INVESTMENT: Klotzen statt Kleckern: So investiert man in gute Möbelstücke

Designermöbel können auch unter Anlagegesichtspunkten interessant sein. Doch Vorsicht! Wir zeigen auf, worauf es beim Kauf ankommt.

Gerhard Bläske
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«Dragon Chair» von Eileen Gray. (Bild: Dukas)

«Dragon Chair» von Eileen Gray. (Bild: Dukas)

Gerhard Bläske

Das war ein gutes Geschäft. Das teuerste Designstück, das je verkauft wurde, ist der «Dragon Chair» von Eileen Gray aus dem Jahr 1919. Das Auktionshaus Christie’s erhielt 2009 für den aus der Sammlung des Modemachers Yves Saint-Laurent und seines Lebensgefährten Pierre Bergé stammenden Sessel 21,9 Millionen Euro. «Der Markt für dekorative Kunst und Design hat sich seit den 70er-Jahren stark entwickelt und verbreitert», sagt Jeremy Morrison, Europa-Chef der Abteilung für dekorative Kunst des 20. Jahrhunderts beim Auktionshaus Christie’s.

Die Preise haben teilweise ein beachtliches Niveau erreicht. Ausser für klassische Sammler und Inneneinrichter sind Design-Objekte deshalb auch für Anleger interessant. Sich mit schönen Dingen umgeben und dabei auch noch sein Vermögen zu mehren, ist schliesslich reizvoller als der Kauf von Aktien oder Immobilien. Artcurial, nach eigenen Angaben die Nummer eins unter den Auktionshäusern in Europa im Bereich Design, hat im vergangenen Jahr zwei Objekte für mehr als 2 Millionen Euro verkauft.

Neben viel Geld braucht es viel Lagerfläche

Doch Stephan Burkoff, Chefredakteur des Online-Magazins Designlines.de, der mit dem Verlag «Mitte/Rand» auch Architekturbücher verlegt, rät Anlegern zur Vorsicht: «Das ist etwas für Spezialisten mit genügend Kapital und Lagerfläche. Wie sollte man Jean Prouvés ‹Maison Tropicale› sonst unterbringen?» Das von dem französischen Designer Anfang der 50er-Jahre für die afrikanischen Kolonien entwickelte elegante Fertighaus aus Metall existiert nur in drei Prototypen. Eines davon ersteigerte 2007 der Hotelier André Balazs für 5 Millionen Euro bei Christie’s.

Laut Morrison ist der Markt stark Moden unterworfen. Das spiegle sich in den Preisen wider. «Was vor 30 Jahren gefragt war, ist es heute oft nicht mehr.» Und Alexander Fahl, der beim Online-Auktionshaus Auctionata die Abteilung für angewandte Kunst und Design des 20. Jahrhunderts leitet, weiss: «Das obere Preissegment ist wertstabiler als das untere: bei Investitionen empfiehlt sich eher Klotzen als Kleckern.» Erst ab fünfstelligen Beträgen gebe es eine gewisse Stabilität. Biedermeier-­Möbel etwa, die noch vor 20 Jahren sehr gefragt waren, haben deutlich an Wert verloren.

Grosse Namen führen Preisliste an

Doch Biedermeier gehört eigentlich gar nicht zu den Designklassikern. Anders als bei Möbeln früherer Epochen zählen hier nicht die Qualität des Holzes, aufwendige Intarsien oder die Verarbeitung, sondern das Design, das Konzept, die Idee. Design ist angewandte Kunst, die meist industriell gefertigt wird. Die Stücke stammen aus dem späten 19., dem 20. oder 21. Jahrhundert.

Wem es auf Wertzuwachs ankommt, der sollte auf grosse Namen achten. Ron Arad, Jean Prouvé, Charlotte Perriand, Pierre Jeanneret, Le Corbusier oder der Australier Marc Newson, dessen «Table Trapèze» Artcurial im Oktober 2015 für 1,3 Millionen Euro verkaufte, führen die Preislisten an. Auch skandinavisches und italienisches Design sowie Bauhaus-Klassiker sind gefragt. Askan Quittenbaum, Inhaber und Geschäftsführer des gleichnamigen Münchner Auktionshauses, stellt fest, dass die Kunden heute deutlich besser informiert sind als früher. «Wer Möbel auch unter Anlagegesichtspunkten kauft, sollte sich gut informieren. Das Internet bietet dazu unzählige Möglichkeiten.» Auch die Anbieter haben sich diesbezüglich angepasst: Das Auktionshaus Auctionata verkauft beispielsweise ausschliesslich online. Man sei eines der am schnellsten wachsenden Online-Unternehmen Europas. Im Design-Bereich ist Auctionata nach eigenen Angaben gerade erst dabei, sich den Markt zu erschliessen.

