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INVESTMENT: Warren Buffett – Amerikas liebster Kapitalist

Er ist unter Anlegern schon fast eine Ikone: Warren Buffett lud wieder nach Omaha ein, um das «Woodstock für Kapitalisten» zu feiern. Dieses Jahr ist für ihn ein ganz besonderes.
Renzo Ruf, Washington
Warren Buffett hat viele Gesichter. Eines davon zeigt er beim Ukulelespielen. (Bild: Getty)

Warren Buffett hat viele Gesichter. Eines davon zeigt er beim Ukulelespielen. (Bild: Getty)

Warren Buffett ist kein Mann für Sentimentalitäten. Dies musste vor einigen Monaten ein Immobilienspekulant aus New Bedford erfahren, einer heruntergekommenen Hafenstadt an der Südküste von Massachusetts. Der Spekulant mit dem Namen Roland Letendre kontaktierte Buffett, weil er in den Besitz des ehemaligen Hauptsitzes des Textilunternehmens Berkshire Hatha­way gelangt war – derjenigen Firma also, die dem Konglomerat des Multimilliardärs ihren Namen leiht. Letendre wollte wissen, ob er Interesse am Gebäude habe, in dem ein junger Warren Buffett seinen ersten Coup landete: Vor 50 Jahren, am 14. Mai 1965, wurde der «Raider» zum Verwaltungsratsvorsitzenden von Berkshire gewählt, nachdem der Amtsinhaber aus Protest zurückgetreten war. Die knappe Antwort Buffetts: «Ich wüsste nicht, was ich mit diesem Ort anfangen würde.»

«Monumentaler Fehlentscheid»

Denn die Übernahme von Berkshire Hathaway erwies sich im Nachhinein als Pyrrhussieg. Zwar bezahlte Buffett für den traditionsreichen Betrieb den Schnäppchenpreis von 18 Millionen Dollar. (Im Jahr 1964 wies Berkshire eine Bilanzsumme von 28 Millionen Dollar auf.) Und in den ersten Jahren verdiente der Hauptaktionär in New Bedford derart viel Geld, dass er sich den Versicherungskonzern National Indemnity Company unter den Nagel reissen konnte, das eigentliche Fundament des heutigen Berkshire-Imperiums. Aber bald schon schrieb das Textilunternehmen tiefrote Zahlen. 1985 – viel zu spät, wie Buffett im gleichen Jahr einräumte – zog der Eigentümer den Stecker und verabschiedete sich sang- und klanglos aus der Hafenstadt. Und noch heute bezeichnet der mittlerweile zweitreichste Mann Amerikas den Kauf des Textilunternehmens als «monumentalen Fehlentscheid».

GV beginnt mit Zeitungswerfen

Warren Buffett ist ein praktischer Mann. Deshalb trägt sein Konglomerat auch 30 Jahre nach der Schliessung der Fabrik in New Bedford den Namen Berkshire Hathaway. Eine Umbenennung habe er nie ernsthaft erwogen, sagte er vor einigen Monaten dem «Wall Street Journal». Denn mittlerweile steht der Unternehmensname für eine Geschäftsstrategie, die Buffett viel Geld – geschätztes Privatvermögen: mehr als 70 Milliarden Dollar –, Ansehen sowie Einfluss verschaffte und eine ansehnliche Zahl von Amerikanern reich machte. Gestern Samstag pilgerten deshalb erneut rund 40 000 Aktionärinnen und Aktionäre in die Provinzstadt Omaha (Nebraska), um in Buffetts Wohnort am «Annual Meeting» des Milliardenkonzerns teilzunehmen. Mit einer traditionellen Generalversammlung hat diese Zusammenkunft wenig gemein. (Der statutarische Teil dauert «nur eine halbe Stunde oder so», wie Buffett fast schon stolz sagt.) Vielmehr ist das «Woodstock für Kapitalisten», wie die ganztägige Zusammenkunft auch genannt wird, eine Mischung aus Jahrmarkt, Werbeveranstaltung und Wirtschaftsvorlesung.

