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INFORMATIONSTECHNOLOGIE: «Digitalisierung stellt den Staat in Frage»

Der Technikprofessor und Musikliebhaber Reinhard Riedl sieht in der Digitalisierung grossartige Chancen und furchterregende Risiken. Im Interview plädiert er für Führungspersonen, die mehr ins Theater gehen und Shakespeare erkennen.
Balz Bruder
Hier werden grosse Datenmengen gespeichert: Blick in einen Serverraum. Bild: Thomas Trutschler/Getty

Hier werden grosse Datenmengen gespeichert: Blick in einen Serverraum. Bild: Thomas Trutschler/Getty

Interview: Balz Bruder

Reinhard Riedl, die Digitalisierung durchdringt unsere Lebensbereiche zunehmend. Stehen wir am Anfang einer Revolution? Oder sehen wir schon ihr Ende?

Wir stehen am Anfang einer sehr tief greifenden und schnell vor sich gehenden Evolution, deren Ideen aber auf den Schultern vergangener Ideen stehen. Wir sehen ein Stück des zukünftigen Wegs, aber nicht dessen Ende.

Die Prognosen zur Informationstechnologie waren bisher aber nicht sehr zuverlässig.

Rückblickend waren die Prognosen der Vergangenheit meist etwas kindlich. Man hoffte darauf, weniger arbeiten zu müssen. Stattdessen hat uns die Informationstechnologie mehr Arbeit in Form von neuen Aufgaben gebracht.

Was wurde denn unterschätzt?

Es wurde nicht ausreichend bedacht, dass der Computer ein Werkzeug ist und wir Menschen seit ein paar hunderttausend Jahren eine sehr enge, emotionale Beziehung zu Werkzeugen haben. Werkzeuge wurden und werden von uns als Selbstzweck gesehen und weiterentwickelt, führen aber in der Folge zu Innovationen, an die zuvor niemand gedacht hat, zum Beispiel in der Medizin.

Vor allem eines ist nicht passiert: Der Mensch und sein Körper, geschweige denn sein Geist, wurden nicht überflüssig. Überraschend?

Aus Sicht der Mitte des letzten Jahrhunderts sehr überraschend, aus heutiger Sicht heraus dagegen total logisch.

Weshalb?

Unsere Vorstellung von künstlicher Intelligenz hat sich stark gewandelt. Wir verstehen heute viel besser, wo der Mensch gegenüber der Maschine seine Stärken hat, wie vielfältig man Computer nutzen kann und wie Mensch und Maschine als Tandem gut zusammenwirken.

Wo genau?

Wir nutzen IT zur Automatisierung einfacher Aufgaben, was uns Zeit gibt, uns auf anderes zu konzentrieren. Wir nutzen sie aber insbesondere auch, um unsere besonderen natürlichen Fähigkeiten zu erweitern, nicht um sie überflüssig zu machen.

Welche Trends sehen Sie in der Digitalisierung?

Erstens die organisationsübergreifende Geschäftsprozessintegration und dynamische Optimierung von Abläufen. Zweitens, dass es Broker für alles gibt und über Internetplattformen ein fast uneingeschränkter Abgleich von Angebot und Nachfrage ermöglicht wird. Drittens, dass der Kunde zum eigenständigen Markt wird beziehungsweise eine radikale Personalisierung stattfindet.

Ist das blosse technische Entwicklung oder relevanter Fortschritt?

Es sind viel mehr als technische Entwicklungen, aber die Auswirkungen sind unklar, und die Geschichten, die darüber erzählt werden, sind oft das Gegenteil der Wahrheit. Der Fortschritt besteht darin, dass weitgehend hierarchisch geprägte Organisationsstrukturen durch Technik ersetzt werden. Das steigert die Produktivität und bringt für die Kunden grossen Nutzen. Es schafft zudem Bedarf an hoch talentierten Arbeitskräften, die multidisziplinär ausgebildet sind und Erfahrung im transdisziplinären Arbeiten haben. Es zerstört aber auch Jobs und Unternehmen und drückt Löhne in vielen Bereichen.

Daten, Algorithmen, Rechenkapazität – diese drei sind die entscheidenden Ressourcen der Digitalisierung. Die ersten beiden sind teilbar, Letztere nicht. Mit welchen Folgen?

Der Zugang zu Daten und Algorithmen spielt bei der Umverteilung von Reichtum durch die Digitalisierung eine Schlüsselrolle, der Zugang zu Rechenressourcen wirkt hingegen nur dort differenzierend, wo auch wertvolle Daten und algorithmisches Topwissen vorhanden sind.

Wenn Sie einen Blick auf die Schweiz werfen: Wo stehen wir? Wir haben noch nicht einmal eine funktionierende e-ID.

