«Jeder Firmeninhaber soll sich genau überlegen, ob er den Kredit wirklich will» - So bewältigt eine Bankerin den Ansturm auf das Hilfspaket des Bundes

Das grösste Hilfsprogramm der Schweiz lief an. Der Ansturm auf die Notkredite war riesig. Einblick in die Kreditvergabe bei der Aargauischen Kantonalbank.

Daniel Zulauf
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Melek Ates, Bankerin bei der Aargauischen Kantonalbank.

Melek Ates, Bankerin bei der Aargauischen Kantonalbank.

«Wir erleben einen historischen Tag», sagt Melek Ates. Die Bankerin aus dem Aargau ist gerade dabei, die ersten Firmenanträge entgegenzunehmen zunehmen, die im staatlich garantierten Sicherheitsnetz gelandet sind. Es ist Donnerstagmorgen. Seit wenigen Stunden steht den rund 600000 kleinen und mittleren Unternehmen im ganzen Land das Portal für Anträge auf kurzfristige Liquiditätshilfen weit offen. Bis 500000 Franken sind die staatlich garantieren Kredite gratis, für Ausleihungen von bis zu 20 Millionen Franken erheben die Banken einen Zins von durchschnittlich weniger als ein Prozent, weil sie immerhin 15 Prozent des Risikos selbst tragen.

Es ist elf Uhr und bei Melek Ates sind bereits rund 100 Kreditanträge eingegangen. Alles elektronisch. Es muss schnell gehen. Die Chefin verteilt die Anträge auf ihr siebenköpfiges Team. Es wird geprüft, ob die Antragssteller die auf dem Formular gestellten Fragen vorschriftsgemäss abgehakt haben und rechtsgültig unterzeichnet haben. Mit der Unterschrift akzeptiert der Antragssteller die Bedingungen des Kredits. «Die Selbstdeklaration ist sehr wichtig», sagt Ates: «Jeder Firmeninhaber soll sich genau überlegen, ob er den Kredit wirklich will, denn nachher ist er in seiner unternehmerischen Freiheit eingeschränkt.» Keine Dividendenausschüttung, keine Rückzahlung von Aktionärsdarlehen, keine langfristigen Investitionen – viele Transaktionen, die zu einer Verschiebung des Risikos zu Ungunsten des Bürgschaftsgebers führen, sind dann nicht mehr erlaubt.

Bankerin glaubt nicht, dass viele den Beschiss versuchen werden

Selbstredend müssen die Firmen auch deklarieren, dass sie sich nur einmal mit einem Gratiskredit bedienen. Ates glaubt nicht, dass viele den Beschiss versuchen werden. «Immerhin müssen sie uns vom Bankgeheimnis entbinden. Der Bund könnte sich nach der Krise also Jahresabschlüsse der Firmen und die Kontoauszüge zuschicken lassen und Prüfungen vornehmen.» Es sei ein gutes Gefühl, den Kunden in einer schwierigen Lage eine konkrete Hilfeleistung anbieten zu können, sagt Ates. Allerdings weiss sie auch, dass nicht jede Not unverschuldet ist. Soeben hat sie einen ersten Kreditantrag abgewiesen. Dazu sind die Banken ermächtigt – ohne Angabe von Gründen. Der Abgewiesene ist ein Unternehmer mit überhöhter Risikobereitschaft. «Er hat Ratschläge, dass er auch eine Sicherheitsreserve in der Hinterhand halten muss, immer in den Wind geschlagen. Jetzt ist er wieder am Anschlag.»

Viele Unternehmer gingen sehr sorgsam um mit dem Geld, weiss Ates. «Manche sagen uns, wenn einer ein paar Monate nicht durchhalten kann, verdient er auch keine Rettung.» Auf eine Wertung dieser Feststellung will sich Ates nicht einlassen. Stattdessen sagt sie, wenn die Pandemie nicht zu lange dauert, dürften die Schäden einigermassen überblickbar und verkraftbar bleiben. Diesen Optimismus hat die gebürtige Seconda quasi in den Genen. Als sie in jungen Jahren in der Türkei als Bankerin arbeitete, befand sich der Kurs der türkischen Lira im freien Fall. Geschäftsbanken, die sich bei der Zentralbank über Nacht Geld borgen müssten, zahlten dafür 1000 Prozent Zins. «Eines meiner ersten Geschäfte, das ich in der Schweiz machen durfte, war der Abschluss einer zehnjährigen Festhypothek. In solchen Zeiträumen denken in der Türkei nur wenige» sagt sie dazu mit einem Lachen.