Burkoff rät Anfängern, regelmässig Galerien, Auktionen und vor allem Messen wie die zweimal jährlich stattfindende Design Miami/Basel zu besuchen, um ein Gefühl für den Markt zu bekommen und sich ein Bild zu machen. Bei der Design Miami/Basel, dem globalen Forum für Design, treffen sich alljährlich im Juni (und im Dezember in Miami) die Crème de la Crème unter den Galleristen, Sammlern, Designern und Kritikern und interessierte «Normalbürger» in Basel. Zu sehen ist Design auf höchstem Niveau – von der Nachkriegsepoche bis in die Gegenwart. Beim zehnjährigen Jubiläum der Messe im Juni wechselte beispielsweise ein Tisch der französischen Designerin Charlotte Perriand für 600000 Euro den Besitz. Angesichts der Vielzahl der Objekte, die etwa auf der Design Miami/Basel angeboten wird, sollte man gerade als Anfänger nicht auf professionelle Beratung verzichten, raten Experten: «Ein Barcelona-Stuhl von Mies van der Rohe aus den Jahren 1929/30 ist viel, viel mehr wert als eine unbekannte Replika eines Herstellers aus den 60er- oder 70er-Jahren», sagt Morrison.

Wichtige Kaufkriterien unter dem Gesichtspunkt eines Wertzuwachses sind ferner eine lückenlose Provenienz, der Zustand (möglichst original und ohne Restaurierung) sowie die Seltenheit eines Objekts. Besonders gefragt sind Prototypen oder Kleinstserien renommierter Designer.

Die Käufer kommen in der Regel aus Europa und den USA. Erst in letzter Zeit seien auch verstärkt Asiaten aktiv, berichtet Emmanuel Bérard, Chef der Abteilung Design bei Artcurial. «Den ­reinen Design-Sammler gibt es fast nicht. Die meisten kaufen auch zeitgenössische Kunst», weiss Galerist Ulrich Fiedler. Das wirft natürlich die Frage auf, ob man solche Objekte auch benutzen darf oder ob man sie, wie Kunstwerke, in speziellen Räumen oder in Museen aufbewahren muss. Fiedler zufolge passiert es natürlich, «dass ein Sammler einen Stuhl kauft, ohne sich ­jemals darauf zu setzen. Er tut dies mit der selben Intention, mit der er ein Bild ersteht – weil es ein wichtiges Stück seiner Sammlung ist.» Doch die Regel ist das selbst bei hochpreisigen Stücken nicht: «Die meisten Käufer benutzen die Möbel auch. Sie wollen mit den Stücken leben», sagt Bérard. «Wir verkaufen ja keine Finanzprodukte.»

Generell müssen Anleger durchaus tief in die Tasche greifen, wenn sie auf Nummer ­sicher gehen wollen. Art Deco ist laut Morrison immer noch sehr gefragt, vor allem im hochpreisigen Segment. Auch wirklich seltene Bauhaus-Stücke gingen sehr gut, seien aber kaum zu finden. Skandinavisches Design sei zwar sehr beliebt, erreiche aber selten sechsstelliges Niveau.

Die Preiskurve für Spitzenobjekte zeigt weiter nach oben. Ende Oktober versteigerte Artcurial im Rahmen der Pariser Kunstmesse Fiac bei der Auktion «Heavy Metall – 20 Design Master­pieces» bedeutende Werke der Design-Geschichte von einigen der ganz ­Grossen. Der «Pod of Drawers, eine Aluminium-Metallkommode von Newson», deren Schätzpreis bei 660000 bis 770000 Euro lag, erzielte einen Preis von 1,02 Millionen Euro. Vergleichsweise günstig war da die «Big M»-Lampe des deutschen Lichtdesigners Ingo ­Maurer: Sie ging für 11 700 Euro weg. Auch das war deutlich über dem Schätzpreis von 4000 bis 6000 Euro.

«Der Markt ist sehr unberechenbar»

Wer da nicht mithalten kann, findet bei den meisten Auktionshäusern oder Galerien schon für einige hundert Euro schöne Designstücke. «Gutes Design ist vielfach zu erschwinglichen Preisen zu erwerben», sagt etwa Askan Quittenbaum. Dann lässt es sich auch leichter verschmerzen, wenn der angepeilte Wertgewinn ausbleibt. Der finanzielle Aspekt sollte nach Ansicht der meisten Anbieter ohnehin nur sekundär sein: «Der Markt ist sehr wechselhaft und unberechenbar. Die Freude und das Gefallen sollten deshalb im Vordergrund stehen», rät Fahl. Denn das gekaufte Objekt soll ja auch das Herz erfreuen.

Die Aluminium-Kommode «Pod of Drawers» von Marc Newson. (Bilder: Christian Beutler/Keystone/Dukas/PD)

Die Aluminium-Kommode «Pod of Drawers» von Marc Newson. (Bilder: Christian Beutler/Keystone/Dukas/PD)

«Table Trapèze» von Marc Newson. (Bild: pd)

«Table Trapèze» von Marc Newson. (Bild: pd)

Liege «LC4» von Le Corbusier. (Bild: Christian Beutler / Keystone)

Liege «LC4» von Le Corbusier. (Bild: Christian Beutler / Keystone)