Venezuela
Inflation von über 1000 Prozent: Kann eine Kryptowährung den Staat vor dem Bankrott retten?

Experten stehen dem Versuch, das Land mit einer Kryptowährung vor der Staatspleite zu retten, skeptisch gegenüber.

Adrian Lobe
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Schlangen vor Supermärkten sind in Venezuela zurzeit an der Tagesordnung.

Schlangen vor Supermärkten sind in Venezuela zurzeit an der Tagesordnung.

KEYSTONE

In Venezuela zeigt sich die Hybris einer Planwirtschaft. Leergefegte Supermarktregale, Inflation von über 1000 Prozent. Schlangen vor den Zapfsäulen, dem ölreichsten Land der Welt mangelt es an Benzin. Weil das Land kaum funktionstüchtige Raffinerien hat, muss der Staat den Kraftstoff für viel Geld importieren. Doch Devisen sind knapp. Ohne den Dollar geht nichts mehr.

Der staatliche Ölkonzern PDVSA steht vor der Pleite. Einst war er die Überlebensversicherung des Landes, der mit seinen Exporten bis zu zwei Drittel des Staatshaushalts beisteuerte. Mit seinen Einnahmen konnte der ausgreifende Wohlfahrtsstaat finanziert werden. Nun ist die Staatskasse leer. Die Wirtschaftskrise wird derweil immer dramatischer. Lebensmittel werden zu Luxusgütern, Medikamente zu Mangelware. Die Menschen haben aufgrund der Mangelernährung im Jahr 2016 im Durchschnitt neun Kilo abgenommen.

Präsident Nicolás Maduro, ein beinharter Ideologe, der das Erbe des venezolanischen Sozialismus fortsetzen will, plant nun einen Befreiungsschlag: Um den drohenden Staatsbankrott zu vermeiden, hat die Regierung eine eigene Kryptowährung ausgegeben. Petro, wie die virtuelle Währung heisst, soll den durch die US-Sanktionen verschärften Devisenmangel beheben.

Die Kryptowährung soll durch Ölreserven und Goldvorkommen im Orinoco-Gürtel abgesichert werden; der Preis ist an ein Barrel Öl gekoppelt. Präsident Maduro erklärte die Währung zum «rauschenden Erfolg»; «stark wie Superman» sei «El Petro». Laut einem Bericht von Reuters soll die Währung Investoren unter anderem aus der Türkei und Katar anlocken – die international isolierten Staaten halten nach neuen Kapitalmärkten Ausschau. Am ersten Tag des Vorverkaufs der Kryptowährung hat Venezuela nach eigenen Angaben rund 735 Millionen Dollar eingenommen.

Im Rahmen eines Initial Coin Offerings (ICOs) erwerben Anleger sogenannte Token, die einen virtuellen Gegenwert für das real investierte Geld bilden. Diese Token, eine Art Wertpapier oder Vermögensanlage, unterliegen keiner Kapitalmarktregulierung und haben daher auch die Finanzaufsichtsbehörden auf den Plan gerufen.

Andere Staaten experimentieren

Virtuelle Währungen liegen im Trend. Befeuert vom Bitcoin-Boom plant Russland, einen staatlichen «Krypto-Rubel» aufzulegen. Auch Dubai ist auf den Blockchain-Zug aufgesprungen und will eine eigene Kryptowährung herausgeben. Derweil prüft die israelische Zentralbank die Einführung eines «Digitalen Schekel». Die Währungshüter finden dort jedoch ganz andere makroökonomische Rahmenbedingungen als in Venezuela vor. Kann der «Petro» das Land vor dem Staatsbankrott retten? Experten haben da Zweifel.

David L. Yermack, Finanzprofessor an der New York University Stern School of Business, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: «Die Währung schaut wie ein kompletter Betrug aus. Die Regierung hat nicht erklärt, was sie mit «ölbesichert» meint, und sie hat widersprüchliche Angaben darüber gemacht, auf welcher Blockchain die Token liegen.» Eine Währungsreform setze das Vertrauen der Bevölkerung in die neue Währung voraus.

Im Prinzip könnte eine neue Währung mit einer streng kontrollierten Geldversorgung ein Land in die Lage versetzen, die Konsumentenpreise zu stabilisieren, so Yermack. Währungsreformen hätten dies in der Finanzgeschichte immer wieder versucht. «Der Mangel an politischer Verantwortbarkeit macht einen aber nicht gerade optimistisch, was einen möglichen Erfolg der Währung angeht», erklärt der Finanzexperte.

Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff ist skeptisch, ob sich der Petro als stabiles Zahlungsmittel durchsetzen wird. Auf Anfrage teilt er mit: «Es ist schwer abzusehen, was eine Kryptowährung – oder jeder andere finanztechnische Trick – tun kann, die Zahlungsfähigkeit der bankrotten venezolanischen Regierung wiederherzustellen.»

Und weiter: «Man kann sich vorstellen, dass das Land verzweifelt nach Wegen sucht, das internationale Finanzsystem zu umgehen, sowohl um den unvermeidbaren Staatsbankrott vorzubereiten als auch die Einnahmen aus dem Drogenschmuggel zu erhöhen.» Mit der Ausgabe der Kryptowährung kauft Maduro vor allem Zeit. Doch die vermeintlichen Wundertoken sind mehr Voodoo-Ökonomie als seriöse Geldpolitik – und dienen dazu, die Staatspleite zu verzögern.