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INFORMATIK: Raiffeisen löst sich von IT-Firma

Der Softwarehersteller Avaloq und die Raiffeisen-Gruppe beenden ihr Joint Venture. Das spült Geld in die Raiffeisen-Kasse. Langfristig könnte der Softwarebetrieb für Raiffeisen aber teurer werden.
Maurizio Minetti
Die Raiffeisenbank vollzieht in Sachen Informatik eine Portfoliobereinigung. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 4. April 2013))

Die Raiffeisenbank vollzieht in Sachen Informatik eine Portfoliobereinigung. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 4. April 2013))

Maurizio Minetti

Eine halbe Milliarde Franken. So viel kostet eines der grössten Informatikprojekte der Schweiz. Es geht dabei um die Migration auf eine neue Bankensoftware für die 255 organisatorisch selbstständigen Raiffeisen-Banken.

Die Bankengruppe wählte vor drei Jahren einen speziellen Weg für dieses Vorhaben: Sie vergab nicht wie üblich einen Auftrag an den Softwarehersteller, sondern gründete mit dem Lieferanten Avaloq gleich ein Joint Venture namens Arizon, von dem Raiffeisen 51 Prozent übernahm. Zusätzlich erwarb Raiffeisen noch 10 Prozent der Avaloq-Aktien. Dieses Konstrukt wird nun per 1. Januar 2019 aufgelöst, wie die beteiligten Unternehmen gestern bekanntgaben. Die bisherige Zusammenarbeit werde in ein reines Kunden-Lieferanten-Verhältnis übergeführt.

Warburg Pincus erhöht Avaloq-Beteiligung

Im Detail: Avaloq übernimmt die 51-Prozent-Beteiligung von Raiffeisen und wird Arizon als 100-prozentige Tochtergesellschaft betreiben. Die 300 Jobs bei Arizon mit Niederlassungen in St. Gallen und Dietikon bleiben gemäss der Mitteilung erhalten.

Ihre 10-Prozent-Beteiligung an Avaloq verkauft Raiffeisen «mit Gewinn» an das US-Beteiligungsunternehmen Warburg Pincus, wie Raiffeisen in der Mitteilung betont. Warburg Pincus war Anfang dieses Jahres mit 35 Prozent bei Avaloq eingestiegen und hält künftig also 45 Prozent der Avaloq-Aktien. Für den Betrieb und die Weiterentwicklung der Bankenplattform sowie für die Erbringung von Abwicklungsdienstleistungen wird Raiffeisen Schweiz ausserdem einen Service-Vertrag mit Arizon abschliessen. Dieser wird bis Ende 2024 gültig sein.

Finanzielle Angaben zu den beiden Aktienverkäufen und zum neuen Outsourcing-Vertrag machen die drei Unternehmen nicht. Die Bankengruppe spricht aber von einer Stärkung ihrer Eigenmittelbasis. Raiffeisen-Chef Pat­rik Gisel lässt sich in der Mitteilung zitieren: «Dank dem aufgebauten Vertrauen überführen wir nun die Beziehung in eine neue Phase. In Zukunft können wir uns auf unsere Kernkompetenzen fokussieren.» In der Tat beendet Raiffeisen mit dem Schritt ein Konstrukt, das von Anfang an für Skepsis gesorgt hatte. Es ist für die Einführung einer Bankensoftware nämlich nicht notwendig, ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen und sich auch noch am Lieferanten zu beteiligen. Für Branchenkenner ist klar: Der einzige Grund dafür war, dass Avaloq zum damaligen Zeitpunkt Liquiditätsprobleme hatte. Gleichzeitig konnte es sich Raiffeisen nicht leisten, das IT-Projekt scheitern zu lassen. Mit der Beteiligung und der Gründung eines Joint Venture hat Raiffeisen sozusagen das ei­gene IT-Projekt vorfinanziert. Entsprechend war von Anfang an klar, dass Raiffeisen wieder aus dem Konstrukt aussteigen würde.

Das bestätigte gestern eine Raiffeisen-Sprecherin: «Die Option, nach Abschluss unseres IT-Grossprojektes Arizon ganz an Avaloq zu übergeben, war von vornherein ein mögliches Szenario.» Der Zeitpunkt für den Ausstieg ist jetzt günstig: Die neue Plattform steht vor ihrer Einführung, nachdem in den letzten Monaten in den Medien immer wieder von Verzögerungen und Schwierigkeiten die Rede war. «Wir halten nach wie vor am Einführungstermin 1. Januar 2018 fest», sagt die Raiffeisen-Sprecherin. Es gebe jetzt «keine strategische Notwendigkeit mehr für finanzielle Beteiligungen am Gemeinschaftsunternehmen», so Raiffeisen in der Mitteilung. Die neue Softwareplattform umfasst ein neues Kernbankensystem von Avaloq, das die veraltete Software Dialba bei den Raiffeisen-Banken ablöst. Teil des Pakets ist zudem eine Lösung zur Abwicklung von Wertschriftentransaktionen.

Es droht der Lock-in-Effekt für Raiffeisen

Angesichts der Vorgeschichte darf davon ausgegangen werden, dass Raiffeisen für den von 2019 bis 2024 laufenden Outsourcing-Vertrag mit Avaloq gute Konditionen ausgehandelt hat. Ab 2025 dürfte sich das Outsourcing aber verteuern. Dann wird Raiffeisen einer von vielen Avaloq-Kunden sein, der mit seinem Lieferanten über Millionenbeträge verhandelt.

Erschwerend für Raiffeisen kommt hinzu, dass die Bankengruppe praktisch keine Alternative zu Avaloq hat. Während sich etwa eine Kantonalbank, die ihr Avaloq-System von der Swisscom betreuen lässt, theoretisch auf Avaloq-Konkurrent Finnova und Swisscom-Konkurrent Inventx wechseln könnte, ist ein solcher Schritt für Raiffeisen so gut wie unmöglich, weil Arizon exakt auf die Bedürfnisse von Raiffeisen zugeschnitten ist. In der Fachsprache nennt sich das Lock-in-Effekt: Er verunmöglicht es Kunden, den Anbieter zu wechseln.

Auch nach dem Ende des Joint Venture bleibt die Bande zwischen Raiffeisen und Avaloq also weiterhin stark.

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