Porca miseria!
Italien wird für Schweizer Firmen zum Millionengrab

Ob Emmi, Kuoni oder Swisscom – wieso tun sich Schweizer Grosskonzerne in Italien so schwer?

Thomas Schlittler
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Müll auf dem Marktplatz der sizilianischen Stadt Catania: Viele Schweizer Grosskonzerne finden sich in Italien nicht wirklich zurecht.Nick Hannes/Keystone

Müll auf dem Marktplatz der sizilianischen Stadt Catania: Viele Schweizer Grosskonzerne finden sich in Italien nicht wirklich zurecht.Nick Hannes/Keystone

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Eines vorweg: Italien ist für die Schweiz nach wie vor ein wichtiger Handelspartner. 2013 exportierten Schweizer Unternehmen Waren im Wert von 15 Milliarden Franken ins südliche Nachbarland. Hinter Deutschland und den USA war Italien damit der drittwichtigste Exportmarkt – noch vor Frankreich, Grossbritannien und China.

Allerdings haben die Ausfuhren nach Italien im Verlaufe der letzten zehn Jahre nur um 10 Prozent zugelegt, während sich das gesamte Exportvolumen der Schweiz im gleichen Zeitraum um 39 Prozent erhöhte. Zudem fällt auf, dass sich Schweizer Grosskonzerne in Italien immer wieder die Finger verbrennen: Emmi verkaufte letzte Woche den norditalienischen Joghurthersteller Trentinalatte, weil das 2006 erworbene Familienunternehmen die Erwartungen nicht erfüllen konnte.

Verlustgeschäft

Der Milchverarbeiter Emmi verkaufte letzte Woche den norditalienischen Joghurthersteller Trentinalatte. Das 2006 für 41 Millionen Franken erworbene Familienunternehmen hatte die Erwartungen nicht erfüllen können. In der ersten Jahreshälfte 2014 hatte Emmi deshalb die Produktionsanlagen von Trentinalatte vollumfänglich abschreiben müssen.

Nach jahrelangen Verlusten schloss Kuoni im letzten Jahr den Ausstieg aus den Reiseveranstalteraktivitäten in Italien ab. Auch Hotelplan schreibt in Italien seit Jahren Millionenverluste. Die Migros-Tochter hat zwar eine umfassende Restrukturierung durchgeführt – allerdings mit mässigem Erfolg. Auch 2013 verlor Hotelplan in Italien viel Geld.

Swisscom kaufte 2007 den italienischen Breitbandanbieter Fastweb für 6,9 Milliarden Franken. Weil sich das Geschäft schlechter entwickelte als erhofft, musste der Unternehmenswert 2011 um 1,3 Milliarden abgeschrieben werden. In den letzten Monaten ging es mit Fastweb zwar etwas bergauf – vergessen ist der Milliardenabschreiber aber noch nicht.

Alpiq musste die Minderheitsbeteiligung an der italienischen Edipower 2012 zu einem derart schlechten Preis verkaufen, dass ein Abschreiber von 435 Millionen Franken resultierte. Axpo wiederum kostete der Ausstieg der Tochtergesellschaft EGL aus einem Gas-Kombikraftwerk-Projekt in Italien im Jahr 2010 50 Millionen Franken.

Unterschiedliche Probleme

Sind die vielen kostspieligen Italien-Abenteuer nur Zufall, oder steckt mehr dahinter? Das Urteil der grossen Schweizer Reisekonzerne lässt Letzteres vermuten: «Die Arbeitsgesetze sind komplex und nicht gerade unternehmerfreundlich», klagt Hotelplan-Sprecherin Anja Dobes. Die Gewerkschaften hätten eine ungesunde Macht und blockierten sämtliche Reformen. «Zusätzlich ist im Tourismus die Produktivität wesentlich tiefer als in der Schweiz, da der technische sowie der Ausbildungsstandard weniger fortgeschritten ist», so Dobes weiter.

Trotz allem sieht Hotelplan in Italien weiterhin Potenzial. Die Migros-Tochter hat dem Land deshalb die Treue gehalten – im Gegensatz zu Kuoni. Der grösste Schweizer Reisekonzern ist letztes Jahr aus dem italienischen Reiseveranstaltergeschäft ausgestiegen. «Wir verfügten in Italien nicht über die nötige Grösse, um das Geschäft nachhaltig profitabel betreiben zu können», begründet Kuoni-Sprecher Peter Brun den Entscheid. Auch er kennt die langwierigen und komplizierten Gespräche mit den Gewerkschaften. «Dadurch können die Geschäftsmodelle nicht schnell genug angepasst werden – insbesondere wenn der Markt einen schnellen Turnaround erfordert», so Brun.

Bei Emmi fiel der Entscheid zur Reduktion des Italien-Engagements aufgrund der schlechten Konjunkturprognose: «In Italien ist keine Besserung in Sicht», sagt Sprecherin Sibylle Umiker. Für Emmi sei Italien deshalb auf absehbare Zeit kein interessanter Markt – weder für vor Ort produzierte Nahrungsmittel noch für Exportprodukte aus der Schweiz.

Optimistischer in Richtung Süden blickt Swisscom: «Selbst wenn die Wachstumsaussichten von Fastweb in der Vergangenheit wegen der wirtschaftlichen Situation einmalig korrigiert werden mussten, sind wir überzeugt, dass auch in Italien der Bedarf nach immer leistungsfähigeren Netzen permanent steigen wird», sagt Sprecher Carsten Roetz. Mit der Leistung von Fastweb sei man angesichts des Umfelds sehr zufrieden. Vielsagend fügt
Roetz allerdings hinzu: «Für den allgemein schwachen italienischen Markt können die Mitarbeitenden und das Management von Fastweb nichts.» Zu den Verkaufsgerüchten schweigt Swisscom.

Mangelhafte Zahlungsmoral

Die Schweizer Energiekonzerne wiederum wollen gar nichts von einer Italien-Krise wissen. Bei Alpiq heisst es, die Redimensionierung einzelner Aktivitäten in Italien habe weniger mit dem Land selbst als mit einer neuen Strategie des Unternehmens zu tun. Und bei Axpo gerät man bezüglich Entwicklung des Italien-Geschäfts geradezu ins Schwärmen. Grundtenor bei beiden Energieunternehmen: Die Verluste in der Vergangenheit waren lediglich Ausrutscher.

Die Gründe für die unerfreulichen Erfahrungen von Schweizer Grosskonzernen in Italien sind also vielfältig. KMU beklagen dagegen oft dieselben Probleme: einerseits die mangelhafte Zahlungsmoral italienischer Kunden – nicht zuletzt des Staates. Und zudem die Handelshemmnisse für Schweizer Produkte, weil die italienische Regierung die Schweiz als Steuerparadies einstuft.