JOBWECHSEL: Grosse Verantwortung in kleiner Firma

Auf der Suche nach mehr Zufriedenheit entscheiden sich viele Führungskräfte, einen Konzern zu verlassen. Der Wechsel zu einer kleinen Firma muss kein Abstieg auf der Karriereleiter sein.

Martina Gyger
Drucken
Teilen
Sie haben in kleinen und mittleren Unternehmen Karriere gemacht: Adrian Steiner (rechts), Chef der Thermoplan, David Dean (oben), Chef von Bossard (ZG), und Roland Martin (unten), Chef der B. Braun Schweiz. (Bild: Archiv Neue LZ)

Sie haben in kleinen und mittleren Unternehmen Karriere gemacht: Adrian Steiner (rechts), Chef der Thermoplan, David Dean (oben), Chef von Bossard (ZG), und Roland Martin (unten), Chef der B. Braun Schweiz. (Bild: Archiv Neue LZ)

Nicht immer zählt das Geld. Manche gut verdienenden Kaderleute von grossen Konzernen haben den Wunsch, in eine kleinere Firma oder einen kleineren Bereich zu wechseln – und nehmen Gehaltseinbussen bereitwillig in Kauf. Sie hoffen, im Mittelstand könne man schneller Verantwortung übernehmen. Oft zu Recht. Manager von Grosskonzernen sind bei kleineren Unternehmen willkommen. «Für KMU ist ein solches Kaliber mit all seiner Erfahrung, beispielsweise im Aufbau neuer Geschäftseinheiten und neuer Geschäftsmodelle oder Reorganisationen und strategischer Allianzen, ein absoluter Gewinn», sagt Andreas Baumann, Führungscoach bei Consultingworld in Zug.

KMU bieten jedoch oft nicht den gleichen Handlungsspielraum. Das kann zum Problem werden. Baumann stellt fest, dass Geschäftsführer und Manager von KMU, die von Grosskonzernen kommen, oft Mühe in kleineren Unternehmen bekunden, wo eher ein Familiengeist herrsche. «Man bewegt sich auf komplett unterschiedlichen Bühnen mit diametralen Kulturen, Werten und Gesetzmässigkeiten.»

Viele erfolgreiche Manager, die schnelles Agieren und den hektischen Alltag in Grosskonzernen gewohnt seien, träfen in KMU mitunter auf überschaubarere und gemächlichere Abläufe. «Wenn es auch ein durchaus dynamisches Unternehmen sein kann, so ist doch alles etwas kleiner – die Zahl der unterstellten Mitarbeiter und nicht zuletzt das Gehalt», sagt er. «Manager, die ihren Selbstwert über ein möglichst hohes Gehalt und eine grosse Leitungsspanne definieren, sind in KMU definitiv am falschen Ort.»

Viele kleinere, inhabergeführte Unternehmen oder Firmen im Familienbesitz durchlaufen seit einigen Jahren Modernisierungen und Neustrukturierungen und müssen sich international ausrichten. Sie bieten Jobs, beispielsweise für Betriebswirte und Wirtschaftsingenieure mit Erfahrung, die äusserst anspruchsvoll sind, ein hohes Mass an unternehmerischer Verantwortung bieten – und obendrein gut bezahlt werden.

Viele gute Beispiele in der Region

Auch in der Region gibt es viele kleine und mittlere Familienunternehmen, in denen externe Führungskräfte Karriere gemacht haben. Der stark wachsende Kaffeemaschinenhersteller Thermoplan in Weggis wird von Adrian Steiner geführt, der seit mehr als zwölf Jahren im Unternehmen arbeitet. Auch der florierende Schraubenhändler Bossard aus dem Kanton Zug wird mit David Dean von einem Manager geleitet, der im Unternehmen Karriere gemacht hat. Das Medizinaltechnikunternehmen B. Braun mit über 500 Mitarbeitern in der Zentralschweiz floriert ebenfalls unter dem Chef Roland Marti. Er arbeitet seit 1985 für die Schweizer Gesellschaft des deutschen Familienunternehmens und ist seit 2001 deren Chef.

