IV: Luzern leistet Pionierarbeit

Luzern geht bei der Prüfung der komplexen IV-Gesuche neue Wege. Und gelangt dabei zu erstaunlichen Ergebnissen. Auch der Bund zeigt daran mittlerweile Interesse.

Dominik Buholzer
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Bei komplexen Gesuchen setzt die IV-Stelle Luzern auf zusätzliche Abklärungen, darunter auch eine Untersuchung der Hirnströme. Wie diese in etwa abläuft, zeigt dieses Bild aus einem Test in den USA. (Bild: Keystone/Dan Dunkley)

Bei komplexen Gesuchen setzt die IV-Stelle Luzern auf zusätzliche Abklärungen, darunter auch eine Untersuchung der Hirnströme. Wie diese in etwa abläuft, zeigt dieses Bild aus einem Test in den USA. (Bild: Keystone/Dan Dunkley)

Was, wenn auch das x-te Gutachten keine Klarheit bringt? Im Regionalärztlichen Dienst Zentralschweiz (RAD) bei der IV Luzern setzt man in solchen Fällen seit vergangenem Jahr zusätzlich zur eingehenden psychiatrischen Untersuchung auf neuropsychologische Tests – ein Novum in der Schweiz.

Die Patienten müssen unter Zeitdruck Denk- und Leistungstests zur Beurteilung der Hirnfunktionen lösen. Zusätzlich erfolgt eine Untersuchung mit Ableitung von Hirnströmen (so genannte Event Related Potentials, ERP). Mit diesen Tests öffne sich den Ärzten ein Fenster zum Hirn, sagt Peter Balbi, leitender Arzt des Regionalärztlichen Dienstes der Zentralschweiz: «Bei psychisch kranken Menschen sind im Gehirn ganz spezielle Muster zu beobachten.» Und Horst-Jörg Haupt, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie des RAD Zentralschweiz, betont: «Bei psychologischen Tests ist man auf die Mitarbeit der versicherten Person angewiesen. Die Hirnströme können sie aber nicht beeinflussen.» Durch diese zusätzliche Untersuchungsmethode lässt sich besser abgrenzen, inwieweit eine psychische Störung effektiv vorhanden ist oder allenfalls übertreibend dargestellt wird.

Das macht auch Sinn. Die mit Abstand häufigste Invaliditätsursache in der Schweiz sind psychische Krankheiten. Sie machen 60 Prozent aller neuen Renten aus; im Jahr 2012 war dies bei 8000 Personen der Fall. Geburtsgebrechen und Unfälle spielen eher eine untergeordnete Rolle. Dies bereitet Donald Locher, Direktor der Luzerner IV-Stelle, Sorgen: «In der Schweiz stellen wir in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme an psychisch bedingten IV-Renten fest», sagt er.

Das geht ins Geld. Ganz anders die Entwicklung im OECD-Raum. Hier ist die Anzahl Renten aufgrund von psychischen Erkrankungen seit Jahren stabil. Deshalb entschloss sich die IV Luzern vor zwei Jahren, bei komplexen Fällen neue Wege zu beschreiten. Und ist damit sehr gut gefahren, wie Donald Locher betont. Er sehe keinen Grund, die Übung abzubrechen – auch wenn die IV mit ihrem neuen Verfahren bei der Psychiatrie zum Teil auf Skepsis stösst.

Insgesamt 60 solcher zusätzlichen Abklärungen hat die IV Luzern 2013 erstellt. Die Ergebnisse sorgten selbst bei den Verantwortlichen für Erstaunen. «Es gibt nicht nur etliche Leute, die eine psychische Erkrankung übertreibend darstellen oder gar vortäuschen, es gibt ebenso welche, die untertreiben», sagt Donald Locher (siehe Interview). Das heisst, die betreffenden Personen waren sich des Ausmasses ihrer Erkrankung nicht bewusst, und es wurde eine stärkere Funktionseinschränkung festgestellt, als von der versicherten Person wahrgenommen wurde.

Angaben sind viel genauer

Für Peter Balbi liegen die Vorteile auf der Hand: «Bei solchen komplexen Fällen erhalten wir durch den Einsatz von Validierungsverfahren viel genauere Angaben, als wenn wir ein weiteres Gutachten erstellen lassen. Denn systembedingt kommen psychiatrische Gutachten ohne Zusatzuntersuchungen bei komplexen Fällen an ihre Grenzen», gibt er zu bedenken. Mit 60 zusätzlichen Abklärungen wurde erst ein Anfang gemacht. Ausbaupotenzial ist genügend vorhanden. Heute lässt die IV Luzern jährlich insgesamt bis zu 500 Gutachten durch Externe erstellen.

Beim Bund verfolgt man die Entwicklung in Luzern mit Interesse. «Wir begrüssen den Einsatz von Symptom- und Beschwerdevalidierungsverfahren», sagt Peter Eberhard vom Bundesamt für Sozialversicherungen. Die Wissenschaft habe im Bereich der Symptomvalidierung in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte gemacht. «Deshalb wird auch der Einsatz von solchen Methoden immer attraktiver», so Eberhard weiter. Allerdings dürfe dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass solche Tests als Ergänzung zu verstehen seien und nie die ärztlichen und anderweitigen psychologischen Abklärungen ersetzen könnten. Die Tests müssen wissenschaftlich breit anerkannt sein. Schliesslich sei bei einem diagnostizierten psychischen Leiden generell auch die adäquate medizinische Behandlung sehr wichtig.

Bonus: Ein Video zu dem Thema finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/bonus.