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Kolumne

Jenseits von Wahr und Falsch

Mit einem neuen Ansatz liesse sich eine progressivere Schweiz bauen. Dafür muss man erkennen, dass Realität so viele Formen hat, wie es Individuen gibt.
Edy Portmann

«Chancenland Schweiz» war das Motto der überparteilichen Initiative Operation Libero bei den Wahlen. In diesem Sinne unterstützte diese Politiker unterschiedlicher Parteien mehr oder weniger erfolgreich.

Was sie genau unter dem Motto verstanden, das legte Flavia Kleiner im Juli in einem Interview dar. In Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten unseres Systems sprach sie sich damals dafür aus, eine progressive Ordnung einzuläuten. Sie setzte sich für eine in die Zukunft gerichtete, offene Schweiz ein, die Themen wie Klimaschutz, Generationenvertrag sowie Gleichstellung und Digitalisierung vorantreibt und hierbei auf Zusammenarbeit mit Europa setzt. Dazu bedürfe es einer Bündelung aller progressiven Kräfte, meinte sie. Und das bedeutete, das veraltete Rechts-Links-Denken zu durchbrechen und unser Politsystem so zu sehen, wie es ist.

Ihr Chancenland versucht Grenzen einzelner Standpunkte zu überwinden, um dadurch Neuem Platz zu machen. Das MIT Media Lab, das solche Versuche praktisch erforscht, vergleicht diese mit «nicht­linearen Wissenschaften» des Mathematikers Stanislaw Ulam, der diese scherzhaft mit der Zoologie als «Studium von Nicht-Elefantentieren» verglich. Was mich wiederum an eine indische Geschichte von vier blinden Männern erinnert, die einen Elefanten mit der Hand erkunden: Einer spürt dessen Ohr und glaubt, dass dies ein Fächer sei, ein anderer berührt sein Bein und denkt, dass es eine Säule ist, ein dritter klopft den Körper und erklärt ihn zur Wand und ein vierter greift sich den Schwanz und sagt, dass dieser ein dickes Seil sei. Alle haben irgendwie Recht, aber keiner kommt der Vielseitigkeit unserer Realität nahe. Erst durch die Zusammenfügung aller Standpunkte entsteht ein ganzheitliches Bild.

Auf dieser Erkenntnis formten die alten Inder ihre Logik der «Catuskoti», in der Existenz und Nicht-Existenz in fast allem stecken, und so jede Aussage, jede Ansicht und jede Position teilweise wahr und teilweise falsch ist. In dieser Logik gibt es keine Gewissheit mehr, zumindest keine, die wir erkennen könnten. Sie erlaubt uns zu sehen, dass all das, was für den einen ist, für den anderen nicht ist. Im Verlaufe der Zeit erreichte diese Logik auch Japan. In Kyoto gibt es den Ryōan-ji-Garten, der fünfzehn Steine auf einem Feld aus weissem Kies hat. Das Besondere an diesem Garten ist, dass Besucher diese Steine nie alle auf einmal sehen können – also frei nach dem Motto, dass niemand alles sieht.

Diese Denkhaltung lässt uns eine Welt erkennen, in der Realität so viele Formen hat, wie es Individuen gibt. Flavia Kleiner und die Operation Libero wollten mit dem Chancenland unser Politsystem dahin verändern, dass die einzelnen Politiker die voneinander wahrgenommene Realität respektieren, um so eine progressive Schweiz zu ermöglichen. Die «Vielseitigkeit unserer Realität», von den Indern Anekāntavāda genannt, auf die der Logiker Lotfi Zadeh als Einschlussgrade verwies, stellt einen Weg dar, wie die Politiklandschaft vorangetrieben und Konflikte ganzheitlich gelöst werden könnten.

Mit den Einschlussgraden schlägt uns Zadeh einen logischen Ansatz von Klassen unscharfer Grenzen vor, in denen es Grade zwischen Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit geben kann. Themen können darin konkretisiert werden, indem man verwandte Themen einen Einschlussgrad, der zwischen 0 und 1 liegen kann, zuordnet. So kann ein Thema wie das «Klima», welches bei uns seit Sonntag eine zentrale Rolle zu spielen scheint, einen fast vollständigen Einschlussgrad (0,9), ein peripheres Thema wie «Blockchain» hingegen einen geringeren Grad (etwa 0,6) aufweisen. Mit diesem Ansatz liesse sich eine progressivere Schweiz bauen.

Folgen wir Kleiner also und «nehmen das Ruder in die Hand», wie sie damals im Interview sagte, und nutzen das weitgeöffnete «Window of Opportunity».

Der gebürtige Luzerner Edy Portmann ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST- Institut der Universität Freiburg.

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