Als Berater selbstständig machen

Allerdings sei es schwierig, herauszufinden, welche Firma aktuell daran ist, zu wachsen und ins Ausland zu expandieren, sagt der Geschäftsführer des schweizerischen KMU-Verbandes, Roland Rupp. «Viele ehemalige Manager von Grosskonzernen machen sich zurzeit eher als Berater selbstständig, als dass sie in einen kleineren, inhabergeführten Betrieb wechseln. Dort können sie ihre Erfahrungen im Consulting oder aus der Selbstständigkeit am besten einbringen.»

Das trifft auch auf Heinrich Truffer zu. Sechs Jahre war er in zwei Grosskonzernen der Elektroinstallationsbranche als Geschäftsleiter und Bereichsleiter tätig, bevor er sich im Jahre 2009 entschloss, sich selbstständig zu machen und eine Firma zu gründen. Er ist Inhaber und Geschäftsführer der Firma Solektra AG in Luzern, welche Lösungen für Solarstromanlagen und andere elektrische Projekte anbietet, projektiert, errichtet und wartet.

Erfahrungen als Selbstständiger mit einem eigenen Elektrounternehmen hatte er bereits im Rucksack. Die Arbeit in Konzernen dagegen hat ihn ernüchtert: «Vielfach zu wenig Kompetenzen, zu viel Bürokratie und Leerlauf.» Er habe sich unter zu vielen, zu wenig unternehmerisch denkenden Managern nicht genügend entfalten und einbringen können. «Es gibt für mich nichts Befriedigenderes, als mein eigener Herr und Meister zu sein», sagt er.

Auch Adrian Schmid, Inhaber der IBS Business Solution AG in Root, empfindet es als grossen Vorteil, selber eine Strategie durchsetzen zu können, kürzere Entscheidungswege und grössere Freiheit zu haben. Er ging nach dem Wirtschaftsinformatikstudium zunächst zu einem Grosskonzern in der Telekommunikation, wo er zwei Grossprojekte führte.

Es braucht hohe Disziplin

Nach einer Reorganisation nahm er eine befristete Herausforderung bei einem grossen Handelsunternehmen an. «Aus Freude, Liebe und aus der Not heraus», wie er sagt, wandelte er seine bereits während des Studiums gegründete Firma IBS Career Line in die IBS Business Solution AG um. Hohe Eigendisziplin, finanzieller Druck und juristische Herausforderungen rund um die Firmengründung sowie die Einbusse an freier Zeit sind die Herausforderungen.

Leitplanken selbst bestimmen

Auch Federico Domenghini machte sich nach fünfjähriger Tätigkeit als Wirtschaftsjurist bei einer weltweit tätigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft als Partner in einem Anwaltsbüro und Notariat in Luzern selbstständig. Sein Know-how für das eigene Unternehmen einzusetzen, war auch sein Hauptmotiv. Mehr Freiheit zu haben, sei eine äusserst «positive Nebenwirkung», welche aber auch grössere Verantwortung bedeute. «In Grossunternehmen gibt es Leitplanken, solche muss man als Selbstständiger selbst bestimmen.» Beispielsweise könne er sein Personal nun selbst auswählen.

Aufgrund seiner Erfahrung als beratender Anwalt von kleineren und mittleren Unternehmen stellt Domen­ghini fest, dass die Arbeit in kleineren Betrieben deutlich anspruchsvoller und aufwendiger als im Grosskonzern sein kann. Die psychische und physische Belastung werde oft unterschätzt, da die Verantwortung für die Qualität grösser und die Ansprüche seitens der Kunden viel fordernder sein könnten. Viele, die meinten, sie könnten in einem KMU ein ruhigeres Leben führen, könnten enttäuscht werden, sagt er.

