INFORMATIK: Der IT-Branche fehlt es an Nachwuchs

Beim Rooter IT-Betrieb Sage läuft das Geschäft gut. Er hat 60 000 Kunden in der ganzen Schweiz. Doch es fehlt an Berufsnachwuchs.

Rainer Rickenbach
Drucken
Teilen
Nachwuchsförderung ist ein wichtiger Teil der Arbeit für den CEO der Sage Schweiz, Jean-Jacques Suter, hier mit dem Lehrling Karma Tashi Tsering. (Bild Boris Bürgisser)

Nachwuchsförderung ist ein wichtiger Teil der Arbeit für den CEO der Sage Schweiz, Jean-Jacques Suter, hier mit dem Lehrling Karma Tashi Tsering. (Bild Boris Bürgisser)

Karma Tsering (19) ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich Junge auch mit schwierigeren Voraussetzungen in der Arbeitswelt zurechtfinden. Erst vor drei Jahren aus dem Tibet eingewandert, fand er im vergangenen Jahr über die Stiftung Speranza zur IT-Firma Sage. Beim Software-Hersteller mit KMU-Kunden (Box) absolvierte er zuerst eine Schnupperlehre, aus der Schnupperlehre wurde ein Praktikum, aus dem Praktikum eine Lehre. Die Lehre als Informatikpraktiker dauert zwei Jahre.

Der junge Immigrant fühlt sich wohl in der Grossraumbüro-Welt im Rooter Businesszentrum D4. «Ich wollte schon immer mit Computern arbeiten. Und die Atmosphäre ist gut hier», sagt er.

Zusammenarbeit mit Speranza

Blitzgescheit sei der Lehrling, attestiert ihm sein Chef, Jean-Jacques Suter, Chef von Sage Schweiz. «Manchmal hapert es mit seinen Deutschkenntnissen noch. Nur: Alle Lehrlinge lernen hier ohnehin eine neue Sprache, die IT-Sprache», so Suter. Die Zusammenarbeit mit Speranza versteht er als Teil der sozialen Verantwortung, die das Unternehmen wahrnimmt. Damit auch Schulabgänger mit schlechten Schulnoten eine Lehrstelle finden.

Das Engagement ist indes auch als Selbsthilfe zu verstehen. Denn schweizweit fehlen heute gemäss Branchenstudie 15 000 junge Fachleute. Ändert sich nichts, wächst diese Zahl bis 2020 auf 25 000 fehlende IT-Nachwuchsspezialisten an. Suter: «Die Schweiz läuft Gefahr, wegen des Berufsnachwuchsmangels Arbeitsplätze in einer zukunftsträchtigen Branche an das Ausland zu verlieren.»

Ausgerechnet auf die Smartphone-Generation übt ein Ausbildungsplatz in der Informationstechnologie-Branche nur wenig Anziehungskraft aus? Wo doch gefühlt jeder zweite Jugendliche rastlos auf seinem Gerät hin- und hertippt und in so ziemlich jedem Kinderzimmer ein PC steht? «Anders als vor dreissig Jahren braucht es heute keine Computerkenntnisse mehr, um sich mit einem digitalen Gerät zu vergnügen. Für die jüngere Generation ist das Tüfteln am Computer uncool. Es sind Zeiten, in denen gesurft, gesimst und gechattet wird», erklärt der Sage-Chef. Da kommt allein schon der Begriff Informatik altbacken daher, und Programmieren ist kein faszinierendes Computerspiel, sondern harte, anspruchsvolle Arbeit.

Akademisierung schafft Probleme

Die Branche sieht sich zudem mit einem Problem konfrontiert, das auch in verschiedenen gewerblichen Berufssparten laut beklagt wird: die Akademisierung. «Alle streben zur Uni. Doch für die Arbeitgeber ist nicht entscheidend, ob ein Bewerber nun von der Fachhochschule oder der ETH kommt. Viel wichtiger ist der Ideenreichtum, den die Nachwuchsleute mitbringen», sagt Suter. Noch immer sei bei den Eltern der Irrtum verbreitet, Informatik sei nur etwas für «studierte Köpfe». Suter: «In Tat und Wahrheit braucht es in unserer Branche wie bei einer Bank von Angelernten bis zum Uniabsolventen alle Ausbildungsgrade.»

Statt im Hochschulbereich wäre es seiner Meinung nach erfolgversprechender, bei der Volksschule anzusetzen. Den Kindern nicht nur beizubringen, wie sie das Internet nutzen können, sondern sie auch altersgerecht an die Mechanismen heranführen, die sich hinter dem Mausklick verbergen. «Das ist so wichtig, wie es früher das Grundrechnen war. In den Schwellenländern kennt man solche Berührungsängste nicht, dort werden die Kinder mit der Programmiersprache vertraut gemacht», so Suter.

Geplatzte Dotcom-Blase wirkt nach

Die Branche selbst ist freilich nicht schuldlos, dass viele Eltern von Berufseinsteigern und Maturanden ihr nicht so recht über den Weg trauen. Die geplatzte Dotcom-Blase zu Beginn des Jahrtausendwechsels wirkt nach Überzeugung Suters noch immer nach – obwohl die Übertreibungen und leeren Versprechen an die Aktionäre im Vorfeld des Crashs nichts mit dem Handwerk gemein haben, wie bei Sage Programme erstellt, Produkte vertrieben und Kunden betreut werden. Das Misstrauen spiegelt sich in den Teilnehmerzahlen der Studiengänge für Informatik an der ETH Zürich wider: Sie stiegen nach ihrer Einführung 1987 stetig bis auf über 300 Studenten an – bis nach 2002 der Sinkflug einsetzte und sich die Absolventenzahl halbiert hat.

«Es bleibt der Branche gar nichts anderes übrig, als selber bei jungen Leuten das Interesse zu wecken. Dass es funktioniert, macht die Zusammenarbeit mit Speranza deutlich», sagt Suter. In den letzten beiden Jahren gingen sechs von der Stiftung vermittelte Schulabgänger bei Sage schnuppern, vier von ihnen hängten ein Praktikum an, und zwei begannen eine Lehre.