JOBMARKT: Männer entdecken Teilzeitarbeit

Wenige Schweizer Männer arbeiten Teilzeit. Viele würden hingegen gerne ihr Jobpensum reduzieren – das ist aber häufig alles andere als einfach.

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Wer sein Arbeitspensum reduziert, erhält mehr Zeit für die Familie. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Wer sein Arbeitspensum reduziert, erhält mehr Zeit für die Familie. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

«Wer in der Schweiz einen Job in einer Führungsposition haben will, muss heute meistens 100 Prozent arbeiten», sagt Andy Keel (34). Er spricht aus Erfahrung. Bereits im Alter von 28 Jahren leitete er das Finanzcontrolling bei der Credit Suisse. Doch der Job begann sein Privatleben zu beeinträchtigen. Der Familienvater fühlte sich bald wie einer von 70 Prozent der Schweizer Vollzeitmänner, die laut einer Umfrage unter zu viel Arbeit leiden und den Wunsch haben, mehr Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Andy Keel entschied sich damals, sein Leben zu verändern. Heute ist er selbstständig und arbeitet Teilzeit. Zwischendurch war er anderthalb Jahre Hausmann. Der Leiter der schweizweiten Kampagne für den Teilzeitmann ist überzeugt, dass mehr Männer seinem Beispiel folgen sollten.

Teilzeit bei Frauen beliebt

In der Tat, der Anteil an Männern, die ihr Arbeitspensum reduziert haben, ist in der Schweiz immer noch gering. Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) aus dem Jahr 2013 zeigen, dass seit 1991 die Teilzeitarbeit zwar sowohl bei den erwerbstätigen Frauen als auch bei den Männern gestiegen ist. Seit Anfang der 1990er-Jahre arbeiten über die Hälfte (59 Prozent) der Frauen Teilzeit, bei den Männern stieg der Anteil bis 2013 hingegen nicht über 14 Prozent (siehe Grafik). Damit hatten Ende 2013 in der Schweiz nur 355 000 Männer einen Teilzeitjob.

Bild: Grafik BFS / Grafik Oliver Marx

Bild: Grafik BFS / Grafik Oliver Marx

Laut BFS ist hernach Teilzeitarbeit ein typisches Merkmal der weiblichen Erwerbstätigkeit. Einerseits bedeute Teilzeitbeschäftigung häufig ungesicherte Arbeitsverhältnisse, schlechtere soziale Absicherungen (zum Beispiel bei der Pensionskasse) sowie geringere Weiterbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen. Andererseits bietet sie aber auch die Möglichkeit, neben der Erwerbsarbeit andere Tätigkeiten zu übernehmen – wie zum Beispiel Kinderbetreuung, Hilfeleistungen oder Hausarbeit.

Es braucht vor allem Mut

Ortstermin Neubad am vergangenen Donnerstagabend in Luzern. Thomas Stucki (42) redet vor einem Plenum offen über seine Erfahrungen als Teilzeitmann. «Ich wollte schon immer anders leben», sagt der Luzerner. Kinderbetreuung sei ihm wichtig. Der Medienbeauftragte gesteht gleichzeitig, dass seine Entscheidung, Teilzeit zu arbeiten, Mut gebraucht habe. Das bestätigen auch andere Teilzeitmänner an diesem Abend. Sich bewusst für mehr Zeit für die Familie entschieden zu haben, setze die Überzeugung voraus, das Richtige zu tun. Denn noch oft trifft «Mann» bei einem solchen Vorhaben auf veraltete gesellschaftliche Klischees. Der Teilzeitmann erscheint häufig als unmännlich – weil zu wenig karriereorientiert. «Teilzeitarbeitende Männer werden heute in der Gesellschaft vielfach nicht ganz ernst genommen», weiss Keel. Um mit solchen Vorurteilen aufzuräumen, schuf er das Projekt «Teilzeitmann». Ein vierköpfiges Team rund um Andy Keel will dazu beitragen, dass der Anteil teilzeitarbeitender Männer in der Schweiz bis ins Jahr 2020 auf über 20 Prozent steigt.

Verständnis bei Arbeitgeber nötig

Im Rahmen des Projektes werden in Schweizer Städten Afterwork-Veranstaltungen und Informationsanlässe für Un­ternehmen organisiert. Zum Beispiel war Keel mit seinem Team kürzlich zu Gast bei der Luzerner Kantonalbank. Grosses Interesse gab es auch bei einem Anlass der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz, zu dem im vergangenen Jahr mehr als 300 Unternehmer aus der gesamten Zentralschweiz kamen. «Wir wollen mit solchen Veranstaltungen das Bewusstsein für Teilzeitarbeit bei Männern verbessern», sagt Keel, «jedoch nicht nur bei ihnen – auch bei Arbeitgebern.»

Positiv für Frauen

Diese Aufklärungsarbeit sei gleichzeitig auch positiv für Frauen. Denn diese arbeiten in der Schweiz traditionell eher Teilzeit als Männer – ebenfalls ein Klischee, findet Keel. «Frauen sind heute oftmals sehr gut ausgebildet, da ist es bestimmt nicht falsch, wenn die Arbeit besser verteilt wird», meint er. Wenn mehr Männer Teilzeit arbeiten, dann müssen seiner Meinung nach auch mehr Frauen ihr Arbeitspensum erhöhen.

Träger des Projektes «Teilzeitmann» ist der Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen männer.ch, finan­ziert wird der «Teilzeitmann» aber durch das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG).

Vorteile für Arbeitgeber

«Für mich persönlich bedeutet Teilzeit mehr Ausgleich, mehr Zeit für die Familie, mehr Zeit für all die tollen Dinge, die das Leben neben der Arbeit offeriert», sagt Felix Howald, Direktor der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz. Er engagiert sich persönlich für mehr Teilzeit bei Männern. «Ich arbeite selber 80 Prozent und habe damit gute Erfahrungen gemacht», sagt Howald. «Auch wenn ein 80-Prozent-Pensum in meinem Job schwierig ist, weil ich mit all meinen Verpflichtungen weit über die üblichen 42 Stunden arbeite, so gibt mir die Teilzeit eine gewisse Freiheit, ab und zu frei zu nehmen», sagt er. Manager wie Felix Howald zeigen, dass es durchaus auch anders gehen kann.

Auch den Arbeitgebern biete das Teilzeit-Modell seiner Ansicht nach nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern Vorteile – so zum Beispiel tiefere Kosten, motivierte Mitarbeiter. «Teilzeit bedeutet, mehr Übertragung von Aufgaben und Verantwortung an das Team weiterzugeben. Es ist zudem ein Imagegewinn auf dem Arbeitsmarkt», ist Felix Howald überzeugt. Seiner Meinung nach findet bereits ein Umdenken bei vielen Firmen statt, weil sie darin auch den Vorteil erkennen, mit Teilzeitangeboten qualifizierte Arbeitnehmer an sich binden zu können.

Für den UBS-Schweiz-Chef Lukas Gähwiler ist das Teilzeit-Modell ein Mittel gegen den drohenden Fachkräftemangel in der Schweiz. Dieser könne zumindest teilweise dank Frauen gebremst werden, wie er jüngst erklärte. Das Teilzeitmodell würde allerdings bedingen, dass weniger Frauen Teilzeit arbeiten.