Demonstrationen in der Schweiz
Die Misérables von heute: Wie 1832 in Paris folgt auf Pandemien oft ein Wandel – kommt eine «neue Ära der Sozialwerke»?

Eine OECD-Umfrage zeigt: In der Coronakrise hat in der Schweiz jeder vierte Geldprobleme. Eine Mehrheit will, dass ihr der Staat mehr hilft.

Niklaus Vontobel
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Demonstration in den Strassen von Chur: Ohne Barrikaden wie 1832 in Paris, aber auch als Reaktion auf eine Pandemie.

Demonstration in den Strassen von Chur: Ohne Barrikaden wie 1832 in Paris, aber auch als Reaktion auf eine Pandemie.

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Wofür stehen die Demonstranten, die in diesen Coronazeiten öfter in schweizerischen Städten zu sehen sind? Manche halten sie für ein vorübergehendes Phänomen, ohne grossen Rückhalt in der Bevölkerung. Historische Analysen hingegen zeigen, dass die Demonstrationen grössere Folgen nach sich ziehen könnten. Denn nach Pandemien entstehen oft neue soziale Strömungen, die einen Wandel mit sich bringen. Und eine Umfrage zeigt, dass auch in der Schweiz die Sorgen gross sind und sich zu Volkszorn verkehren könnten.

Die Demonstrationen wären dann eine Schweizer Spielart von dem, was zum Beispiel im Jahre 1832 in den Strassen von Paris geschah. Damals kam es nach einer Cholera-Pandemie in den verbarrikadierten Strassen von Paris zu Massendemonstrationen gegen die Regierung – und zu Szenen, die Victor Hugo in seinem Roman «Les Misérables» verewigte. Die Demons­tranten wären dann die «Elenden» von heute.

Die Geschichte der Menschheit ist voll von Krankheitsausbrüchen wie im Paris vom 1832, die Gesellschaften veränderten. Das wird in einer Studie aufgezeigt, die Experten des Internationalen Währungsfonds verfasst haben. Von der Justinianischen Pest im Oströmischen Reich über den Schwarzen Tod bis zur Grippeepidemie von 1918 – immer zeigt sich ein ähnliches Muster:

«Solche Ausbrüche beeinflussen die Politik, untergraben soziale Ordnungen oder führen in einigen Fällen gar zu sozialen Unruhen.»

Wie die Stimmung in der heutigen Pandemie ist, das wollte der Länderverein OECD wissen. Seine Ökonomen haben in rund 20 Staaten gefragt, welche Sorgen die Menschen beschäftigen und welche Reformen sie haben wollen. Die Studie trägt den Titel «Die grosse Reichweite von Covid-19» und zeigt gemäss OECD ein unschönes Bild. Zwar bewege sich die Welt auf das Ende der Gesundheitskrise zu, doch könne eine Verletzung zurückbleiben: Eine grosse Verunsicherung, ob das Geld in den nächsten Jahren reichen wird.

Grosse Verwerfungen würden sich in der Umfrage zeigen, hält die OECD fest. Mehr Menschen hätten Angst, um ihre Gesundheit und um ihre Finanzen. Inmitten dieser Ungewissheit würden viele zum Staat blicken. Eine grosse Mehrheit der Befragten findet gemäss der Umfrage, der Staat müsse mehr tun für ihr Wohlergehen. Und, so die Experten: «Jene, die in der Krise finanziell gelitten haben, fordern verständlicherweise eine bessere Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung.»

Bereits wird zu liberaler Gegenwehr aufgerufen

Auch in der Schweiz könnte sich etwas anbahnen. So wird das aus gegensätzlicher Perspektive an den politischen Polen gesehen. Walter Kielholz, langjähriger Präsident beim Rückversicherer Swiss Re und geübter Strippenzieher in der Wirtschaftselite, rief in einem Interview mit CH Media zur liberalen Gegenwehr auf:

«Es kann nicht sein, dass sogenannte progressive Kräfte die Pandemie ausnutzen, um die Gesellschaft staatsabhängig zu machen. Das braucht Gegenwehr von Liberalen ebenso wie von Konservativen.»

Auf der politischen Gegenseite warnte der Gewerkschaftschef Pierre-Yves Maillard ebenfalls. «Diejenigen, die in der Krise keine Einkommenseinbussen erlitten oder keine Angst um ihre Stelle haben mussten, tun sich manchmal schwer, diese Wut und das starke Gefühl der Ungerechtigkeit zu verstehen, das in grossen Teilen der Bevölkerung herrscht.» Und natürlich will Maillard mehr Staat und mehr Umverteilung. Der Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes forderte jüngst in einer Rede eine «neue Ära der Sozialwerke».

Maillard wie Kielholz werden durch die OECD-Umfrage bestätigt. Selbst in der konservativen Schweiz sprechen sich 51 Prozent und damit die Mehrheit für «mehr» oder gar «viel mehr» staatliche Hilfe aus. Gefragt wurden sie: «Soll der Staat für Ihre wirtschaftliche und soziale Sicherheit künftig weniger, ungefähr gleich viel, oder mehr tun?». Mit 51 Prozent ist der Ruf nach mehr Staat in der Schweiz zwar leiser als in Deutschland, aber lauter als in Dänemark.

Heute weiss niemand, welche Folgen die aktuelle Pandemie noch haben wird. Die Schweiz ist noch immer jenes Land, über das Albert Einstein einst scherzte: «Im Falle eines Atomkriegs gehe ich in die Schweiz; dort findet alles zwanzig Jahre später statt als anderswo.» Zugleich gilt, was Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt sagt: «Es gibt kein Land auf der Welt, wo der Weg von der Volksempörung zum Verfassungsartikel so kurz ist.»

Auch in der reichen Schweiz leiden grosse Teile der Bevölkerung unter Geldsorgen. Über 10 Prozent mussten mit einem Jobverlust fertig werden. Fast die Hälfte hat bei der Arbeit irgendeinen Rückschlag erlitten. Die Betroffenen mussten Kurzarbeit leisten, oder ihnen wurde der Lohn gekürzt. So wurden Geldsorgen auch hierzulande zu einem weitverbreiteten Phänomen. Ein Viertel der Befragten hatte irgendwann in der Krise nicht mehr genug Geld und musste sich behelfen. Sie mussten auf die Altersvorsorge zurückgreifen oder konnten eine Rechnung nicht zahlen. Andere gaben an, sie hätten Geld leihen müssen von Freunden oder Verwandten. In den extremsten Fällen mussten sie hungern, weil sie sich kein Essen leisten konnten. 3 Prozent gaben an, derart in der Bredouille gewesen zu sein. Und 1 Prozent verlor das eigene Zuhause, weil es die Miete nicht zahlen konnte. Solche Sorgen hatten in Deutschland oder Dänemark weniger Befragte.

In den USA hat Biden den Wandel schon begonnen

In der Geschichte gab es viele Wege, über die Pandemien einen Wandel bewirkten, so die Experten des Währungsfonds. Oft legten sie Probleme offen. Das waren Löcher in den sozialen Auffangnetzen. Der Staat erwies sich als unfähig, das Vertrauen in ihn litt, weil die Massnahmen gegen die Pandemie als übertrieben erachtet wurden. Oder es traf vor allem die ärmeren Schichten, was die Ungleichheit verschärfte. In den USA etwa nutzt der neue Präsident die Pandemie bereits, um eine Ära des «big government» einzuleiten. Joe Biden will 6 Billionen Dollar ausgeben.

Big Government à la Joe Biden auch in der Schweiz?

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Alex Brandon / AP

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