Die Versammlung beginnt in den frühen Morgenstunden mit einem Wettbewerb im Zeitungswerfen, einer Disziplin, in der Buffett einen verblüffend grossen Eifer an den Tag legt. «Ich bin ziemlich gut», schreibt er stolz im diesjährigen Aktionärsbrief, schliesslich habe er in seinen Jugendjahren in Washington mehr als 500 000 Zeitungen verteilt, «mein einziger, kurzer Flirt mit ehrlicher Arbeit». Dann folgt ein mehrstündiges Frage-und-Antwort-Spiel in der Sportarena, bei dem sich Buffett (84) und sein Kompagnon Charlie Munger (91) durch ausgewählte Journalisten, Analysten und Anleger löchern lassen – und dabei mehr Sitzleder (und Humor) an den Tag legen als die meisten Anwesenden.

Aktionärsbrief mit Kultstatus

Warren Buffett ist vor allem ein Geschäftsmann, stets darauf bedacht, die Oberhand zu behalten. Deshalb gab er – in seinem Aktionärsbrief, der mittlerweile Kultstatus geniesst – Ende Februar bereits die beiden Themen vor, über die er gestern vor allem sprechen wollte. Da war zum einen die Nachfolgefrage: Buffett liess durchblicken, der Berkshire-Verwaltungsrat habe sich auf die Person geeinigt, die ihn ersetzen werde, sollte er «sterben oder zurücktreten». Einen Namen aber nannte er nicht. Das zweite Thema betraf die Strategie seines Konglomerats. Buffett vollzog in den vergangenen Jahren einen sanften Kurswechsel, der bei Analysten zunehmend für Unruhe sorgt. Grundsätzlich hält sich das «Orakel von Omaha» immer noch an sein Bonmot, wonach er «wunderbare Unternehmen» zu einem «anständigen Preis» ergattere und nicht umgekehrt. Den Auguren ist aber nicht entgangen, dass Buffett immer seltener die Rolle des passiven Investors spielt. Noch vor zwanzig Jahren machten Beteiligungspapiere drei Viertel der Berkshire-Aktivposten aus. Heute sind die Beteiligungen an solch klingenden Namen wie Wells Fargo, Coca-Cola, American Express, IBM und Wal-Mart auf weniger als einen Viertel des Berkshire-Umsatzes gesunken, der 2014 auf fast 195 Milliarden Dollar anstieg. Sein Geld verdient der Mischkonzern stattdessen mit Versicherungen, mit Strom und Gas, Güterzügen, Privatflugzeugen und mit der Herstellung von Baustoffen. Zum Konglomerat gehören zudem schon bald der Nahrungsmittelmulti Kraft Heinz, vier Möbelgeschäfte, 30 Immobilienmakler und 30 Tageszeitungen. Kontrolliert wird diese Ansammlung von 90 weitgehend autonomen Tochtergesellschaften in Omaha, in einer Geschäftszentrale, in der bloss 25 Menschen – Buffett inbegriffen – arbeiten.

Zufluchtsort für Traditionshäuser

Diese Struktur hat zwar zur Folge, dass Berkshire in den vergangenen Jahren nicht mehr derart stürmisch gewachsen ist wie noch in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Aber Buffett preist sein Modell als einen geradezu idealen Zufluchtsort für Familienunternehmen an, die Angst davor haben, ihre Identität zu verlieren. Im aktuellen Jahresbericht schreibt Buffett: Für Unternehmen, die sich unter das Dach von Berkshire flüchteten, seien die Tage vorbei, «in denen sie sich mit Banken und Wall-Street-Analysten herumschlagen müssen». An anderer Stelle wirbt das «Orakel» offen um fusionswillige Unternehmen. «Wir möchten eine Akquisition machen im Bereich von 5 bis 20 Milliarden Dollar», schreibt Buffett. «Wir versprechen umfassende Diskretion und eine sehr schnelle Antwort – üblicherweise innerhalb von fünf Minuten –, falls wir Interesse haben.» Und bezahlen werde Berkshire in bar: Der Mischkonzern sitzt auf Reserven von 63,7 Milliarden Dollar.

Warren Buffett ist eben ein Mann mit vielen Facetten: ein volkstümlich auftretender Investor, der in einfachen Worten (scheinbar) komplexe Zusammenhänge erklärt und deshalb Kultstatus geniesst – und ein knallharter Geschäftsmann, der keine Zeit hat für Sentimentalitäten.

Renzo Ruf, Washington

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