Die Schweiz hat eine hervorragende Basis-Infrastruktur, ist aber schwach bei der Vertrauensdienste-Infrastruktur und bei den Datensammlungen und liegt bei den Algorithmen zur Datenverarbeitung nur im vorderen Mittelfeld. Mit dem Big- Data-Sonderforschungsprogramm hat der Bundesrat eine Massnahme gesetzt, um den Rückstand gegenüber den USA im Bereich Algorithmen aufzuholen.

Das ist typisch, oder? Das Land hat eine Top-Infrastruktur, aber ist für Big Data trotzdem nicht gerüstet. Und mit den Digital Skills ist es hierzulande auch nicht weit her.

Vordergründig erscheint es paradox: Wir setzen in der Schule mehr auf abstraktes Know-how als auf Wissen um seiner selbst willen und auf konkretes Üben um des Könnens willen. Trotzdem haben wir bei der Nutzung von Algorithmen Nachholbedarf, obwohl diese verschlüsseltes Know-how darstellen. Aber Algorithmen muss man auch verstehen und ihre Anwendung üben.

Und was ist mit dem Datenschutz? Sie haben jüngst gesagt, die Digitalisierung biete grossartige Chancen und furchterregende Risiken.

Unser Datenschutz beruht auf den Konzepten «personenbezogene Daten» und «besonders schützenswerte Daten», die in der heutigen Welt nur mehr sehr eingeschränkt Sinn machen. Die Personalisierung und die Verknüpfung von Personendaten mit Objektdaten führen dazu, dass die Schutzwirkung des Datenschutzes oft sehr kurzfristig oder gar nicht vorhanden ist. Dazu kommt, dass eine freiwillige Zustimmung, die heute Datennutzungsbeschränkungen meistens aufhebt, durch Androhung von Diskriminierung auch erzwungen werden kann. Ganz abgesehen davon, dass Kriminelle aus der Verletzung der Privatsphäre auch ein Geschäft gemacht haben.

Betroffen von dieser Entwicklung sind nicht zuletzt hoheitliche Aufgaben. Zersetzt die Digitalisierung den Staat?

Die Digitalisierung stellt in vielen Bereichen die Rolle des Staates in Frage, beispielsweise wenn nichtstaatliche Währungen geschaffen werden oder wenn digitale soziale Netze elektronische Identitäten ausgeben. Teilweise geschieht das noch sehr theoretisch, etwa wenn traditionelle Geschäftsmodelle der Banken für obsolet erklärt werden und dabei insinuiert wird, in der Finanztechnik-Welt müsse der Staat sich um Liquidität und Vertrauen in den Finanzmärkten nicht mehr kümmern.

Positiv formuliert: Was braucht es, um zu verhindern, dass die E-Society quasi ein Parallelstaat wird?

Regierung, Parlament und Souverän müssen ihre Rollen als wesentliche Gestalter der Zukunft verteidigen. Für besonders komplexe Politikfelder rund um die Digitalisierung benötigen wir eine Diskussionsbasis in Form von Referenzmodellen und Werkzeugen, die das Verständnis erleichtern. Viel wäre auch gewonnen, wenn die Führungspersonen etwas mehr Witz an den Tag legen würden, wieder häufiger ins Theater gehen und eine Shakespeare-Szene erkennen würden, wenn sie sich im wirklichen Leben vor ihren Augen abspielt. Kulturelles Wissen ist letztlich entscheidend für den erfolgreichen Wandel.

Digitale Schweiz

Der Bundesrat hat 2016 die Strategie «Digitale Schweiz» vorgestellt. Dabei geht es darum, «mehr von der zunehmenden Digitalisierung zu profitieren und sich als Volkswirtschaft noch dynamischer zu entwickeln». Die Menschen in der Schweiz sollen «die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien im Alltag kompetent und sicher nutzen». Die Strategieschwerpunkte reichen von E-Government und E-Health über neue Formen der politischen Partizipation bis zum Austausch der Schweiz mit dem digitalen Binnenmarkt der EU. Anfang 2017 hat der Bundesrat den Bericht «Rahmenbedingungen der digitalen Wirtschaft» vorgestellt. Grundsätzlich seien die notwendigen Gesetzesgrundlagen vorhanden, findet der Bundesrat – es brauche demnach auch für «Sharing Economy»-Anbieter wie Uber und Airbnb «voraussichtlich keine zusätzlichen Gesetze». (bbr)

Reinhard Riedl (51)studierte Technik an der Universität Linz und promovierte in Mathematik an der Universität Zürich. Er ist wissenschaftlicher Leiter des Fachbereichs Wirtschaft an der Berner Fachhochschule. Riedl ist unter anderem Mitbegründer und Verwaltungsrat der Luchsinger Mathematics AG, Präsident der Internationalen Gesellschaft für neue Musik und Vizepräsident des Schweizer E-Government-Symposiums. (bbr)

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Reinhard Riedl. (Bild: PD)

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