Wirtschaftskrise
Investitionen schmelzen dahin

Sparen hat in der Wirtschaftskrise Vorrang – auch bei der Stahl Gerlafingen AG. Der weitere Aus- und Umbau im Zuge der Modernisierung des Werkes wird nochmals verschoben. Diesmal um ein bis mehrere Jahre.

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Stahl Gerlafingen AG

Stahl Gerlafingen AG

Solothurner Zeitung

Marco Zwahlen

«Am Erneuerungs- und Ausbauplan wird festgehalten. Das hat der Verwaltungsrat diese Woche entschieden», so Daniel Aebli, Leiter Kommunikation der Stahl Gerlafingen AG. Dies die gute Nachricht. Aber: Weiter verschoben werden die vom Mutterkonzern, der italienischen Beltrame Gruppe, bereits bewilligten, aber noch nicht ausgelösten Investitionen.

Ursache sind aber diesmal nicht nur - wie letzten Herbst - die angekündigten, massiven Strompreis-Erhöhungen. Diese sind auf Druck der Wirtschaft und Politik etwas moderater ausgefallen. Sie bewegen sich für die Stahl Gerlafingen AG aber immer noch in Millionenhöhe.

Grund für den neuen Fahrplan ist primär die zu unsichere Wirtschaftslage (siehe «Auftragseinbrüche von bis zu 75 Prozent»): «Für den Konzern hat momentan die Liquiditätssicherung Priorität, um sicher durch die Krise zu kommen», erklärt Aebli.

Erschliessung neuer Absatzmärkte

Auftragseinbrüche von bis zu 75 Prozent

Wie viele Industriebetriebe, hat die Stahl Gerlafingen AG mit massiven Auftrags- und Absatzeinbrüchen zu kämpfen. Hinzu kommt der Preisdruck. Laut Geschäftsleiter Max C. Diggelmann ist noch keine Erholung in Sicht - im Gegenteil: «Der Tiefpunkt ist nicht erreicht.» In den ersten vier Monaten dieses Jahres sei im Gerlafinger Werk der Auftragseingang für Industriestahl und Matten um je rund 75 Prozent eingebrochen.

Beim Betonstahl liege er knapp auf Vorjahr. Am Boden ist die Produktion von Flach-Breitstahl, der unter anderem in der Nutzfahrzeugindustrie weiterverarbeitet wird. Diese ist wie die Automobilindustrie stark von der weltweiten Wirtschaftskrise betroffen. Laut Diggelmann ist die Produktionsmenge deutlich rückläufig, wie auch der Verkaufserlös. Letzteres ist auch auf den zunehmenden Konkurrenzkampf und Preisdruck zurückzuführen. Das Betriebsergebnis der Stahl Gerlafingen AG wandelte sich von einem Gewinn (29,1 Mio. Franken) in einen Verlust von 5,4 Millionen. Vor diesem Hintergrund habe man Personalmassnahmen ergreifen müssen. 180 der rund 610 Beschäftigen hätten derzeit Kurzarbeit. (fs/mz)

Der Investitionsaufschub betrifft im Walzwerk den Bau der Profilstrasse mit Kühlbett, Stapel- und Bindeanlage sowie eine Lager- und Versandhalle und im Stahlwerk den Bau einer rund 40 Meter hohen Giesshalle mit zwei Stranggussanlagen. Bei beiden Ausbauetappen verschiebt sich der Fahrplan um über ein Jahr.

Im Oktober 2010 soll das Walzwerk und erst im April 2011 das Stahlwerk umgebaut sein. Die erste Ausbauetappe im Walzwerk - eine neue Vorstrasse und ein Hubherdofen sind abgeschlossen. Aebli: «Der Betrieb soll im Juni aufgenommen werden. Zurzeit wird an der Justierung gearbeitet.»

Insgesamt umfassen die 2. und 3. Ausbauetappen Investitionen von rund 250 Mio. Franken. Deren Zweck: Die komplett neue Walzstrasse ermöglicht die Erweiterung der Produktionspalette als Voraussetzung dafür, neue Absatzmärkte zu erschliessen. Die direkte Verbindung von Walz- und Stahlwerk ermöglicht zudem die Produktion aus einem Guss.

Damit einher gehen nicht nur Verbesserungen im Logistik- und Umweltbereich. Altlasten werden beseitigt, und es kann auf dieselgetriebene Seitenstapler verzichtet werden. Zudem wird das Abkühlen der Halbfabrikate drastisch reduziert, womit der Erdgasverbrauch deutlich gesenkt werden kann. Folge: Pro Jahr mehr als 10 000 Tonnen weniger CO2-Ausstoss.

Vorläufig kein neuer Schmelzofen

Wird aus dem erneuten Aufgeschoben nicht doch noch ein Aufgehoben? Laut Aebli kaum, da sonst der bereits erfolgte Umbau der Walzstrasse nichts bringe. Bis deren Teil-Umbau dereinst abgeschlossen ist, werden die neuen Anlageteile via einen Rollgang mit der alten Grobstrasse verbunden. Dies sei aber nur eine Übergangslösung. Die angestrebte Sortimentserweiterung erfolge «Schritt für Schritt».

Ursprünglich sollte bis Ende 2011 die Gesamtmodernisierung des Werkes mit dem Bau einer neuen, bis 50 Meter hohen Ofenhalle mit Schmelzofen und einer Schrotthalle abgeschlossen werden. Zurzeit lagert der Schrott unter freiem Himmel. Die für diese 4. Bauetappe nötigen 100 Mio. Franken hat der Verwaltungsrat noch nicht bewilligt. Der neue Fahrplan sieht vor, dass das Projekt frühestens im Jahr 2012 realisiert wird. Die Planungsarbeiten und Abklärungen laufen jedoch weiter.