INDUSTRIE: Teurer Franken beschleunigt Verlagerung

Die Zahl der Firmen, die Teile der Produktion ins Ausland verlagern, ist laut einer neuen Studie weiter gestiegen – besonders in der MEM-Industrie. Das muss aber nicht das Ende des Industriestandorts bedeuten.

Balz Bruppacher
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Balz Bruppacher

Als Teil einer europaweiten Erhebung untersucht die Hochschule Luzern – Wirtschaft im Dreijahresrhythmus die Verlagerungstrends in der Schweizer Industrie unter dem Einfluss der Frankenstärke. Die jüngsten Ergebnisse, die unserer Zeitung vorab vorliegen, betreffen den Zeitraum von Mitte 2012 bis Mitte 2015. Also jene Periode, in der die Schweizerische Nationalbank (SNB) zunächst einen Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken verteidigte, diesen aber am 15. Januar 2015 aufhob. Und damit den sogenannten Frankenschock in Form einer deutlichen Verteuerung des Frankens auslöste.

Wie hat sich diese Währungspolitik auf das Verhalten der Industriefirmen bei der Verlagerung von Produktionsteilen ins Ausland ausgewirkt? «Zunächst ist daran zu erinnern, dass sich die Verlagerungen zwischen 2003 und 2009 deutlich verringert hatten, und zwar um rund einen Drittel», sagt HSLU-Professor und Studienleiter Bruno R. Waser. Das war die Zeit, als der Euro bis auf 1.60 Franken stieg, bevor mit der Finanzkrise der Absturz einsetzte und die SNB am 6. September 2011 den Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken einführte. Spiegelbildlich trat 2009 bei den Verlagerungen eine Trendwende ein: Erstmals seit zehn Jahren stieg die Zahl der Industriefirmen, die Teile der Produktion an eigene oder fremde Standorte im Ausland auslagerten.

Weitere Auslagerungen in Sicht

Diese Trendwende hat sich bei der jüngsten Erhebung bestätigt, besonders eindrücklich bei den Firmen der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM). Hatten 2009 noch 16 Prozent der befragten Firmen Teile der Produktion ins Ausland verlagert, waren es Mitte 2015 bereits 20 Prozent. Die Verlagerungen erhöhten sich also um einen Viertel. Die Daten der Gesamtindustrie zeigen, dass es zwischen 2012 und Anfang 2015 zu einer Stabilisierung kam. «Das dürfte eine Folge des Euro-Mindestkurses von 1.20 gewesen sein», sagt Waser. Der Studienleiter geht aber davon aus, dass die Verlagerungen auch in der Gesamtindustrie weiter zunehmen werden. Denn 18 Prozent der repräsentativ ausgewählten 770 Firmen gaben an, in den nächsten zwölf Monaten weitere Teile der Produktion ins Ausland verlagern zu wollen.

Die zentrale Rolle der Währung für die Verlagerungsentscheide kommt auch beim Vergleich zwischen der Schweiz und Deutschland zum Ausdruck: Die Zahl der deutschen MEM-Firmen, die Teile der Produktion auslagerten, verringerte sich zwischen 2006 und 2015 um sechs Punkte auf 12 Prozent. In der deutschen Gesamtindustrie nahmen 2015 sogar weniger als 10 Prozent der Firmen Verlagerungen vor. «Im Gegensatz zur Schweiz profitierten die exportorientierten Unternehmen in Deutschland vom sinkenden Eurokurs», sagt Waser.

Der Einfluss des teuren Frankens wird zudem bei den Antworten auf die Frage nach den Gründen für die Auslagerung deutlich. Nahezu alle Firmen, nämlich 92 Prozent der befragten, bezeichneten bei der jüngsten Erhebung die Personalkosten als Grund für den Schritt ins Ausland. 2012 waren die Personalkosten von 84 Prozent und 2009 von 62 Prozent der Firmen als Verlagerungsgrund bezeichnet worden. Andere Faktoren für die Verlagerung, wie die Nähe zu Schlüsselkunden und die Markterschliessung, haben sich in der gleichen Periode nicht signifikant verändert. Für den Studienleiter ist klar: «Es ist also die Verteuerung des Frankens beziehungsweise die dadurch entstandene Kostendifferenz zum Ausland, die die Verlagerungen gefördert hat.»

Die Frankenhausse dürfte gemäss Waser schliesslich auch ein Grund dafür sein, dass sich die Rückverlagerungen in der jüngsten Erhebungsperiode verlangsamt haben, besonders deutlich in der MEM-Industrie. Hatte sich 2009 noch eine von vier Firmen entschieden, die Produktion in die Schweiz zurückzuverlagern, trat 2015 nur noch jeder sechste Betrieb die Rückkehr an. Als Grund für die Rückkehr wurden bei der jüngsten Umfrage nach wie vor Qualitätsprobleme sowie die mangelnde Flexibilität und Probleme bei der Lieferfähigkeit am häufigsten genannt. Eine zunehmende Bedeutung hat die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal erhalten.

Der Blick auf die Destinationen der Verlagerungen zeigt, dass die Länder der EU-Osterweiterung deutlich an Attraktivität gewonnen haben. Waren diese Staaten bei der Umfrage von 2012 noch von einem Drittel der Betriebe als Zielregion genannt worden, gaben bei der jüngsten Erhebung bereits 42 Prozent an, sich nach Osteuropa zu orientieren. Im Gegenzug ging der Exodus nach Asien deutlich zurück.

Kein Untergang des Industriestandorts

Wie geht es angesichts der anhaltenden Frankenstärke und der Erosion der Gewinnmargen in der Schweizer Industrie weiter? Für Waser ist klar, dass es zu weiteren Produktionsverlagerungen kommen wird. Gerade in der MEM-Industrie, weil diese stark exportorientierten Betriebe einem preisintensiveren Wettbewerb als die Pharma- oder die Uhrenindustrie ausgesetzt sind. «Das heisst aber nicht, dass der Industriestandort Schweiz in Gefahr ist», betont der Hochschulprofessor und fügt hinzu: «Im Gegenteil, einige MEM-Firmen haben trotz Verlagerungen ihren Personalbestand in der Schweiz nicht reduziert beziehungsweise sogar erhöht.»

Es gehe vielmehr darum, in klugen Strategien die Vorteile der Internationalisierung mit den Standortvorteilen des Heimmarkts für anspruchsvolle Tätigkeiten zu verbinden. Wie beispielsweise Forschung und Entwicklung, aber auch Innovationen bei Geschäftsprozessen. Chancen eröffnen sich diesbezüglich laut Waser insbesondere in Zusammenhang mit der Digitalisierung.