INTERNET: Postfinance verdient an Kundendaten

Die Postfinance hat vor, im grossen Stil die Daten ihrer Bankkunden zu sammeln und zu analysieren. Wer ihrem neuen Werbenebengeschäft entgehen will, muss bald handeln.

Rainer Rickenbach
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Postfinance verdient an Kundendaten (Symbolbild Keystone)

Postfinance verdient an Kundendaten (Symbolbild Keystone)

In den Poststellen hat die Kioskatmosphäre schon lange Einzug gehalten. In den von Regalen mit Rätselheften, Klatschblättern, Gummibärchen und Glücksspielen voll gepferchten Filialen ist es zuweilen gar nicht so einfach, auf den ersten Blick die Postschalter zu orten. Was physisch mehr schlecht als recht funktioniert, überträgt die Tochtergesellschaft Postfinance schon bald auf ihr Onlinebanking E-Finance im Internet. Denn sie plant, dort ab April 2015 Schnäppchenangebote von Werbekunden aufzuschalten.

Werbefenster auf der Bankseite

Dieses Geschäft hat wesentlich bessere Erfolgsaussichten als der lahme Handel mit den Kioskartikeln in den physischen Filialen. Denn Postfinance nutzt alle Regeln der Kunst, welche die Digitaltechnik bietet. Schon vor zwei Jahren hat die Bank mit dem sogenannten E-Cockpit begonnen, die Daten ihrer 1,6 Millionen Kunden systematisch zu sammeln und intern unter anderem auch für den Werbemarkt einzuordnen. Dort ist zum Beispiel gespeichert und jederzeit abrufbar, dass Kunde Müller oft Flugreisen bucht. Oder dass die Kundin Meier alle paar Monate Rechnungen für schicke Kleider begleicht.

Es versteht sich von selbst, dass solche Informationen für die Werbewirtschaft Gold wert sind: 1,6 Millionen potenzielle Kunden, deren Vorlieben sich aus ihrem Zahlungsverkehr ablesen lassen. Genau da wittert die mit Abstand ertragreichste Tochtergesellschaft der Post ihrerseits ein einträgliches Nebengeschäft. Sie macht sich ihre gesammelten Daten zu Nutze und baut im E-Banking ein Fenster mit gezielter Werbung für Schnäppchenjäger auf. Beim Vielreiser erscheinen dort günstige Flugangebote, bei der modebewussten Frau exquisite Kleider.

Für Postfinance-Sprecher Johannes Möri handelt es sich um eine einfache Übungsanlage: «Auf der einen Seite sind unsere Privatkunden, von denen wir die Daten aus ihrem Zahlungsverkehr haben. Auf der anderen Seite sind die Geschäftskunden, die ihre Angebote zielgerecht im E-Finance platzieren möchten. Postfinance nimmt also eine Art Vermittlerrolle zwischen Privat- und Geschäftskunden ein.»

Darf Postfinance Daten nutzen?

Nur: Darf Postfinance dafür die gesammelten Erkenntnisse aus dem Zahlungsverkehr ihrer Privatkunden für Werbezwecke Dritter nutzen? Und wer stellt sicher, dass die Daten nicht in den PC-Systemen der Firmen landen, die auf der Postfinance-Schnäppchenseite ihre Produkte lancieren? «Die Rechtslage ist klar: Bankdaten an Dritte weitergeben verstösst gegen das Gesetz. Auswerten und analysieren hingegen darf Postfinance die Zahlungsgewohnheiten, sofern die Kunden sich damit einverstanden erklären. Postfinance muss ihnen vorher eine Widerspruchsmöglichkeit bieten», sagt Peter E. Fischer, Leiter des Kompetenzzentrums Informationssicherheit an der Hochschule Luzern.

Postfinance: Daten bleiben im Haus

Niemand ausserhalb der Bank komme an die Daten heran, versichert indes Banksprecher Möri. Er erläutert den Ablauf an einem Beispiel: «Postfinance geht auf einen Reiseveranstalter zu und informiert ihn über die Anzahl Bankkunden, die regelmässig Rechnungen für Flüge und Hotels begleichen. Entschliesst sich der Reiseveranstalter, bei uns zu werben, platzieren wir sein Günstigangebot gezielt im ­E-Finance der reisefreudigen Bankkunden.» Um keine Rückschlüsse zuzulassen, wie der Postfinance-Privatkunde auf das Ferienangebot gestossen ist, zahle er zuerst den vollen Preis der Reise. Den Rabatt vergütet später Postfinance, sobald die Zahlungstransaktion ausgeführt ist. Der Geschäftskunde zahlt dafür der Bank eine Gebühr.