Ein Wechsel muss gut überlegt sein

Entscheidungred. Bevor man von einem Grosskonzern zu einem kleineren KMU wechselt, sollte man sich einige Fragen stellen. Hier die wichtigsten:

- Ist der Wechsel ein wirkliches Bedürfnis, oder handelt es sich um eine vorübergehende Laune? Vorsicht, die Gefahr, in Arbeit zu ersticken, existiert auch in einem kleineren Unternehmen.
- Stimmen Aufgabe, Lohn, Ziele und Werte der Firma mit Ihrem Selbstverständnis überein?
- Sind Sie bereit, eine Entscheidung von A bis Z zu verantworten? Anders als in einem Konzern kann man in einem kleinen Unternehmen nicht diverse Arbeitsgruppen einberufen, um etwas abzuklären.
- Sind Sie bereit, mit allen möglichen Aufgaben betraut zu werden? Oft sind in kleineren Firmen die Grenzen der einzelnen Positionen nicht so eindeutig.
- Geben Sie sich mit weniger Gehalt zufrieden?

 

Wo liegen die Unterschiede?

Nachgefragt bei Urs Kaufmann. Er ist diplomierter Laufbahnberater und Partner bei Consilias Partner GmbH in Luzern. Das Beratungsunternehmen ist spezialisiert auf Laufbahn und Karriere, Personalentwicklung und Outplacement.

Ziehen Führungskräfte vermehrt kleinere Unternehmen den Grosskonzernen vor?

Urs Kaufmann: Ein wachsender Trend für einen Wechsel von Führungskräften von Grossfirmen zu KMU ist aus meiner Sicht nicht auszumachen. Ich stelle fest, dass vor allem jüngere Führungskräfte den Wunsch haben, in einem renommierten Konzern Berufserfahrungen zu sammeln. Wer würde spannende Karrieremöglichkeiten bei Firmen mit klingenden Namen wie Google oder Nestlé nicht zumindest ernsthaft prüfen?

Warum verlassen Manager dann Grosskonzerne?

Kaufmann: Führungskräfte, die einen Wechsel von einem Konzern in ein KMU anstreben, suchen zum Beispiel eine grössere Vielfalt in der Arbeit. Während Funktionen in einer grossen Firma oft einen hohen Spezialisierungsgrad aufweisen, ist man in einem mittelständischen Betrieb eher Generalist und damit für ein breiteres Aufgabengebiet zuständig.

Gibt es weitere Unterschiede?

Kaufmann: Da eine Karriere in einem Konzern oft nach klar strukturierten Vorgaben verläuft, indem eine Hierarchiestufe nach der anderen erklommen wird, gestaltet sich der Karriereweg in einer kleinen Unternehmung meist flexibler. Und nicht zuletzt kann der Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit und Unternehmertum ebenfalls der Grund für einen Übertritt in eine kleinere Firma sein.

Wo liegen die Risiken?

Kaufmann: Eine Lohneinbusse ist bei einem Wechsel von einem Grossunternehmen in eine kleinere Firma nicht zwingend, muss aber als mögliches Risiko zumindest in Betracht gezogen werden, weil kleinere Firmen in der Regel nicht über dasselbe finanzielle Potenzial verfügen. Zu bedenken ist zudem, dass ein kleineres Unternehmen den Mitarbeitenden nicht unbedingt dieselben Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten kann wie beispielsweise ein international tätiger Konzern. In Bezug auf die Arbeitsplatzsicherheit ist die Grösse kein Kriterium. Gut aufgestellte und innovative Mittelständler bieten genauso viel Sicherheit wie ein Grossunternehmen.

Gelten im Mittelstand andere Regeln als in einem Grosskonzern?

Kaufmann: Ich denke, dass vor allem in der Unternehmenskultur Unterschiede bestehen, die sich direkt auf die Zusammenarbeit auswirken. Weniger Mitarbeitende heisst im Optimalfall eine höhere Transparenz in der Firma, kürzere Entscheidungswege und flachere Hierarchien. In einer Grossfirma besteht mehr Distanz, was beispielsweise andere Anforderungen an die Form der Kommunikation stellt.

Welche Fragen sollte man sich vor einem solchen Wechsel unbedingt stellen?

Kaufmann: Grundlegend ist die Frage nach der Motivation: Was bewegt mich zu einem Wechsel, und welche Ziele sollen damit erreicht werden? Wie viel Veränderung strebe ich an, und welches sind die möglichen Konsequenzen, wenn ich mich für den Schritt entscheide?