INFORMATIK: Mehr als Schoggi und Käse

Die Schweiz ist erstmals Partnerland der weltgrössten ICT-Messe Cebit in Hannover. Die hiesige Informatikbranche wird nach wie vor unterschätzt.

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Johann Schneider-Ammann mit zwei Bernhardinern bei der Cebit-Eröffnung. Ebenfalls im Bild: Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen (links), SPD-Chef Sigmar Gabriel und Johanna Wanka,
Bundesministerin für Bildung und Forschung. (Bild: EPA/Ole Spata)

Johann Schneider-Ammann mit zwei Bernhardinern bei der Cebit-Eröffnung. Ebenfalls im Bild: Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen (links), SPD-Chef Sigmar Gabriel und Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung. (Bild: EPA/Ole Spata)

Maurizio Minetti

Die Schweiz: ein Land, das von Käse, Schokolade und Banken geprägt ist – und von der Informatik. Die Informa­tions- und Kommunikationstechnik (ICT) ist in den letzten Jahren zu einem tragenden Wirtschaftszweig in der Schweiz geworden. Die hiesige ICT-Branche ist bezüglich Bruttowertschöpfung mit 28 Milliarden Franken die sechstgrösste Branche der Schweiz. Schaut man sich die Exporte an, wird ersichtlich, dass die Schweiz mit 8,8 Milliarden Franken weit mehr ICT-Produkte exportiert als Käse und Schokolade (siehe Grafik). Weitergehende Studien belegen gar, dass die hiesige ICT-Wirtschaft Waren und Dienstleistungen im Wert von über 18 Milliarden Franken exportiert.

Schwierige Abgrenzung

Das Problem bei solchen Studien ist aber, dass es gar nicht so einfach ist, die Bedeutung der ICT für die Schweiz klar aufzuzeigen. Denn Informatik – gemeint ist damit vor allem Software – ist überall. Jedes grössere Industrieunternehmen produziert nicht nur handfeste Produkte, sondern auch viele Zeilen Software-Code, die den Maschinen erst die nötige Intelligenz verleihen. Die Schweizer Software-Industrie versteckt sich auch in der Bankenbranche: UBS und Credit Suisse beschäftigen Tausende Informatiker, die spezifische Systeme für die beiden Grossbanken entwickeln.

Obwohl die Branche von grosser wirtschaftlicher Bedeutung ist, bleibt sie für viele nicht fassbar. «Der ICT-Sektor wird noch immer unterschätzt», bringt es Franz Grüter, ICT-Unternehmer und Luzerner SVP-Nationalrat, auf den Punkt. Als Mitglied des Vorstandes des Dachverbands ICT Switzerland reiste Grüter nach Hannover, um den Schweizer Auftritt an der weltgrössten IT-Messe Cebit vorzubereiten. Die Schweiz ist erstmals Partnerland der Cebit, die gestern begonnen hat und noch bis Ende Woche dauert (siehe Box unten). Mit dem Auftritt verspricht sich die hiesige ICT-Branche nicht nur ein Signal nach aussen, sondern auch eins nach innen. Sprich: Einerseits soll der Welt gezeigt werden, dass aus der Schweiz innovative Produkte und Dienstleistungen kommen, andererseits soll Politik, Gesellschaft und Wirtschaft der Schweiz klargemacht werden, wie bedeutend dieser Zweig geworden ist.

Fachkräftemangel und Franken

Doch wie andere Branchen steht auch die ICT-Wirtschaft vor grossen Herausforderungen. So verteuert der starke Franken die Exporte. Die Verlagerung der Software-Produktion ins günstigere Ausland ist seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses Anfang 2015 wieder vermehrt ein Thema. Davon betroffen sind aber nur Arbeitsschritte, die sich stark automatisieren und auslagern lassen. Massgeschneiderte Software lässt sich kaum von A bis Z in Indien oder Polen entwickeln. Die Folge: Es braucht in der Schweiz mehr hoch qualifizierte Software-Architekten und weniger klassische Programmierer, die einen Auftrag ausführen.

Doch diese hoch qualifizierten Fachkräfte sind Mangelware. Die Branche geht davon aus, dass sie bis ins Jahr 2022 unter anderem aufgrund von Pensionierungen, Abwanderung und Zusatzbedarf rund 87 000 Fachkräfte rekrutieren muss. Aktuell geht man davon aus, dass bis zum Ende des Jahrzehnts rund 30 000 Fachkräfte fehlen werden, wenn nichts unternommen wird. Der hiesige Informatiksektor hat in den letzten Jahren deshalb stark in Bildungsinitiativen investiert.

Es ist umstritten, ob der Fachkräftemangel tatsächlich so akut ist. Die Branche gerät immer wieder in Erklärungsnotstand, wenn darauf hingewiesen wird, dass es viele – vor allem ältere – arbeitslose Informatiker gibt. So hat sich zwischen 2008 und 2014 die Zahl der arbeitslosen Informatiker im Kanton Zürich verdoppelt. 2015 hat der Dachverband ICT Switzerland diesen scheinbaren Widerspruch in einer Studie analysieren lassen. Fazit: Die Autoren schliessen nicht aus, dass «gewisse Unternehmen implizite oder explizite Filter verwenden», die Personen über 45 Jahren benachteiligen. Die Studienautoren appellieren an den Verband, darauf hinzuwirken, dass allfällige Filter «auf eine indirekte Alters­diskriminierung hin» überprüft würden. Den älteren Stellensuchenden empfehlen sie unter anderem, aktiv zu kommunizieren, dass sie bereit seien, länger als bis zum 66. Lebensjahr zu arbeiten.