Jugend ohne Arbeit. Trotz zehn Prozent mehr Lehrstellen

In Zürich gibt es so viele Lehrstellen wie noch nie. Dennoch hat ein Viertel der Schulabgänger keinen Lehrvertrag, und die Jugendarbeitslosigkeit ist höher als im Landesdurchschnitt. Das geht aus dem erstmals vorgestellten Lehrstellenbericht hervor.

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Keystone

Martin Reichlin

«Der Lehrstellenmarkt hat der Wirtschaftskrise bisher getrotzt und stellt sich noch relativ entspannt dar», konnte Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) gestern den Medien verkünden. Dies sei dem Engagement aller beteiligten Partner aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft zu verdanken. Dass Letztere auch «in der schärfsten Rezession seit Jahrzehnten Lehrstellen anbieten » sei dem hohen Niveau des hiesigen Berufsbildungssystems zu verdanken, ergänzte Volkswirtschaftsdirektorin Rita Fuhrer (SVP). «Gut ausgebildete Arbeitskräfte gehören zu den wichtigsten Faktoren, um sich im härter werdenden Standortwettbewerb behaupten zu können.» Die Firmen würden Lehrlinge ausbilden «weil sie davon auch profitieren. Sei es, weil Lehrlinge bereits in der Ausbildung rentabel sind, oder weil die Berufsausbildung eine rentable Art der Rekrutierung von Fachkräften darstellt.»

So viele Lehrstellen wie nie

Insgesamt wurden im kantonalen Lehrstellennachweis von September 2008 bis August 2009 10 759 Lehrstellen verzeichnet. Trotz Krise wuchs das Angebot damit im Vergleich zur Vorjahresperiode um 9,5 Prozent oder rund 1022 Stellen. Die Zahl der bis Ende Juli 2009 abgeschlossenen Lehrverträge lag mit 11 112 um ein Prozent höher als im bisherigen Rekordjahr 2008. Zahlenmässig am stärksten legten die Berufsgruppen Heilbehandlung (+376 Stellen), Industrie und Handwerk (+301) sowie Verkauf (+211) zu. Selbst das Angebot an landwirtschaftlichen Lehrstellen wuchs um beachtliche 45 Prozent. Auch im kommenden Jahr sollen gemäss Bildungsstatistik mehr Lehrstellen auf den Markt kommen. Im Oktober wies die Zählung der für 2010 gemeldeten Ausbildungsplätze ein Plus von 718 Stellen aus. 128 davon werden im Bezirk Dietikon angeboten, der hinter der Stadt Zürich Platz zwei auf der kantonalen Rangliste belegt.

Ein Viertel ohne Anschluss

Den erfreulichen Zahlen zum Trotz mussten die Regierungsrätinnen auch auf Probleme hinweisen. So ist die Arbeitslosigkeit bei Zürcher Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren mit 4,1 Prozent um ein Viertel höher als im eidgenössischen Durchschnitt. Ausserdem wurden 2008 über 2900 Lehrverträge vorzeitig aufgelöst und dieses Jahr fanden 24,7 Prozent der Schulabgänger keine Lehrstelle. Die Gründe dafür können laut Bericht Unreife, schulische Defizite oder zu wenig Lehrstellen im Wunschberuf sein. «Diejenigen Jugendlichen, die eine Lehrstelle suchen, müssen sich flexibel zeigen », forderte deshalb Rita Fuhrer.

«Das heisst, dass jemand der Spengler werden möchte, sich vielleicht auch mal bei den Lackierern umschaut.» Zbynek Fristensky, Leiter des kantonalen Berufsbildungsmarketings, nimmt allerdings auch die Firmen in die Verantwortung. «Die Lehrbetriebe haben zum Teil so hohe Ansprüche an die Jugendlichen, dass man meint, sie würden lieber fertig Ausgebildete statt Auszubildende einstellen.» Um die Probleme anzugehen hat die zweite Berufsbildungskonferenz gestern vier Empfehlungen verabschiedet. So sollen Lehrvertragsabbrüche durch bessere Betreuung vermieden, internationale Unternehmen stärker in die Berufsbildung einbezogen, Brückenangebote besser gesteuert und die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen verbessert werden.