Interview
Wie geht es eigentlich unserer Wirtschaft nach den beiden Corona-Jahren, Herr Volkswirtschafter?

Im Coronajahr erlitt die Schweiz einen Wirtschaftseinbruch wie zuletzt vor rund 50 Jahren. Nun geht es steil nach oben. Was das bedeutet und warum wir nicht sparen müssen, erklärt Volkswirtschafter Marius Brülhart.

Sarah Serafini / Watson
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Lie Läden zu und die Strassen leer. Die beiden Lockdowns liessen die Schweizer Wirtschaft stark einbrechen. Doch was kommt nach der Krise?

Lie Läden zu und die Strassen leer. Die beiden Lockdowns liessen die Schweizer Wirtschaft stark einbrechen. Doch was kommt nach der Krise?

Keystone

Das Bruttoinlandprodukt der Schweiz ist im Coronajahr 2020 um 2,9 Prozent zurückgegangen. Das ist der stärkste Wirtschaftseinbruch seit der Erdölkrise. Welche Faktoren waren für diesen Rückgang massgeblich?

Marius Brülhart: Dafür gibt es drei Hauptgründe. Viele Leute verzichteten aus Sorge wegen der Ansteckungsgefahr freiwillig auf Reisen, Restaurantbesuche, etc. Dazu kamen die behördlich verordneten Einschränkungen und Schliessungen verschiedener Wirtschaftszweige. Schliesslich ist besonders in der ersten Phase der Pandemie auch die Auslandsnachfrage nach Schweizer Exporten eingebrochen.

Im Jahr 2020 haben Schweizerinnen und Schweizer weniger Geld ausgegeben. Welche wirtschaftlichen Folgen hat das?

Marius Brülhart.

Marius Brülhart.

zVg

Der Einbruch des gesamten privaten Konsums betrug weniger als 5 Prozent – die betroffenen Branchen sind sehr sichtbar, und deren wirtschaftliches Gewicht wird daher oft überschätzt. Aber ein grosser Teil der Haushalte hat während der Corona-Zeit in der Tat mehr gespart als üblich. Diese aufgestaute Kaufkraft stimmt zuversichtlich für die wirtschaftliche Erholung in den nächsten Monaten.

Wie schneidet die Schweizer Wirtschaft nach der Pandemie im Vergleich zum Ausland ab?

Hinsichtlich der Anzahl Corona-Opfer sind wir nur europäisches Mittelmass. Aber wirtschaftlich haben wir die Krise ausgesprochen glimpflich überstanden. In unseren Nachbarländern war der Wirtschaftseinbruch 2020 um einiges schlimmer als bei uns: 5 Prozent in Deutschland, 8 Prozent in Frankreich, 9 Prozent in Italien.

Zur Person

Marius Brülhart ist ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Lausanne und Mitglied der Expertengruppe Economics der wissenschaftlichen Corona-Taskforce der Bundes.

Alles deutet auf einen Megaboom hin: Wird sich die Schweizer Wirtschaft viel schneller erholen als erwartet?

Die Erwartungen sind bereits hoch: Das Seco rechnet mit einem Jahreswachstum von 3,5 Prozent – und dies trotz des weiterhin coronagebeutelten ersten Halbjahrs. Das bedeutet fürs zweite Halbjahr einen Boom wie ihn die Schweiz seit 40 Jahren nicht erlebt hat.

Könnte es eine Inflation geben?

Gut möglich. Aber kaum besorgniserregend. Wenn die aufgestaute Nachfrage in gewissen Bereichen vorübergehend das Angebot übersteigt, werden Preise aufflackern. Das beobachtet man zum Beispiel bereits bei den Preisen für Mietwagen. Solche vorübergehende Preisanstiege dürften sich mittelfristig jedoch wieder einpendeln. Falls sich dennoch ein anhaltender Preisdruck entwickeln sollte, hätte die Nationalbank noch viel Spielraum, um geldpolitische Gegensteuer zu geben.

Was hat der Wirtschaft im Pandemiejahr geholfen?