Bleibt die Frage, ob Postfinance auch die zweite Bedingung einhält und ihre Privatkunden entscheiden lässt, ob sie einverstanden sind, wenn die Bank mit ihren anonymisierten Daten bei den Werbern hausieren geht. «Die grosse Mehrheit hat den neuen Teilnahmebedingungen bereits zugestimmt», so Möri.

Die meisten von ihnen dürften grünes Licht gegeben haben, ohne sich gross Gedanken darüber gemacht zu haben. Denn im Sommer schaltete Postfinance eine dieser ellenlangen Teilnahmebedingungen auf, in denen in einem Passus die neue Datenverwertung erklärt ist. Doch die meisten Internetuser bringen diese meist mühsam formulierten und gestalteten Informationen so schnell wie möglich mit einem Klick auf «Akzeptieren» zum Verschwinden.

Eigenverantwortung der User

Der Stiftung Konsumentenschutz sind diese Internettraktate schon lange ein Dorn im Auge. «Die schwere Verständlichkeit hat natürlich System. Kommt hinzu: Es ist ein beliebtes Mittel, nur Grossbuchstaben zu verwenden. So wird der Text noch schwerfälliger», moniert Anina Hanimann, Projektleiterin beim Konsumentenschutz. Fischer von der Hochschule Luzern findet aber: «Der Internetnutzer trägt auch eine gewisse Eigenverantwortung. Wenn die eigene Bank neue Teilnahmebedingungen aufschaltet, sollte er sich die Zeit nehmen und genau hinsehen. Das mag anstrengend sein. Doch für die allgemeinen Geschäftsbedingungen reichen zwei, drei triviale Sätze nicht.»

Für misstrauische Postfinance-Kontoinhaber ist es noch nicht zu spät, dem Deal zwischen ihrer Bank und der Werbewirtschaft zu entkommen (siehe Kasten). Dass Internetgiganten wie Google oder Amazon sich die Klickgewohnheiten für gezielte Werbezwecke zu Nutze machen, ist bereits lange gang und gäbe. Aber eine Bank, bei der zahlreiche sensible Daten zusammenkommen? Und als Vorreiter erst noch ein Finanzinstitut, das die Tochtergesellschaft eines staatlichen Regiebetriebes ist? Für den Konsumentenschutz erreicht Postfinance mit dem Datenhandel eine neue Dimension. Diverse Anbieter würden mit ihren Kundendaten Geld verdienen – Postfinance sei freilich die erste Schweizer Bank, die sich dazu anschickt. Konsumentenschützerin Hani­mann sagt: «Bei der anstehenden Revision des Datenschutzgesetzes muss die elektronische Datensammlung endlich reguliert werden. Es besteht dringender Handlungsbedarf.»

Für Fischer von der Hochschule Luzern stehen nicht so sehr die Gesetze, sondern das Internetverhalten der Konsumenten im Vordergrund. «Was Postfinance macht, verletzt kein geltendes Recht. Denn es gehen keine Daten heraus, und die Kunden haben die Möglichkeit zum Widerspruch. Letztlich liegt es an den Internetnutzern selbst: Wer nicht will, dass seine Daten für Werbezwecke genutzt werden, kann sich den Sammlern mit relativ einfachen Mitteln weitgehend entziehen. In diesem Fall bietet sich auch die Möglichkeit, die Bank zu wechseln.»

Auswertung bringt auch Nützliches

Um nicht mehr Spuren als nötig im Netz zu hinterlassen, hat die Hochschule Luzern fünf einfache und leicht verständliche Tipps formuliert. Sie reichen von der Datensicherung über Vorbeugemassnahmen bis hin zu Verhaltensratschlägen (siehe Kasten).

Die Datenauswertung könne durchaus auch nützliche Ergebnisse für die Kunden mit sich bringen, sagt Fischer. «Dass Auslandzahlungen heute ohne grossen Aufwand und günstig über die IBAN-Nummern möglich sind, hat seine Ursache ebenfalls in der Analyse von Kundengewohnheiten.»