ITALIEN: Alitalia kommt unter Zwangsverwaltung

Die konkursreife Airline wird unter die Führung von drei Sonderkommissaren gestellt. Es dürfte einmal mehr staatliches Geld fliessen, um sie am Leben zu erhalten.

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Drei Alitalia-Flugzeuge sind am Römer Flughafen Fiumicino parkiert. (Bild: EPA (Rom, 26. April 2017))

Drei Alitalia-Flugzeuge sind am Römer Flughafen Fiumicino parkiert. (Bild: EPA (Rom, 26. April 2017))

«Der Verwaltungsrat hat von der schwerwiegenden wirtschaftlichen und finanziellen Situation Kenntnis genommen und angesichts fehlender Alternativen den Antrag auf Sonderverwaltung gestellt», schrieb die Alitalia-Führung am Dienstag in einem Communiqué. Der Flugbetrieb sei von diesem Entscheid nicht betroffen und werde «planmässig weitergeführt». Mit dem Antrag auf Zwangsverwaltung durch einen von der Regierung eingesetzten Sonderkommissar gibt die Alitalia-Führung ihre Geschäftsführungsbefugnis ab.

Die italienische Regierung hat gestern umgehend drei Sonderkommissare ernannt: den früheren RAI-Generaldirektor Luigi Gubitosi, den ehemaligen Sonderkommissar des maroden Stahlwerks Ilva, Enrico Laghi, sowie den Luftfahrtexperten Stefano Paleari. Ihre wichtigste Aufgabe wird darin bestehen, einen neuen Sanierungsplan auszuarbeiten und dann einen Käufer für die Alitalia zu finden. Dafür haben die drei laut Gesetz maximal 180 Tage Zeit. Findet sich kein neuer Investor, droht die Liquidation. Während der Unterstellung unter die Sonderkommissare ist die Gesellschaft vor allen Gläubigeransprüchen geschützt. Zum Antrag auf Zwangsverwaltung hat sich die Alitalia-Führung entschieden, weil die Mitarbeiter vor einer Woche in einer Urabstimmung einen neuen Sanierungsplan abgelehnt hatten.

Überbrückungskredit bereits angekündigt

Laut dem Plan hätten 1400 Alitalia-Beschäftigte ihre Stelle verloren, die Löhne wären generell um 8 Prozent gekürzt worden. Im Gegenzug hätten die Besitzer – Alitalia gehört zu 49 Prozent der arabischen Etihad und zu 51 Prozent einem italienischen Investorenkonsortium unter der Führung der beiden Grossbanken Unicredit und Intesa Sanpaolo – weitere 2 Milliarden Euro in die Airline gepumpt.

Nun wird bei Alitalia einmal mehr der Staat einspringen: Der Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Carlo Calenda, hat bereits einen Überbrückungskredit von 300 bis 400 Millionen Euro angekündigt. Die stark defizitäre Alitalia verliert täglich 1 bis 2 Millionen Euro Cash. Noch vor der Urabstimmung der Belegschaft hatten gleich drei Regierungsmitglieder – Premier Paolo Gentiloni, Verkehrsminister Graziano Delrio und Calenda selbst – Staatshilfen an die Alitalia oder eine erneute Verstaatlichung ausgeschlossen. «Ohne den neuen Sanierungsplan kann die Alitalia nicht überleben», hatte Gentiloni unmissverständlich gewarnt. Begründet wurde das Nein zu Staatskrücken damit, dass die Alitalia die Steuerzahler in den letzten zehn Jahren bereits 7,4 Milliarden Euro gekostet habe. Ausserdem seien staatliche Hilfen aufgrund der europäischen Gesetzgebung ohnehin nicht erlaubt.

Sinneswandel wegen Renzi

Inzwischen kommen ganz andere Töne aus dem Römer Regierungspalast. «Alitalia darf nicht von heute auf morgen pleitegehen, weil wir sonst für einen grossen Teil des Landes keine Flugverbindungen mehr hätten. Das wäre ein Schock für das Bruttoinlandprodukt», erklärte Calenda am Wochenende.

Grund für den Sinneswandel war wohl eine Stellungnahme von Ex-Premier Matteo Renzi, der am Sonntag mit grosser Mehrheit als Chef der Regierungspartei PD wiedergewählt worden ist: «Man kann nicht einfach sagen, wir schliessen die Alitalia oder wir zerschlagen sie, nur weil die Angestellten falsch abgestimmt haben – das wäre jenseits von Gut und Böse», erklärte der Ex-Premier.

Als selbsternannter Retter der Alitalia schlüpft Renzi in die Rolle von Ex-Premier Silvio Berlusconi, der 2008 die Übernahme des fliegenden Milliardengrabs durch Air France-KLM verhindert und die Alitalia stattdessen – bei Übernahme sämtlicher Altlasten durch den Staat – an die italienische Investorengruppe verkauft hatte. Diese «Rettung» kostete die Steuerzahler die oben erwähnten 7,4 Milliarden Euro. Wie damals spielen auch heute Wahlkampf-Überlegungen eine zentrale Rolle: Spätestens im Februar 2018 finden in Italien Parlamentswahlen statt – und ein Konkurs der grün-weiss-roten Fluggesellschaft unter der von Renzis Partei geführten Regierung wäre miserable Wahlwerbung für den auf ein Comeback hoffenden Renzi.

 

Dominik Straub, Rom

wirtschaft@luzernerzeitung.ch