Wie die Digitalisierung den Welthandel verändert

Digitale Technologien seien eine Riesenchance für mehr Wohlstand auf dem Globus, glaubt die Welthandelsorganisation WTO. Sie hofft, selber Teil der Revolution zu werden.

Daniel Zulauf
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Im Logistikzentrum des Online-Riesen Amazon im deutschen Leipzig. (Bild: Jens Meyer/Keystone, 19. November 2015)

Im Logistikzentrum des Online-Riesen Amazon im deutschen Leipzig. (Bild: Jens Meyer/Keystone, 19. November 2015)

«Ändere dich selbst, aber versuche nicht, die technologische Entwicklung zu ändern». Jack Ma, Gründer der Online-Handelsplattform Alibaba, ist ein feuriger Befürworter der Globalisierung. Wen wundert’s? Der ehemalige Englischlehrer ist mit seinem Geschäft Milliardär geworden. Am Mittwoch war der Selfmade-Unternehmer Stargast am jährlichen Forum der Welthandelsorganisation WTO in Genf.

Das Forum ist die grösste Veranstaltung, an der die WTO öffentlich die Werbetrommel für ihre Ziele rührt. Diese nehmen sich nicht gerade bescheiden aus: Angestrebt wird die Erhöhung des weltweiten Lebensstandards bei gleichzeitiger Vollbeschäftigung der Bevölkerung und einer optimalen Nutzung der Ressourcen. Zudem verpflichten sich die über 160 Mitgliedländer, in ihrer Handelspolitik speziell die besonderen Bedürfnisse der Entwicklungsländer zu berücksichtigen. Allerdings: Die Wirklichkeit steht in einem offensichtlichen Kon­trast zu diesen Zielen.

Tiefere Kosten dank Digitalisierung

Die 2001 von den Entwicklungsländern an der Konferenz von Doha geforderte Aufhebung der Agrarsubventionen in den reichen Industriestaaten sind bis heute nur zu einem kleinen Teil umgesetzt. Von einer optimalen Nutzung der Ressourcen kann mit Blick auf die fortschreitende Klimaerwärmung auch keine Rede sein. Immerhin führte der Abbau eines Grossteils der Zollschranken in den Gütermärkten nach dem zweiten Weltkrieg zu einer starken Zunahme des Welthandels, was die Spezialisierung der Wirtschaft in vielen Ländern stark begünstigte und über eine Erhöhung der Produktivität zu mehr Wohlstand führte.

Doch diese Früchte der Globalisierung wurden sowohl zwischen den Industrieländern und den Entwicklungsländern wie auch innerhalb der Industrieländer ungleichmässig verteilt. Das Ergebnis sind die aktuellen internationalen Handelsstreitigkeiten. In einer Welt mit weit offenen Märkten sähe die Zukunft für alle viel besser aus, behauptete Jack Ma und trat mit dieser Meinung quasi als Kronzeuge der WTO auf. Diese schreibt in ihrem jährlichen «World Trade Report», der am Mittwoch veröffentlicht wurde, die Digitalisierung habe das Potenzial, den Welthandel bis 2030 um jährlich 2 Prozent anzukurbeln.

Haupttreiber einer solchen Entwicklung seien tiefere Kosten für den Handel. Dabei wird zum Beispiel angenommen, dass mehr Güter mit Hilfe von 3D-Druckern lokal produziert werden können und somit Transport-, und Logistikkosten wegfallen. Die fortschreitende Automatisierung und Robotisierung der Produktion schafft in der Logik des WTO-Berichtes allenthalben beträchtliche Einsparungen. Die digitale Revolution werde auch zu einem geringeren Verkehr von Gütern, dafür zu einem grösseren Handel mit Dienstleistungen führen. Der Anteil der Dienstleistungen am Welthandel werde sich bis 2030 von 21 Prozent auf 25 Prozent erhöhen, prognostiziert die WTO.

Gewaltige Verschiebungen auf den Arbeitsmärkten

Zu den mithin grössten Nutzniessern dieses neuen Musters im Welthandel würden die kleineren und mittleren Firmen gehören – namentlich auch in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Diese könnten ihren Anteil am Welthandel von derzeit 46 Prozent auf 57 Prozent ausweiten, sofern sie über zuverlässige Anschlüsse an die digitalen Technologien verfügten.

Die WTO stützt sich in ihren Projektionen auf bestehende Studien. So schätzt die Welthan­dels- und Entwicklungskonferenz Unctad, dass der Onlinehandel allein in den Jahren 2013 bis 2015 um 56 Prozent auf 25 Billionen Dollar zugenommen hat. Selbstredend bergen solche Veränderungen das Potenzial für gewaltige Verschiebungen auf den Arbeitsmärkten. Die WTO verhehlt nicht Befunde, nach denen die Globalisierung schon jetzt den Verlust von bis zu einem Viertel aller Industriejobs in den USA bewirkt habe. Viele Prognosen gehen von einer massiven Beschleunigung dieser Entwicklung mit unabsehbaren Folgen für die Betroffenen aus. Unbestritten ist auch, dass die Globalisierung die Nachfrage nach höher qualifiziertem Personal ankurbelt und niedrig qualifizierte Arbeitskräfte oft auf der Strecke bleiben.

Doch aufhalten lasse sich die mit der digitalen Revolution unvermeidlich fortschreitende Globalisierung nicht. Umso wichtiger sei es, dass die Entwicklung im Rahmen der Welthandelsordnung so gesteuert werde, dass sie möglichst viele Gewinner und wenig Verlierer hervorbringe.

Eine potenzielle Verliererin ist dabei die WTO selber. Wenn ihre eigenen Projektionen tatsächlich eintreffen sollten, ohne dass sie einen signifikanten Einfluss darauf nehmen könnte, dürfte die Organisation endgültig in die Bedeutungslosigkeit absinken. Umso mehr muss die WTO hoffen, dass sie von ihren Mitgliedern als Plattform genutzt wird, auf der die Rahmenbedingungen für die digitale Revolution gesetzt werden. Umstrittene Bereiche gibt es genug: Zum Beispiel die Gestaltung eines für alle Länder fairen Wettbewerbsrahmens oder die Chancengleichheit im Umgang mit geistigem Eigentum oder auch die Standards bei Themen wie Datenschutz und Cybersecurity.