Einerseits machen die besonders betroffenen Branchen wie Tourismus und Gastronomie bei uns einen kleineren Teil der Gesamtwirtschaft aus als anderswo. Und andererseits waren die Corona-Einschränkungen in der Schweiz fast durchs Band lockerer als in den Nachbarländern. Man denke nur an die Skigebiet-Diskussion. Was die betroffenen Branchen aber vor allem gestützt hat, sind die Corona-Hilfen der öffentlichen Hand.

Wie viel hat der Bund insgesamt für Corona-Hilfen ausgegeben? Also Covid-19-Kredite, Kurzarbeitsgelder, Entschädigung für Selbstständige?

Dies misst man am einfachsten mit der dafür notwendigen Neuverschuldung. Die eidgenössische Finanzverwaltung rechnet bis 2022 mit einem Anstieg der Schulden von Bund, Kantonen und Gemeinden um circa 35 Milliarden. Davon entfallen knapp 25 Milliarden auf den Bund.

Woher nahm er dieses Geld?

Der Bund kann auf den Kapitalmärkten Schulden aufnehmen. Das heisst, er verkauft Obligationen an Unternehmen und Private. Im Moment gibt es einen gewaltigen Überhang an Ersparnissen, die solche Anlagen suchen. Daher kann sich der Bund zu Negativzinsen verschulden: Die Sparer sind bereit, Geld draufzuzahlen, damit sie es dem Staat leihen können.

Müssen diese Hilfen nun alle zurückbezahlt werden?

Rein theoretisch könnten diese Schulden stehen gelassen werden. Dank der tiefen Zinsen belasten sie den Staatshaushalt kaum, und dank Wirtschaftswachstum schrumpft das Verhältnis der Schulden zur Wirtschaftskraft der Schweiz sowieso stetig. Aber höhere Schulden haben auch Kosten: sie schränken den künftigen Handlungsspielraum ein, und sobald die Zinsen anziehen, kommen sie auch wieder teurer zu stehen. Vor allem aber haben wir eine Schuldenbremse, die eine Rückzahlung vorsieht.

Was schlagen Sie also vor?

Mir schiene eine «Moitié-Moitié»-Lösung sinnvoll: Die halben Corona-Schulden innerhalb der nächsten 15 Jahre abzahlen, und die andere Hälfte mit dem Schuldenabbau der vergangenen 15 Jahre verrechnen.

Weiss man, wie viel die Pandemie die Schweizer Wirtschaft insgesamt gekostet hat?

Corona dürfte die Schweiz in der Endabrechnung zwischen 40 und 50 Milliarden Franken an entgangener Wirtschaftsleistung gekostet haben. Das wurde aber nicht willkürlich in den Sand gesetzt, sondern ist der Preis für die Bekämpfung einer Jahrhundertpandemie.

Müssen wir mit Sparmassnahmen rechnen?

Das wäre eine unnötige Selbstkasteiung. In normalen Zeiten macht der Bund jährlich etwa eine Milliarde Überschuss, weil verfügbare Budgets nicht voll ausgeschöpft werden. Dank diesen «Kreditresten» können sich die Corona-Schulden auch ohne spezielle Sparmassnahmen allmählich zurückbilden.

Warum ist Ueli Maurer gegen eine höhere Staatsverschuldung? Sind seine Sorgen berechtigt?

Seit Herr Maurer Finanzminister ist, konnte der Bund über 10 Milliarden an Schulden zurückzahlen. Dass es ihm dann widerstrebt, das alles von Corona zunichtemachen zu lassen, ist nachvollziehbar. Nach etwas Zögern letzten Herbst hat der Bund die Corona-Hilfen trotzdem heraufgefahren. Das war absolut richtig.

Die Schweizerische Nationalbank hat rund 100 Milliarden Franken in der Ausschüttungsreserve. Warum wird dieses Geld nicht zur Deckung der Coronakrise verwendet?

Der Bund und die SNB haben sich ja bereits auf eine zusätzliche Ausschüttung von bis zu 6 Milliarden pro Jahr geeinigt. Das ist ein weiterer Anlass für eine sehr positive Diagnose zum Gesundheitszustand unserer Staatsfinanzen.