokale Zulieferbetriebe für grössere Exportunternehmen tätig sind, stecken in existenziellen Schwierigkeiten. Ob dem allgemeinen Lobgesang auf Anpassungsfähigkeit der Schweizer Industrie im Zug des Frankenschocks vor bald drei Jahren ging das Drama in Hunderten von KMU mit Tausenden von Beschäftigten vergessen.

Inzwischen haben die Kleinfirmen ihren Weg an die Öffentlichkeit aber gefunden. Und sie lassen keine Gelegenheit aus, um auf ihre Situation hinzuweisen. Gemäss einer aktuellen Umfrage von Swissmechanic, dem Verband von 1400 solcher Unternehmen mit durchschnittlich knapp 50 Mitarbeitern, möchten zwei Drittel aller Betriebe Geld in die Automation und in die Digitalisierung investieren. Die nötigen Mittel dazu sind aber nur bei 48 Prozent der befragten Firmen vorhanden. Die Umfrage von Swissmechanic ist vielsagend. Mehr als 350 Firmen haben teilgenommen. Ein ungewöhnlich hoher Rücklauf, sagt Verbandssprecherin Eva Tammena. Das Umfrageergebnis scheint den Verdacht auf eine Kreditklemme zu bestätigen. 29 Prozent der Patrons sagen, sie bekämen nicht genügend Kredit von den Banken, und 31 Prozent bezeichnen die Konditionen für Firmenkredite als schlecht bis sehr schlecht.

Letzte Woche hatte auch der grosse Schwesterverband von Swissmechanic, der Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem), auf das Problem hingewiesen. Verbandspräsident Hans Hess appellierte an einer Medienkonferenz «klar und deutlich an die Finanzbranche, ihre Aufgaben als Vermittler von Eigen- und Fremdkapital zu attraktiven Bedingungen im Sinne der ganzen Volkswirtschaft wahrzunehmen».

Die Stimme von Swissmem hat Gewicht. Hess’ Vorgänger war der heutige Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Dieser liess im April eine Revision des Bürgschaftswesens in die Vernehmlassung schicken und weckte damit auch das Interesse von Swissmechanic und der Fintech-Branche. Der Bund leistet über vier Bürgschaftsorganisationen Finanzierungshilfen an die KMU. Doch solche Bürgschaften gibt es nur für Bankkredite.

Politischer Wille ist nötig

Swissmechanic und Vertreter der Fintech-Branche möchten, dass die Abwicklung solcher durch Bürgschaften gedeckten Kredite auch für Nicht-Banken möglich wird. Vertreter einer solchen Fintech-Firma ist der frühere Sarasin-Präsident Christoph Ammann. Er steht heute der Firma Swisspeers vor, die Schwarmfinanzierungen für KMU organisiert. Ammann ist fest davon überzeugt, dass hinter der Kreditklemme der kleinen Industriefirmen ein strukturelles Problem im Bankensektor steckt. Die Abwicklung kleiner Betriebskredite sei zu aufwendig. Crowdlending-Plattformen wie seine Swisspeers könnten diese Lücke schliessen, glaubt er. Dazu sei aber auch ein politischer Wille nötig. Nebst der Öffnung des Bürgschaftsgesetzes erwarten Ammann und seine Branchenkollegen, dass der Nationalrat im Herbst dem Ständerat folgt und sogenannte Fintech-Lizenz durchwinkt. Unternehmen, die Publikumseinlagen von maximal 100 Millionen Franken entgegennehmen, ohne die Gelder anzulegen oder zu verzinsen, sollen keine Banklizenz mehr benötigen. Es sind ironischerweise die technisch zurückgebliebenen KMU, die nun auf Innovationen im Finanzsektor hoffen müssen, um sich selber helfen zu können. Auf dem Business Day von Swissmechanic am 14. September in Luzern sind mehr Informationen über die Selbsthilfestrategien der industriellen KMU zu erwarten.