«Ist das Heilmittel schlimmer als das Coronavirus?» Die Trump-Frage und die Antwort für die Schweiz

Die Rechnung für die Schweiz: 70 Milliarden Franken an Kosten. Eine neue Analyse zeigt auf, ob die Kur schlimmer ist als die Pandemie. Die Diskussion nimmt Fahrt auf – auch, weil die finanziellen Folgen einschneidend sind. 

Niklaus Vontobel
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Ein Präsident in der Coronakrise: Donald Trump

Ein Präsident in der Coronakrise: Donald Trump 

Alex Brandon / AP

Irgendwann im Herbst 2019 schaffte im fernen chinesischen Wuhan das Coronavirus Sars-Cov-2 den Sprung auf den Menschen. Nun werden die finanziellen Folgen für die Schweiz klarer. Sie erreichen historische Dimensionen.

Mit den traurigen Rekorden rückt die Frage in den Fokus, die US-Präsident Donald Trump  vertwitterte: «Ist das Heilmittel schlimmer als das Problem?»

Nun gibt’s auch eine erste Kostenschätzung für die Schweiz: 70 Milliarden Franken, verteilt auf die Jahre 2020 und 2021. Auf diesen Betrag schätzt die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) die volkswirtschaftlichen Folgen der Coronakrise.

Ein Fledermaus-Virus bringt die Welt durcheinander

So viel Wert hätten die Güter und Dienstleistungen gehabt, welche die Wirtschaft in einer Welt ohne Coronavirus hätte zusätzlich herstellen können: Das sind Haare, die niemand schneiden konnte. Kaffees, die man nicht zubereiten und verkaufen konnte. Hotelbetten, die leer blieben. Rolex­uhren, die am Luzerner Schwanenplatz nicht verkauft werden.

Es kommt die Schweiz teuer zu stehen, dass ein Virus von Fledermäusen auf den Mensch gesprungen ist. Kosten von 70 Milliarden Franken entsprechen 10 Prozent der wirtschaftlichen Wertschöpfung im letzten coronafreien Jahr. Das ist so viel, wie der Bund im Jahr 2018 total eingenommen hat.

Auch ohne Lockdown wären die Kosten exorbitant gewesen

Die grosse Frage lautet: Wie sind die Kosten entstanden? Durch das Virus selber – oder durch seine Bekämpfung mittels Lockdown? Wenn man eine neue Analyse der KOF anschaut, lautet die Antwort: Der Lockdown war nicht hauptverantwortlich.

Die Rechnung für die Schweiz geht so: Total belaufen sich die Kosten auf 70 Milliarden Franken für 2020 und 2021. Davon entfällt ein Viertel, also 22,5 Milliarden, quasi auf das Heilmittel. Gemeint ist nicht nur der Lockdown selber, sondern alles, was die Schweiz gegen das Virus bisher getan hat und bis Ende 2021 noch tun wird.

Zum Beispiel waren Restaurants zunächst vollständig geschlossen. Nach der Öffnung dürfen sie nur halb so viele Plätze füllen. Frühere Gäste sind noch im Homeoffice. Kinogängerinnen kommen nicht, weil die Kinosäle noch geschlossen sind. Der Kampf gegen das Virus kostet die Restaurants auch nach dem Lockdown-Ende viel Geld.

Die Schweiz ist keine Insel

Doch woher kommt der Löwenanteil der wirtschaftlichen Coronakosten? Etwa 52,5 Milliarden Franken sind importiert. Die Schweiz leidet, weil die Han­delspartner leiden. Deutschland, Frankreich und Italien stehen vor den schwersten Rezessionen ihrer Nachkriegsgeschichte. In den USA bangt Trump um die Wiederwahl, da die Arbeitslosigkeit inzwischen ein Niveau erreicht hat, das nur in der Grossen Depression überboten wurde.

War das Heilmittel weltweit gesehen schlimmer als das Problem? Die trumpsche Frage wird in der jüngsten Wirtschaftsprognose der EU-Kommission diskutiert. Der Lockdown sei ein Schock von beispiellosem Ausmass gewesen. Doch dieses Heilmittel habe wohl grössere Probleme abgewendet.

Es wird auf eine neue Studie verwiesen, die ihr Resultat im Titel trägt: Pandemien würden die Wirtschaft belasten, staatliche Gegenmassnahmen dagegen nicht. Die Autoren haben verglichen, wie es US-Städten in der Spanischen Grippe von 1918 erging. Wo Städte früh und aggressiv eingriffen, starben weniger Menschen und wuchs die Wirtschaft nach der Krise schneller.

Beruflich ist die Coronakrise eine Lotterie

Die Diskussion um das richtige Heilmittel und die richtige Dosierung wird nicht weggehen; dafür sind die Folgen der Pandemie zu gravierend. In der Schweiz wird die Arbeitslosenquote rekordhoch.

Vor Corona waren es noch 4,4 Prozent, nimmt man die Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Zu Beginn des Jahres 2021 werden es 6,1 Prozent sein, so die KOF-Prognose. Höher lag diese Kennzahl noch nie. Wobei die Statistik nur bis Anfang 1991 zurückreicht. Damals lag die Arbeitslosenquote übrigens noch bei 1,6 Prozent.

Und die Kosten fallen ungleich an. Ungleich über die Zeit: 2019 fanden sich Lehrstellen leicht, für 2020 wird ein Einbruch befürchtet. Es werden Tausende von Lehrverträgen weniger unterschrieben.

Es trifft Arm und Reich ungleich, wie eine Studie zeigt. Wer weniger verdient, wird eher arbeitslos. Chefs von Weltkonzernen hingegen haben dank Homeoffice mehr Zeit, um ihre Gesundheit zu pflegen.

Beruflich ist es eine Lotterie: Restaurantbesitzer müssen schliessen, um die Gesundheit von allen zu schützen – zum Beispiel von Rentnern, Staatsangestellten oder Journalistinnen. Doch die Kosten trägt weniger der Rentner oder die Journalistin – sondern vor allem der Restaurantbesitzer selber.

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