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JAPAN: Mobbing gegen werdende Mütter – ohne Rücksicht auf Verluste

In Japans Arbeitsalltag herrschen archaische Zustände: Schwangere und junge Mütter werden oft beschimpft und diskriminiert. Jetzt will der Staat das Mütter-Mobbing unter Strafe stellen. Nicht ganz uneigennützig.
Angela Köhler, Tokio
Junge Berufseinsteigerinnen an einer Job-Messe. (Bild: Yuya Shino/Reuters (Tokio, 20. März 2016))

Junge Berufseinsteigerinnen an einer Job-Messe. (Bild: Yuya Shino/Reuters (Tokio, 20. März 2016))

Als die Politikerin Takako Suzuki glücklich ihre Schwangerschaft verkündete, tobte in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung. Die 32-jährige Abgeordnete des Unterhauses wurde massiv beschimpft, ihre Pflichten und Verantwortung als Volksvertre­terin zu ignorieren. Das in den Netzwerken aktive Volk verlangte mehrheitlich einen sofortigen Rücktritt aus allen Ämtern.

Nicht nur öffentliche Personen ernten Häme. Berufstätige Japanerinnen, die ein Baby erwarten, müssen oft hart im Nehmen sein. Arbeitskollegen und -kolleginnen reagieren auf die Nachricht vom freudigen Ereignis vielfach abweisend und beleidigend. Die Schwangerschaft würde nur Probleme in der Firma bringen. Meist verbinden Chefs damit die Aufforderung, schnell zu kündigen. Die eigene Frau habe man selbstverständlich auch dazu gebracht, nach der Geburt zu Hause zu bleiben. Frauen werfen werdenden Müttern vor, gierig «alles» zu wollen, Kind und Beruf seien nicht vereinbar. Oft müssen sich Frauen vor versammeltem Team dafür entschuldigen, dass sie schwanger sind. In extremen Fällen werden sie aufgefordert, abzutreiben.

Obwohl Japan dringend gleichermassen Babys und berufstätige Frauen bräuchte, herrschen im Arbeitsalltag archaische Denkmuster und Umgangsformen. Die Diskriminierung von erwerbstätigen Schwangeren und Müttern am Arbeitsplatz hat mittlerweile sogar einen eigenen Begriff: Matahara – eine Verkürzung des englischen Begriffs «Maternity Harassment» – Mutterschafts-Mobbing. Es ist nicht nur das alte Rollenverständnis, das zu uner­träglichen Belastungen führt, sondern auch der Workaholic-Alltag in Japan, der von allen lange Arbeitszeiten verlangt, ohne jede Sonderbehandlung für Schwangere. Bei aller anerzogenen Demut begehren immer mehr Frauen gegen diese Diskreditierung auf. «Matahara Net», eine Gruppe von Frauen, hat Fälle dokumentiert und auf die Missstände aufmerksam gemacht. Gründerin Sayaka Osakabe erlitt selbst zwei Fehlgeburten. Sie sagt, extremer Stress durch die Anfeindungen am Arbeitsplatz seien ein wesentlicher Grund dafür gewesen. Eine Mitarbeiterin von Matahara Net berichtet, sie habe gemeinsam mit ihrem Freund einen begehrten Job bei einer grossen Bank bekommen. Als sie schwanger wurde, drohte der Manager, die Karriere auch ihres Freundes zu «vernichten», wenn sie das Baby bekomme. Sie liess es abtreiben. Zu den Frauen, die mittlerweile über die Schikanen sprechen, gehört auch Krankenpflegerin Yukari Nishihara. Als die Schwangere ihren Vorgesetzten um körperlich weniger anstrengende Arbeit bat, passierte das Gegenteil. Sie musste Patienten baden und auf Rollstühle hieven. «Die Aufgaben liefen auf eine Fehlgeburt hinaus.» Viele Schwangere berichten von massiven Herabstufungen und erheblichen finanziellen Kürzungen.

Japan braucht dringend Arbeitskräfte

Lange war das Thema tabu. Nun aber setzt die Regierung von Premierminister Shinzo Abe vor allem auf die Frauen. Japan braucht dringend Arbeitskräfte, und da die konservative Gesellschaft keine Ausländer ins Land holen will, ist die Integration der weiblichen Bevölkerung ein Hauptpfeiler der Wirtschaftspolitik. Gleichzeitig altert die Gesellschaft rapide. Abe will die Bevölkerungszahl von derzeit knapp 125 Millionen über der 100-Millionen-Marke halten. Dafür wäre eine Geburtenrate von mindestens 1,8 notwendig, wie sie zuletzt 1984 erreicht wurde. Die jüngste Statistik weist 1,42 Prozent aus. Anreize wie Kindertagesstätten und bessere Arbeitsbedingungen sollen es richten.

Beim Thema Mütter-Mobbing stellte sich die Politik bisher jedoch taub. Zwar entschied ein Oberstes Gericht 2014 erstmals, dass die berufliche Herabstufung aufgrund einer Schwangerschaft illegal sei. Aber erst jetzt will die Regierung auch verbale Entgleisungen gerichtlich ahnden.

Angela Köhler, Tokio

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