Reiche Länder hamstern Coronaimpfstoffe, arme Länder bleiben zurück – eine gefährliche Strategie

Reiche Länder wie die USA sichern sich 700 Millionen Impfdosen. En Epidemiologe fordert, dass sich die Schweiz für eine gerechte Verteilung einsetzen soll.

Andreas Möckli
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Zahlreiche Firmen und Forscher arbeiten mit Hochdruck an der Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus.

Zahlreiche Firmen und Forscher arbeiten mit Hochdruck an der Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus.

Bild: iStockphoto

Jedes Land ist sich selbst am nächsten. Das gilt zumindest für viele reiche Länder, die sich bei verschiedenen Herstellern mit Impfungen gegen Corona eindecken. Namentlich die USA, die EU und Grossbritannien haben mittels Vorkaufsverträgen Hunderte Millionen Impfdosen gesichert. Vorkaufsverträge deshalb, weil bislang noch gar nicht klar ist, ob und welche Impfstoffe schliesslich wirksam sind und von den Behörden zugelassen werden.

Nun hat auch die Schweiz zugeschlagen. Der Bund hat sich 4,5 Millionen Impfdosen der US-Biotechfirma Moderna gesichert (siehe Box). Die Firma will mit Hilfe der Basler Pharmazulieferin Lonza jährlich 500 Millionen Dosen herstellen. Der Bund steht mit weiteren Herstellern in Kontakt. Alle Länder wollten einen Vertrag haben für einen Impfstoff, sagte Pascal Strupler, Direktor des Bundesamt für Gesundheit, diese Woche. Es gehe schliesslich nicht anders.

«Wer will sich denn in einem Jahr vorwerfen lassen, den erfolgreichen Abschluss der Entwicklung eines Impfstoffs abgewartet zu haben?»

Es klang beinahe wie eine Rechtfertigung. Tatsächlich wird diese egoistische Strategie von verschiedenen Seiten kritisiert. Die Kaufverträge diverser Länder heize das weltweite Gerangel um Impfstoffe durch reiche Länder weiter an, schreibt etwa die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Dies nähre den gefährlichen Trend hin zum Impfstoff-Nationalismus.

Die USA alleine sichern sich 700 Millionen Impfdosen

Keine Freude an dieser Entwicklung hat die internationale Impfallianz Gavi. Zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation, der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung sowie weiteren Organisationen hat Gavi eine Initiative namens Covax gegründet. Mit dieser soll der weltweite Zugang zu Corona-Impfstoffen gesichert werden. Über 75 reiche Länder, darunter die Schweiz, sowie 90 arme Länder nehmen daran teil. Dabei sollen die Nationen die Impfstoffe über Covax einkaufen. Damit will die Initiative sicherstellen, dass alle Teilnehmer im Verhältnis zur Bevölkerungsgrösse gleich behandelt werden.

Mit Covax soll verhindert werden, was bei der letzten Pandemie passierte. Als die Schweinegrippe in den Jahren 2009 und 2010 grassierte, kauften die reichen Länder die meisten verfügbaren Impfungen auf. Da die Schweinegrippe relativ harmlos verlief, fiel die ungerechte Verteilung nicht so stark ins Gewicht. Die Coronapandemie trifft die Welt dagegen ungleich härter.

Doch die Covax-Initiative hat einen Mangel: Mächtige Länder wie die USA, China oder Russland beteiligen sich nicht. Vielmehr haben die Vereinigten Staaten so viel Geld wie kein anderes Land in die eigene Impfstoffversorgung investiert. Mittels vier Verträge hat sich das Land 700 Millionen Impfdosen im Wert von knapp acht Milliarden Dollar gesichert, wie eine Zusammenstellung der Nachrichtenagentur Reuters zeigt. Zudem haben die USA die Option für weitere 1,2 Milliarden Dosen.

Schweiz soll sich auch für gerechte Verteilung einsetzen

Prof. Marcel Tanner, Epidemiologe und Präsident der Akademien Schweiz.

Prof. Marcel Tanner, Epidemiologe und Präsident der Akademien Schweiz.

Christian Flierl / STPH

Und was ist vom Vorgehen der Schweiz zu halten? Die Schweiz müsse sicherstellen, bei der Versorgung mit Impfstoffen nicht hinten anstehen zu müssen, sagt Epidemiologe Marcel Tanner. Daher begrüsst das Mitglied der Corona-Taskforce des Bundes den Vertrag mit Moderna. Die Bevölkerung der Schweiz müsse Gewissheit haben, dass sich der Bund bei der Impfstofffrage engagiere. «Gleichzeitig stehen wir als Schweiz in der Pflicht, uns auch für eine gerechte Verteilung der Impfstoffe einzusetzen», sagt Tanner.

«Es ist unsere Verantwortung, insbesondere jene Länder miteinzubeziehen, die wir ohnehin schon in Partnerschaften und humanitär unterstützen.»

Solange sich die Schweiz nicht einseitig für die Beschaffung von Impfstoffen im eigenen Land einsetze, sieht Tanner im Vertrag mit Moderna kein Problem. So sei etwa von der Öffentlichkeit kaum bemerkt worden, dass das Aussendepartement 400 Millionen Franken gesprochen haben, um die Auswirkungen der Pandemie vor allem in Entwicklungsländern zu lindern. Zudem unterstütze der Bund die Impfallianz Gavi.

Wichtig sei auch, dass sich die Schweiz auch bei den klinischen Studien für Coronaimpfstoffe einbringe. Tanner meint damit die Forschung und Entwicklung, denn das werde die Position des Landes gerade auch in der Verteilungsfrage stärken.

Investoren wollen Geld sehen

Wie sehr sich die Schweiz in dieser Frage einbringen will und kann, wird sich zeigen. Für die Hersteller der Impfstoffe geht es derweil um handfeste wirtschaftliche Interessen. Das zeigt sich exemplarisch an Moderna. Die junge Biotechfirma hat noch kein Produkt auf dem Markt. Entsprechend gross ist der Druck der Investoren, mit dem Impfstoff Geld zu verdienen. Seit Anfang Jahr hat sich der Aktienkurs beinahe vervierfacht.

Moderna fordert deutlich mehr für seine Impfung als die Konkurrenz. Eine Dosis werde zwischen 32 und 37 Dollar kosten, wenn ein Land kleinere Volumen bestelle, sagte Firmenchef Stéphane Bancel diese Woche. Der US-Pharmakonzern Pfizer etwa verlangt 19.50 Dollar, Johnson & Johnson zehn Dollar und Astrazeneca vier Dollar pro Dosis. Diese Preise lassen sich aus den Verträgen mit der US-Regierung ableiten.

Im Gegensatz zu Moderna und Pfizer haben sich Astrazeneca und Johnson & Johnson dazu verpflichtet, ihre Impfungen während der Pandemie ohne Gewinn zu verkaufen. Denn der Druck auf die Pharmaindustrie ist gross, aus der Coronakrise keinen Profit zu schlagen. Es ist damit zu rechnen, dass Moderna sich aufgrund des hohen Preises scharfer Kritik aussetzen wird.

Ärmere Länder könnten aufgrund der Hamsterkäufe reicher Nationen leer ausgehen oder sich die Impfungen wegen der hohen Preise nicht leisten. Werde aber nur die Bevölkerung in den Industrieländern geimpft, so lasse sich die Pandemie nicht kontrollieren, sagt Seth Berkley, Chef der Impfallianz Gavi, kürzlich zu Reuters. In den ärmeren Ländern wüte das Virus dann weiter.