ABB
Joe Hogan wird eine Lücke hinterlassen

Drei Tage nach seinem 56. Geburtstag tritt Joe Hogan zurück. Grund ist offenbar ein Krankheitsfall im engsten Familienkreis. Der CEO des Automations- und Energietechnikkonzerns geniesst weitherum einen guten Ruf.

Matthias Niklowitz und Roman Seiler
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Ein nachdenklicher ABB-CEO: Joe Hogan tritt aus privaten Gründen zurück. KEYSTONE

Ein nachdenklicher ABB-CEO: Joe Hogan tritt aus privaten Gründen zurück. KEYSTONE

Selbst die Angestellten erfuhren vom Wechsel in der Chefetage nur über die Medien: Nach gut viereinhalb Jahren tritt der Amerikaner drei Tage nach seinem 56. Geburtstag überraschend «aus privaten Gründen» zurück, wie ABB am Freitag mitteilte.

Er habe den Verwaltungsrat informiert, dass er sich entschlossen habe, ABB zu verlassen, lässt sich Joe Hogan zitieren. «Es war ein schwieriger Entscheid, zumal ich ein starkes und talentiertes Führungsteam und einen Verwaltungsrat hatte, auf die ich immer zählen konnte.»

Kein Zerwürfnis

Für Headhunter verstecken sich hinter der Floskel «private Gründe» oft Zerwürfnisse auf Chefetage. Hier ist es anders. «Es ist nicht die Gesundheit, es hat nichts mit dem Geschäftsgang zu tun, und es liegt auch nicht an Problemen in der Zusammenarbeit mit dem Verwaltungsrat», sagte ein ABB-Sprecher auf Anfrage.

Joe Hogan ist seit 31 Jahren verheiratet und hat drei Kinder. Zwei der Kinder haben in den letzten Jahren in den USA studiert. Lediglich der jüngste Sohn war beim Wechsel von General Electric zu ABB in die Schweiz mitgekommen und in einem Vorort von Zürich in die Schule gegangen. Laut Personen, die mit den Umständen vertraut sind, gebe es einen ernsthaften Krankheitsfall im engsten Familienkreis. Deshalb ziehe die Familie wieder zurück in die USA. «Wir geben keine Auskunft zu seinem Privatleben», sagte ein ABB-Sprecher.

Hogan leitet den Konzern so lange weiter, bis die Nachfolge geregelt ist. «Ich möchte einen reibungslosen Übergang sicherstellen», sagt Hogan.

Laut Beobachtern ist das ein Hinweis, dass die nächsten beruflichen Schritte von Hogan noch offen sind. «Mit seinem Leistungsausweis würde er problemlos einen sehr gut dotierten Spitzenjob bekommen», meint ein Headhunter.

Hogan hatte seit seinem Amtsantritt im September 2008 den Konzern mit wenig Blessuren durch die Wirtschaftskrise geführt. In Reichweite liegen theoretisch Top-Stellen in der Industrie, inklusive der ersten Adresse General Electric.

In diesem Konzern hatte Hogan 23 Jahre gearbeitet und es bis zum Leiter der Healthcare-Sparte gebracht. «Möglicherweise wird er beruflich kürzertreten, denn ein Spitzenjob bedeutet 99 Prozent Arbeit für die Firma und kaum Zeit für die Familie», sagt ein Experte für die Rekrutierung von Spitzenkräften.

Für seine Arbeit wurde Hogan von Analysten geschätzt. «Wir bedauern seinen Abschied», heisst es bei den Experten der Bank Vontobel.

«ABB hat in den letzten Jahren die strategischen Weichen richtig gestellt, indem der Konzern auf die Bereiche Energieeffizienz und erneuerbare Energien gesetzt hat», lobt auch SP-Nationalrat und Gewerkschaftssekretär im Aargau Max Chopard.

In der Ära von Joseph Hogan habe ABB in der Schweiz bei den Arbeitsplätzen leicht zugelegt, trotz der Abbaumassnahmen wie der Schliessung der Fabrik in Deitingen im Bereich Turbo Systems. In der Schweiz investiert wurde in die Halbleiterfabrik Lenzburg, wo zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen wurden, oder in das Forschungszentrum in Baden-Dättwil für Leistungselektronik.

Nur ein interner Spitzenkandidat

Es gibt auch Kritik: Hogan stand im Visier der Anlagestiftung Ethos, die Jahr für Jahr die Löhne der Schweizer Grosskonzernchefs auflistet und kritisiert.

Bei ABB selber sucht man jetzt einen neuen Chef. Die Suche erfolgt laut einem ABB-Sprecher intern und extern. Experten würden es begrüssen, wenn ein interner Spitzenmanager nachrücken würde.

«Ich rechne aber mit einem externen Kandidaten», glaubt ein Analyst, «intern wäre nur Ulrich Spiesshofer ein Kandidat.» Denn Spiesshofer ist Leiter der Sparte «Discrete Automation and Motion», die Produkte für die Automatisierung von Industrien, Steuergeräte und Sensoren entwickelt. Diese Sparte gilt als zukunftsträchtig.